Wenn jede Minute zählt: Neuroradiologie erhält DeGIR-Zertifizierung
TRAUNSTEIN. Bei einem Schlaganfall entscheiden Minuten über Leben und Tod – und darüber, wie gut sich Patientinnen und Patienten von den Folgen erholen. Die Abteilung für Neuroradiologie am Klinikum Traunstein hat jetzt einen wichtigen Meilenstein erreicht: Sie wurde von der Deutschen Gesellschaft für Interventionelle Radiologie und minimal-invasive Therapie (DeGIR) und der Deutschen Gesellschaft für Neuroradiologie (DGNR) als „DeGIR-/DGNR-Zentrum für minimal-invasive Schlaganfalltherapie" zertifiziert – und erfüllt dabei die seit 2025 deutlich verschärften Anforderungen des sogenannten Moduls E. Damit zählt das Klinikum zu einem exklusiven Kreis: Nur 121 Kliniken in ganz Deutschland tragen diese Auszeichnung.
Was das für die Patientinnen und Patienten in den Landkreisen Traunstein, Berchtesgadener Land und darüber hinaus bedeutet und wie das Team diesen hohen Standard jeden Tag aufs Neue erfüllt, erklären Dr. Andreas Mangold, Leitender Arzt Diagnostische und interventionelle Neuroradiologie, und Priv.-Doz. Dr. Philip Hölter, Leitender Oberarzt der Neuroradiologie, im Gespräch.
Herr Dr. Mangold, was macht diese Zertifizierung so besonders?
Dr. Mangold: Die DeGIR zertifiziert nur Kliniken, die besonders hohe Anforderungen an Personal, Erfahrung, technische Ausstattung und Versorgungsstrukturen erfüllen. Für die nun erreichte Zertifizierung gelten seit dem 1. Januar 2025 noch einmal verschärfte Kriterien. Dass deutschlandweit nur 121 Kliniken diese Modul-E-Zertifizierung besitzen, zeigt, wie anspruchsvoll die Voraussetzungen sind – und wie viel unser Team hier leistet.
Welche Anforderungen müssen Sie beim Personal erfüllen?
Dr. Hölter: Am Ende zählt nicht allein die Anzahl erfahrener Fachärztinnen und Fachärzte, sondern vor allem ihre Qualifikation. Für ein zertifiziertes Zentrum verlangen die DeGIR und die DGNR mindestens zwei (Neuro-)Radiologinnen oder -Radiologen, die über eine spezielle Qualifikation für die endovaskuläre Schlaganfallbehandlung verfügen. Wir liegen mit gleich drei qualifizierten Ärzten nochmals über dieser Mindestanforderung, das sind Dr. Andreas Mangold, Dr. Oliver Greil und ich. Zudem ermöglicht uns unsere Weiterbildungsbefugnis, fachärztlichen Nachwuchs selbst auszubilden und ihn Schritt für Schritt an Diagnostik und Therapie dieses komplexen und zeitkritischen Krankheitsbildes heranzuführen. Genauso entscheidend ist, dass wir eng in die ambulante und stationäre Versorgung eingebunden sind – und damit immer nah dran an unseren Patientinnen und Patienten.
Bei einem Schlaganfall zählt jede Minute. Spielt das bei der Zertifizierung eine Rolle?
Dr. Mangold: Ja, ganz entscheidend. Gefordert wird eine Versorgung rund um die Uhr, insbesondere beim akuten ischämischen Schlaganfall. Dafür haben wir am Klinikum Traunstein optimale Strukturen: Seit Anfang 2007 gibt es bei uns eine Stroke Unit mit sechs Monitorbetten und weiteren nachgeordneten Betten. Sie entstand im Zuge der Aufnahme des Klinikums in das telemedizinische Schlaganfallnetzwerk TEMPiS. Seit Mai 2019 ist unsere Schlaganfall-Einheit durchgehend als Überregionale Stroke Unit, beziehungsweise als ESO Stroke Centre nach deutschen und europäischen Standards zertifiziert.
