Die unterschätzte Gefahr in der Bauchwand
Ein Vortrag über Weichteilbrüche aus der KSOB-Vortragsreihe „Gesundheit AKTIV“
Es beginnt oft mit einem harmlosen Ziehen oder einer kleinen Vorwölbung – und kann doch zum chirurgischen Notfall werden. Weichteilbrüche zählen zu den häufigsten Erkrankungen der Allgemeinchirurgie. Warum sie nicht von selbst heilen, welche Risiken ein Abwarten birgt und weshalb eine frühzeitige Behandlung sinnvoll ist, erklärt Stefan Buchholz, Oberarzt der Allgemeinchirurgie und Leiter des Zertifizierten Hernienzentrums Berchtesgadener Land an der Kreisklinik Bad Reichenhall in seinem Vortrag.
Jedes Jahr werden in Deutschland rund 375.000 Weichteilbrüche operiert. Allein die Kreisklinik Bad Reichenhall führt jährlich mehr als 400 Hernienoperationen durch. Eine Hernie, umgangssprachlich auch Bruch oder Weichteilbruch genannt, entsteht dort, wo die Bauchwand oder andere Gewebeschichten geschwächt sind. Am häufigsten treten Leisten-, Nabel-, Bauchwand- und Narbenbrüche auf. Auch Zwerchfellbrüche sowie Brüche im Zusammenhang mit einem künstlichen Darmausgang gehören dazu.
„Die Ursache ist normalerweise ein schwaches Bindegewebe, häufig erblich bedingt“, sagt Stefan Buchholz. Begünstigt werde eine Hernie durch Erkrankungen, die den Druck im Bauchraum erhöhen, etwa chronischen Husten bei Asthma oder COPD bei Rauchern. Auch starkes Pressen bei Verstopfung, Übergewicht, Schwangerschaften oder frühere Operationen können Auslöser sein. Der Mechanismus ist immer derselbe: Durch den erhöhten Druck entstehen Schwachstellen oder Lücken in der Bauchwand. Durch sie drängen Organe in eine Aussackung des Bauchfells, den sogenannten Bruchsack.
Viele Hernien bleiben zunächst unauffällig. Manche Betroffene bemerken lediglich eine kleine Vorwölbung oder ein Ziehen unter Belastung, andere haben über Jahre hinweg keinerlei Beschwerden. „Genau das trägt dazu bei, dass Brüche häufig unterschätzt werden“, sagt Buchholz. Dabei könnten sie im Laufe der Zeit größer und gefährlicher werden. Die schwerwiegendste Komplikation ist eine eingeklemmte Darmschlinge. „Ist der Darm betroffen und die Durchblutung gestört, bleibt nur ein enges Zeitfenster für die Operation, um einen dauerhaften Schaden zu verhindern“, erklärt der Oberarzt. Erfolgt innerhalb von etwa sechs Stunden keine Notoperation, kann Darmgewebe absterben. Dann muss unter Umständen ein Teil des Darms entfernt werden. Deshalb empfehlen sowohl die Kreisklinik als auch die Deutsche Herniengesellschaft innerhalb der Leitlinie eine operative Behandlung. „Es gibt zwar Menschen, die einen Bruch mit ins Grab nehmen. Aber darauf zu hoffen, dass zeitlebens keine Komplikation entsteht, ist vereinfacht gesagt wie ein Sechser im Lotto.“
Eine Hernie heilt nicht von selbst. Welche Operationsmethode gewählt wird, hängt vom individuellen Befund ab. Grundlage ist eine ausführliche Untersuchung in der Herniensprechstunde. Nach Anamnese und körperlicher Untersuchung erfolgt eine Ultraschalluntersuchung, bei größeren Narbenhernien häufig zusätzlich eine Computertomographie. „Wichtig ist, dass wir die Situation für jede einzelne Person bewerten. Das Risiko einer Einklemmung hängt nicht nur von der Größe des Bruchs ab, sondern vom gesamten Befund.“
Die meisten Leisten-, Nabel- und kleineren Bauchwandhernien lassen sich heute minimalinvasiv behandeln. Kleinere Schnitte, weniger Schmerzen und eine schnellere Erholung sprechen für dieses Verfahren. Viele Eingriffe können ambulant erfolgen – trotz Vollnarkose. Nach einigen Stunden können die Patienten die Klinik wieder verlassen, wenn sie abgeholt werden und anschließend nicht allein sind. Selbstauflösende Fäden machen einen Verbandswechsel meist überflüssig, nach zwei Tagen ist Duschen in der Regel wieder möglich. Nach einer minimalinvasiven Leistenbruchoperation sollten schweres Heben, intensiver Sport und körperlich belastende Arbeit etwa zwei Wochen vermieden werden. Deutlich aufwendiger ist die Versorgung großer Narbenhernien. Hier muss häufig die gesamte Bauchwand rekonstruiert und ein größeres Netz eingesetzt werden. Der Eingriff erfolgt stationär, oft mit Drainagen und Schmerzkatheter. Die anschließende Schonzeit beträgt meist vier bis sechs Wochen.
Zum Behandlungsspektrum des Zertifizierten Hernienzentrums gehören außerdem Zwerchfellhernien. Sie können chronisches Sodbrennen, Entzündungen der Speiseröhre, Atemprobleme oder Herzrhythmusstörungen verursachen. Nach entsprechender Diagnostik in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit der Gastroentrologie des Hauses erfolgt die Versorgung ebenfalls minimalinvasiv. Ziel ist es, den Rückfluss von Magensäure dauerhaft zu verhindern, sodass Betroffene im Idealfall keine Medikamente gegen Sodbrennen mehr benötigen.
In der Herniensprechstunde der Kreisklinik werden Patientinnen und Patienten zunächst ausführlich untersucht und beraten. Nach Anamnese, körperlicher Untersuchung und Sonographie erläutern die Spezialisten die individuell geeigneten operativen Behandlungsmöglichkeiten. Moderne Verfahren, standardisierte Abläufe und die Zertifizierung als Kompetenzzentrum für Hernienchirurgie sollen dazu beitragen, Weichteilbrüche sicher und nach hohen Qualitätsstandards zu behandeln.
Seit dem 1. Januar 2025 ist die Abteilung für Allgemein-, Viszeral- und Minimal-Invasive Chirurgie der Kreisklinik Bad Reichenhall von der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV) als Kompetenzzentrum für Hernienchirurgie zertifiziert. Alle Hernienoperationen der Kreisklinik werden in die Qualitätssicherungsstudie Herniamed eingebracht. Nachkontrollen erfolgen ein, fünf und zehn Jahre nach dem Eingriff. Zudem erhalten Patientinnen und Patienten ein Merkblatt mit Verhaltenshinweisen sowie eine direkte dienstliche Telefonnummer für Rückfragen. Gemeinsam mit dem Chefarzt der Abteilung, Dr. Thomas E. Langwieler, stehen am Kompetenzzentrum zwei zertifizierte Hernienchirurgen für die Versorgung zur Verfügung.