26.06.2026 - Kreisklinik Bad Reichenhall

Wenn die Blase nicht dicht hält

Gesundheit AKTIV Vortrag über moderne Diagnostik und Therapien bei Harninkontinenz am 2. Juli 2026 von 16 Uhr bis 17.30 Uhr in der Kreisklinik Bad Reichenhall

Viele Frauen kennen das Problem, sprechen aber nicht darüber. Ein ungewollter Urinverlust beim Husten, Niesen oder Lachen. Ständiger Harndrang. Die Sorge, unterwegs keine Toilette in der Nähe zu haben. Harninkontinenz gehört zu den häufigsten Gesundheitsproblemen von Frauen und gleichzeitig zu den am stärksten tabuisierten.

„Viele Frauen verschweigen ihre Beschwerden aus Scham“, weiß die Gynäkologin Dr. Yvonne Winkler, Leitende Oberärztin der Frauenklinik an der Kreisklinik Bad Reichenhall, und erläutert: „Aber Harninkontinenz und Beckenbodensenkungen sind weit verbreitet und heute in vielen Fällen gut behandelbar. Harninkontinenz tritt häufig gemeinsam mit einer Schwächung der Beckenbodenmuskulatur oder einer Beckenbodensenkung auf. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Schwangerschaften und Geburten können den Beckenboden belasten. Hinzu kommen hormonelle Veränderungen in den Wechseljahren sowie altersbedingte Veränderungen des Bindegewebes.“

Wie viele Frauen betroffen sind, verdeutlichen aktuelle Zahlen. „Man kann sagen, dass in Deutschland circa 20 Prozent der über 60-jährigen Frauen von Inkontinenz betroffen sind“, erklärt Dr. Thomas Hofmann, Oberarzt der Urologie am Klinikum Traunstein. „Bei der Hälfte von ihnen handelt es sich um eine Belastungsinkontinenz, bei der Urin bei Husten, Lachen, Niesen oder schwerem Heben austritt.“

Daneben gibt es weitere Formen: Rund 29 Prozent der Betroffenen leiden unter einer Dranginkontinenz. Dabei verlieren Frauen Urin ohne körperliche Belastung und verspüren gleichzeitig einen ständigen Harndrang. Etwa 22 Prozent haben eine Mischinkontinenz, also eine Kombination aus Belastungs- und Dranginkontinenz. Bei einem kleinen Teil liegen andere Ursachen vor, etwa neurologische Erkrankungen.

Die Auswirkungen reichen weit über die körperlichen Beschwerden hinaus. „Harninkontinenz und Beckenbodensenkungen sind keine bösartigen Erkrankungen, an denen man stirbt. Aber sie schränken die Lebensqualität erheblich ein“, sagt Dr. Yvonne Winkler, „viele Frauen ziehen sich zurück, verzichten auf Sport, Treffen mit Freunden oder das Spielen mit Kindern.“

Trotz dieses Leidensdrucks suchen viele Betroffene erst spät ärztliche Hilfe. Dabei stehen heute zahlreiche diagnostische und therapeutische Möglichkeiten zur Verfügung. Die Behandlung richtet sich immer nach der individuellen Situation der Patientin. „Bei der Behandlung von Beckenbodensenkungen mit Harninkontinenz gibt es kein Standardverfahren“, erläutert Dr. Winkler. „Deshalb lasse ich mich vom biologischen Alter der Frauen leiten, das rund 15 Jahre vom kalendarischen abweichen kann.“

Für aktive Frauen mit hohen körperlichen Ansprüchen kann beispielsweise eine laparoskopische Operation mit Netzimplantat sinnvoll sein. Dieser Eingriff ist zwar aufwendiger und dauert länger, gilt jedoch als schonend und ermöglicht weiterhin eine unbeschwerte Sexualität. Frauen, die kein Fremdmaterial wünschen, können dagegen von einer vaginalen Operationsmethode profitieren. Dabei besteht auch die Möglichkeit, schmale Netzbänder einzusetzen. Neben operativen Verfahren spielen konservative Therapien eine wichtige Rolle. Dazu gehören physiotherapeutische Maßnahmen, gezieltes Muskeltraining des Beckenbodens sowie medikamentöse Behandlungen. Welche Therapie infrage kommt, hängt wesentlich von der Form der Inkontinenz ab.

„Bei einer isolierten Dranginkontinenz kann man die Blase medikamentös ruhigstellen“, erklärt Dr. Thomas Hofmann, „liegt dagegen eine eindeutige Belastungsinkontinenz vor, kommen Schlingenoperationen oder Injektionsbehandlungen infrage. Dabei werden Gel-Depots in die Schleimhaut der Harnröhre eingebracht.“ Entscheidend für die Wahl der Methode sei die individuelle Anatomie. „Bei diesen Eingriffen ist entscheidend, ob die Harnröhre beweglich oder starr ist“, ergänzt der Urologe.

Auch für Patientinnen mit einer überaktiven Blase stehen moderne Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Dazu gehört die Injektion von Botox in den Blasenmuskel. Die Wirkung hält etwa sechs Monate an. Auch dieses Verfahren wird am Beckenbodenzentrum der Kliniken Südostbayern angeboten.

„Die Resonanz ist sehr positiv. Rund 70 - 80 Prozent der Patientinnen geht es nach der Behandlung deutlich besser“, berichtet Dr. Winkler. „Wenn man beispielsweise jahrelang nicht mehr joggen konnte, bekommt man Lebensqualität zurück.“ Noch besser ist es allerdings, wenn Beschwerden gar nicht erst entstehen oder zumindest hinausgezögert werden können. Deshalb spielt die Vorbeugung eine wichtige Rolle.

Dr. Yvonne Winkler rät insbesondere dazu, Übergewicht zu vermeiden. Zusätzliche Pfunde erhöhen den Druck auf den Beckenboden und können dessen Belastbarkeit beeinträchtigen. Auch Rauchen sollte möglichst vermieden werden. Der Grund: Chronischer Husten belastet den Beckenboden über Jahre hinweg erheblich. Ebenso ungünstig wirkt sich dauerhaft starkes Pressen auf der Toilette aus. Auch dadurch wird die Beckenbodenmuskulatur regelmäßig belastet. Die wichtigste Botschaft der beiden Experten lautet jedoch: Harninkontinenz ist kein Schicksal, das Frauen einfach hinnehmen müssen. Moderne Diagnostik und individuell angepasste Therapien können Beschwerden häufig deutlich lindern oder sogar beseitigen.