Dr. Hölter: Entscheidend ist, dass wir diese komplexen Eingriffe, wie es eine mechanische Thrombektomie ist, routiniert durchführen können – zu jeder Zeit, auch nachts oder am Wochenende. Das gelingt nur mit entsprechender Erfahrung und ausreichend hohen Fallzahlen. Wir sind das Zentrum für die Schlaganfallversorgung in der Region und können dadurch eine routinierte Patientenversorgung rund um die Uhr, an sieben Tagen die Woche, gewährleisten. Jeder Eingriff wird zudem sorgfältig im Qualitätsregister der DeGIR dokumentiert – so lässt sich unsere Behandlungsqualität transparent nachvollziehen.
Was passiert bei einer solchen mechanischen Thrombektomie?
Dr. Hölter: Vereinfacht gesagt: Wir eröffnen ein verschlossenes Blutgefäß im Gehirn wieder. Über einen kleinen Zugang an der Leiste oder am Arm führen wir spezielle Katheter durch die Arterien bis zum Gefäßverschluss. Dort entfernen wir dann das Blutgerinnsel und stellen so den Blutfluss zum Gehirn wieder her. Das muss sehr schnell gehen, denn Gehirnzellen sterben ohne Sauerstoffversorgung innerhalb weniger Minuten ab. Jede Minute, die wir hier gewinnen, kann für die Patientin oder den Patienten den Unterschied zwischen einem selbstbestimmten Leben und bleibender Behinderung bedeuten.
Welche technische Ausstattung verlangt die DeGIR?
Dr. Mangold: Hier bewegen wir uns im Klinikum Traunstein auf universitärem Niveau. Neben Schädel-CT und CT-Angiographie zur Darstellung der Blutgefäße im Kopf können wir mit der CT-Perfusion bereits vor der Intervention messen, wie gut das Hirngewebe durchblutet ist. Hinzu kommen Magnetresonanztomographie und MR-Angiographie sowie die digitale Subtraktionsangiographie und Flachdetektor-CT. Damit können wir nicht nur auch kleinste Gefäßverschlüsse zuverlässig aufspüren, sondern auch frühzeitig eine erste Prognose für den weiteren Verlauf einschätzen.
Wie wichtig ist die Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen?
Dr. Hölter: Die gute und enge Zusammenarbeit gehört nicht nur zu den Voraussetzungen für unsere Zertifizierung, sondern ist für uns ausdrücklich gelebte tägliche Praxis. Wir haben feste Strukturen und regelmäßige fachübergreifende Fallbesprechungen mit unseren Zuweisern – allen voran mit der Klinik für Neurologie um Prof. Dr. Thorleif Etgen. Dabei bieten wir sogar mehr, als für unsere aktuelle Zertifizierungsstufe nötig wäre: Eine eigene Neurochirurgie ist offiziell erst für die höchste Ausbaustufe dieser Zertifizierung, genannt Modul F, vorgeschrieben. Das Klinikum Traunstein verfügt aber über eine eigene, leistungsstarke Neurochirurgie unter der Leitung von Chefarzt Priv.-Doz. Dr. Jens Rachinger.
Wie lange gilt die Zertifizierung?
Dr. Mangold: Fünf Jahre. Bei der Re-Zertifizierung werden insbesondere die Interventionszahlen im Qualitätssicherungsregister und die personellen Voraussetzungen erneut überprüft. Die Zertifizierung ist also kein einmaliger Nachweis, sondern verlangt, dass wir diese hohen Standards dauerhaft erfüllen. Für die Schlaganfallpatientinnen und -patienten in unserer Region ist die DeGIR-Zertifizierung der Neuroradiologie damit vor allem eines: ein verlässlicher Nachweis höchster Behandlungsqualität – wohnortnah.

Priv.-Doz. Dr. Philip Hölter, Leitender Oberarzt der Neuroradiologie