15.04.2026 - Klinikum Traunstein

Ein Sturz, ein Ast und ein kleines Wunder

Ein 12-Jähriger, dem ein Ast im Bauch steckt und ein Einsatz, der zeigt, wie knapp das Leben manchmal an einer Katastrophe vorbeischrammt

Es ist der 9. März 2026. Ein gewöhnlicher Tag in der Schulbetreuung der Realschule Freilassing – bis ein 12-jähriger Bub, nennen wir ihn Leo, auf einen etwa zwei Meter hohen Zaun klettert. Was dann passiert, lässt selbst erfahrenen Einsatzkräften den Atem stocken: Der Junge rutscht aus, stürzt. Dann bleibt er 50 cm über dem Boden hängen – durchspießt von einem 3 cm dicken Ast.

Als die sofort alarmierte Feuerwehr eintrifft, ist der Bub bereits mit einer Astschere befreit worden, der Ast wurde unten und oben abgeschnitten. Er schaut jetzt vorne und hinten aus dem Körper des 12-Jährigen heraus. Die Mutter, von der Schule über den Unfall informiert, und auch der Vater kommen sofort an die Unfallstelle und sehen noch die Erstversorgung ihres Sohnes durch die Rettungskräfte.

Kurz darauf landet der Rettungshubschrauber Christoph 14 und fliegt ihn direkt ins Klinikum Traunstein, denn dieses ist als Überregionales Traumazentrum zertifiziert und als Klinik im Schwerstverletzungsartenverfahren (SAV) der Berufsgenossenschaften gelistet. Die Eltern lassen alles liegen und stehen: „Als Leo mit dem Rettungshubschrauber in die Klinik geflogen wurde, haben wir uns zeitgleich mit dem Auto sofort auf den Weg nach Traunstein gemacht.“

Im Schockraum stehen alle bereit

Im Schockraum der Zentralen Notaufnahme des Klinikums Traunstein wartet bereits ein eingespieltes Team. Rund 20 Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte stehen bereit. Neben Dr. Bernd Geffken, einem der Leiter der Kinderchirurgie, sind der Traumaleader der Notaufnahme sowie Ärztinnen und Ärzte der Pädiatrie, der Radiologie und der Anästhesie vor Ort am Patienten:  Jeder Handgriff sitzt, Ultraschall und Computertomografie folgen unmittelbar.

„Solche Verletzungen wirken dramatisch – und können es auch sein. Aber entscheidend ist, strukturiert zu handeln und trotzdem keine Zeit zu verlieren“, sagt Kinderchirurg Dr. Geffken, der zusammen mit Dr. Marc J. Jorysz die kinderchirurgische Praxis und Belegabteilung am Klinikum Traunstein unterhält und für die berufsgenossenschaftliche Versorgung von Kindergarten- und Schulunfällen zuständig ist. „In diesem Fall hatten wir und besonders natürlich Leo das unglaubliche Glück, dass keine lebenswichtigen Organe betroffen waren.“

Die Bilder bestätigen, was zunächst kaum zu glauben ist: Der Ast, rund 30 Zentimeter lang und drei Zentimeter dick, hat den Gesäßmuskel durchbohrt – ohne innere Organe zu verletzen. Er ist zwischen zwei der drei Gluteus-Muskeln „durchgerutscht“, hat sich entlang der Faszien bewegt, etwa sechs bis sieben Zentimeter tief im Körper. Vorn an der Wunde zeigen sich kleine Lufteinschlüsse, doch lebensgefährliche Verletzungen bleiben aus.

Der Ast wird im OP entfernt

Dann folgt der entscheidende Eingriff unter Narkose im OP. Der Ast lässt sich nicht vorsichtig lösen. „Das Entfernen ging nur beherzt“, sagt Dr. Geffken. Mit einem entschlossenen Ruck wird das Holz herausgezogen. Anschließend reinigen die Ärztinnen und Ärzte die Wundhöhle gründlich von Holzsplittern und spülen, bis die Wunde sauber ist.  Diese wird nicht vollständig verschlossen. Stattdessen legen die Ärzte eine Lasche ein, damit die Wunde gut von innen heraus heilen kann.

Die Akut-Versorgung ihres Sohnes ist bereits abgeschlossen, als die Eltern mit dem Auto im Klinikum Traunstein eintreffen: „Da wir beide die Verletzung gesehen hatten, waren wir bei der Ankunft im Krankenhaus erleichtert, als der Arzt uns mitteilte, dass keine Organe oder Muskeln getroffen wurden. Da ist uns beiden schon mal ein großer Stein vom Herzen gefallen.“

Der Junge bleibt zur weiteren Beobachtung auf der kinderchirurgischen Station und der Heilungsverlauf entwickelt sich positiv. Körperlich auf dem Weg der Besserung, ist er seelisch doch etwas erschüttert. Er berichtet von Flashbacks, von einem Gefühl der Enge. Die Klinik organisiert sofort psychologische Betreuung für ihn, noch im Haus, eng angebunden an die medizinische Nachsorge. Am 12. März holen die Eltern Leo wieder nach Hause.

Die Heilung verläuft problemlos

Die folgenden Tage zeigen: Die Heilung verläuft gut. Am 17. März kommt Leo zur Kontrolle, ein Teil der Fäden wird entfernt. Er kommt noch einmal am 20. März in die Klinik und am 26. März schließlich zeigt sich die Wunde reizlos. Trotzdem ist diese Zeit alles andere als ruhig, sagt die Mutter von Leo: „Die erste Woche war sehr ereignisreich. Die Anteilnahme war überwältigend. Nicht nur Freunde und Bekannte haben sich gemeldet. Wir waren zudem im ständigen Austausch mit der Realschule, wo der Unfall natürlich auch hohe Wellen geschlagen hatte. Dazu hat uns die Feuerwehr Freilassing und die Freilassinger Polizeidienststelle angerufen und sich nach Leo erkundigt. Seine Genesung lief zum Glück sehr gut, so dass wir uns deswegen keine Sorgen machen mussten.“

Die Eltern sind erleichtert, dass Leo das Erlebte auch seelisch gut wegsteckt: „Wir haben viel mit ihm gesprochen, ob der Unfall ihn noch belastet. Er meinte, er habe keine Probleme damit und auch keine Träume oder ähnliches. Körperlich ist er wieder fit, fährt Fahrrad, war in den Osterferien oft am Skaterplatz und startet diese Woche wieder in seinem Fußballverein. Für uns Eltern war das natürlich ein Schock, aber da Leo einen Schutzengel hatte und alles so gut verlaufen ist, hat uns das schon erleichtert.“

Alles wird gut

Radiologisch wird der Fall ebenfalls dokumentiert. Dr. Wolfgang Weiß, Chefarzt der Radiologie, fertigt eine 3D-Rekonstruktion an – ein präzises Abbild einer Unfallfolge, die ebenso außergewöhnlich wie lehrreich ist. Und die Prognose? Sehr gut. „Bis auf die Narben erwarten wir keine bleibenden Schäden“, sagt Dr. Jorysz im Gespräch. Ein Satz, der nach diesem Vorfall fast wie ein Wunder klingt – und doch das Ergebnis schneller Hilfe, klarer Abläufe und medizinischer Erfahrung ist. Es bleibt eine Geschichte, die zeigt, wie schmal der Grat sein kann, und ein Leben steht still. In diesem Fall geht es weiter. Lediglich mit Narben. Und mit Glück.