06.10.2026 - Kliniken Südostbayern

Brustkrebstherapie wird immer genauer

Brustkrebs ist nicht gleich Brustkrebs. Manche Tumoren wachsen langsam und reagieren auf Hormone, andere sind aggressiver. Deshalb wird die Behandlung heute stärker auf die einzelne Patientin und die Eigenschaften ihres Tumors zugeschnitten. Operation, Hormon- und Chemotherapie bleiben wichtige Säulen – doch Ärzte können immer genauer entscheiden, welche davon tatsächlich nötig sind. Zum Brustkrebsmonat Oktober erklärt Prof. Dr. Christian Schindlbeck, Chefarzt der Frauenklinik am Klinikum Traunstein und der Kreisklinik Bad Reichenhall, welche Entwicklungen es in der modernen Brustkrebstherapie gibt und wie für jede Patientin individuell entschieden wird.

Herr Prof. Dr. Schindlbeck, Operation, Hormontherapie oder Chemotherapie – wie entscheiden Sie, welche Behandlung eine Patientin braucht?

Zunächst schauen wir uns den Tumor sehr genau an. Wie groß ist er? Sind Lymphknoten betroffen? Vor allem aber interessiert uns, welche biologischen Eigenschaften die Krebszellen besitzen. Diese Informationen erhalten wir bereits aus der Gewebeprobe. Wir untersuchen zum Beispiel, ob weibliche Geschlechtshormone das Wachstum des Tumors fördern, und wie hoch die Teilungsrate der Zellen ist. Außerdem bestimmen wir den sogenannten HER2-Status.

Was bedeutet HER2?

HER2 ist ein Eiweiß, das auf der Oberfläche von Zellen sitzt und Wachstumssignale weitergibt. Manche Brustkrebszellen besitzen besonders viele dieser HER2-Eiweiße. Sie bekommen dadurch, vereinfacht gesagt, ständig das Signal: Teile dich und wachse. Dann sprechen wir von HER2-positivem Brustkrebs. Das ist wichtig, weil es Medikamente gibt, die genau an diesem HER2-Merkmal angreifen und somit das Wachstum hemmen können.

Was hat sich bei Brustkrebsoperationen verändert?

Früher galt häufig: Je mehr Gewebe entfernt wird, desto sicherer. Heute versuchen wir besonders bei den Lymphknoten in der Achselhöhle, so schonend wie möglich zu operieren und trotzdem den Tumor sicher zu entfernen. Unter bestimmten Voraussetzungen müssen nämlich nicht mehr sämtliche Lymphknoten entfernt werden, selbst wenn einzelne Wächterlymphknoten Krebszellen enthalten. Besonders bei Patientinnen mit kleineren, hormonempfindlichen Tumoren kann teilweise sogar auf die operative Untersuchung der Achsellymphknoten verzichtet werden. Das kann Schmerzen, Bewegungseinschränkungen oder Lymphödeme vermeiden helfen.

Welche Fortschritte gibt es bei der Hormontherapie?

Viele Brusttumoren nutzen weibliche Hormone, vor allem Östrogen, als eine Art Wachstumssignal. Eine Hormontherapie – genauer gesagt eine antihormonelle oder endokrine Therapie – versucht, dieses Signal auszuschalten. Häufig beginnen wir bereits unmittelbar nach Diagnosestellung, d. h. noch vor der Operation, mit einer antihormonellen Therapie, um zu sehen wie der Tumor darauf reagiert. Spricht der Tumor gut darauf an, und zeigen weitere Untersuchungen ein niedriges Streuungsrisiko, kann auf eine Chemotherapie verzichtet werden. Insgesamt entwickelt sich die antihormonelle Behandlung, auch in Kombination mit neuen Substanzen, weiter und wird dadurch auch besser verträglich.

Brauchen dadurch weniger Frauen eine Chemotherapie?

Bei bestimmten Brustkrebsformen ja. Besonders bei hormonempfindlichem und HER2-negativem Brustkrebs können zusätzliche genetische Untersuchungen der Tumorzellen helfen abzuschätzen, wie hoch das Rückfallrisiko ist und ob eine Chemotherapie einen zusätzlichen Nutzen bringt.

Wann bleibt die Chemotherapie unverzichtbar?

Bei aggressiveren Tumorarten spielt sie weiterhin eine zentrale Rolle. Ein Beispiel ist der sogenannte triple-negative Brustkrebs. Hier fehlen sowohl Hormonrezeptoren als auch HER2 als Angriffspunkte. Eine Chemotherapie kann dann bereits im Vorfeld der Operation eingesetzt und bei geeigneten Patientinnen mit einer Immuntherapie kombiniert werden. Das Ziel all dieser Behandlungen ist es stets, einzelne gestreute Zellen am Wachstum zu hindern und dadurch das spätere Auftreten von Metastasen zu vermeiden.

Was ist für Sie der größte Fortschritt?

Dass wir immer zielgenauer und individueller behandeln können. Das beginnt bei der Operation, die auf die spezifische Situation ausgerichtet sein muss, bis hin zur Brustrekonstruktion mit Prothese oder körpereigenem Gewebe. Moderne Testverfahren ermöglichen oftmals eine gute Einschätzung, ob eine Hormon- oder auch Antikörpertherapie möglich ist, und dadurch eine Chemotherapie vermieden werden kann, selbst falls schon Metastasen vorliegen sollten. Der wichtigste Fortschritt bei der Brustkrebsbehandlung ist aber, dass wir jetzt die optimale Therapie für jede individuelle Patientin finden können.