05.11.2026 - Klinikum Traunstein

Das erste Kilo ist geschafft

Marlon Xaver darf bei seiner Mutter Nathalie „känguruhen“, Vater Sebastian ist wieder eine Woche in Traunstein bei seiner Familie, bevor er die Folgewoche in Düsseldorf sein wird.
Marlon Xaver darf bei seiner Mutter Nathalie „känguruhen“, Vater Sebastian ist wieder eine Woche in Traunstein bei seiner Familie, bevor er die Folgewoche in Düsseldorf sein wird.

Eigentlich wollten Nathalie und Sebastian Nikolaus nur Urlaub machen. Zwei Wochen Berchtesgaden, ein wenig Erholung vor der Geburt ihres ersten Kindes. Nathalie ist in der 27. Schwangerschaftswoche. Der errechnete Geburtstermin: 26. Dezember. Bis dahin scheint noch reichlich Zeit.  „Vielleicht haben wir ein bisschen zu laut gesagt, dass wir eigentlich kein Weihnachtsbaby wollen“, sagt Nathalie Nikolaus im Gespräch mit einem Lächeln: denn aus dem Weihnachtsbaby wird ein Septemberkind. Und aus einem unbeschwerten Urlaub ein Kampf um zwei Leben.

Plötzlich geht es um Leben und Tod

Am 29. September fährt der Ehemann Sebastian seine Frau ins Klinikum Traunstein, denn ihr geht es seit Tagen immer schlechter.  Sie hat Atemnot, Rückenschmerzen, und erbricht sich die ganze Nacht. Zunächst glaubt die 31-Jährige nicht an etwas Ernstes und möchte die Beschwerden lediglich abklären lassen.

Doch die Untersuchungen im Klinikum zeigen: Ihr Zustand ist lebensbedrohlich. Die Ärzte entdecken Flüssigkeit an Herz, Bauch und Nieren. Die Diagnose lautet HELLP-Syndrom, eine schwere Schwangerschaftskomplikation mit Veränderungen der Blutgerinnung, erhöhten Leberwerten und dem Zerfall roter Blutkörperchen. Im schlimmsten Fall drohen Organversagen und schwere Blutungen, die bis zum Tod führen.

„Am Anfang dachten wir noch, dann müssen wir eben einen Termin machen, wenn wir wieder zu Hause sind“, erinnert sich Nathalie. Doch die Ärzte und Ärztinnen am Klinikum Traunstein erklären den besorgten Eltern, dass die einzige Möglichkeit, das Leben von Mutter und Kind zu retten, eine Entbindung ist.

Die Ärzte geben Kortison, was die Lungenreifung des noch unreifen Kindes beschleunigen soll. Immer wieder kontrollieren sie Blutwerte, Blutdruck der Mutter und den Zustand des Ungeborenen. Sebastian darf bei seiner Frau bleiben. Dann, am nächsten Morgen, wird das Baby im Mutterleib unruhig.

Die Entscheidung fällt: Kaiserschnitt. Sofort.

Am 30. September um 9.08 Uhr wird Marlon Xaver Nikolaus geboren. Nach gerade einmal 27 Wochen und vier Tagen Schwangerschaft. Er wiegt 620 Gramm, misst 32 Zentimeter. Sein Kopfumfang beträgt 21,5 Zentimeter.

620 Gramm Leben – und ganz viel Hoffnung

Während die Ärzte nach dem Kaiserschnitt Nathalie weiter versorgen, kümmert sich das Team der Kinderintensivstation um Marlon. Mithilfe eines speziellen Versorgungswagens direkt neben der Mutter, genannt Concord Birth Trolley, kann das Frühchen noch im Operationssaal unmittelbar nach der Geburt optimal betreut werden, während die Nabelschnur noch Mutter und Kind verbindet und in Ruhe auspulsieren kann.

Anschließend kommt Marlon in einen Inkubator. Dort herrschen angenehme 32 Grad. Sein kleiner Körper braucht Wärme, Schutz und Unterstützung beim Atmen. „Er benötigt noch eine Atemhilfe, muss aber nicht mehr intubiert werden“, erklärt Tina Seibert, stellvertretende Leiterin der Kinderintensivstation. Eine Maske auf der Nase hilft ihm beim Atmen. Auch beim Trinken beginnt alles winzig klein: wenige Milliliter Milch. Doch von Anfang an kann Marlon die Muttermilch seiner Mutter bekommen.

Und er wächst. Gramm für Gramm. Nach genau vier Wochen ist dann die erste große Marke erreicht: Marlon wiegt mehr als 1.000 Gramm. Ein ganzes Kilo.

„Ihm geht es jetzt gut. Er hat in den vergangenen zwei Wochen einen richtigen Aufschwung hingelegt“, erzählt seine Mutter. Die Erleichterung der Eltern darüber ist spürbar. „Erst hinterher habe ich verstanden, dass die Geburt mein Leben gerettet hat“, sagt Nathalie leise, während sie den kleinen Marlon Xaver in der Neugeborenen-Intensivstation bei sich auf dem Bauch liegen hat. Das ist das so genannte „Känguruhen“, damit das kleine Wesen möglichst viel Kontakt und Wärme bekommt.

Ein Vater muss erst einmal funktionieren

Für Sebastian Nikolaus, 35, beginnt mit der Geburt ein Leben zwischen Düsseldorf und Traunstein. Der selbstständige gesetzliche Betreuer organisiert eine Ferienwohnung in Grabenstätt, informiert Familie und Freunde und versucht, den Alltag neu zu ordnen. „Am Anfang hatte ich überhaupt keine Zeit nachzudenken. Ich musste einfach nur funktionieren“, sagt er.

Inzwischen pendelt er im Wochenrhythmus zwischen Arbeit und Familie. Die Ferienwohnung ist für mehrere Monate gemietet. Denn die Ärzte haben die Eltern darauf vorbereitet, dass Marlon möglicherweise bis zu seinem ursprünglichen Geburtstermin in Traunstein bleiben muss.

Einen besonderen Moment hatte Sebastian seiner Frau voraus, wie er im Gespräch verrät: Er darf nach der Geburt als Erster mit seinem Sohn „känguruhen“. Der Grund dafür ist, dass Nathalie zu diesem Zeitpunkt noch intensivmedizinisch betreut wird.

Nähe, die Sicherheit gibt

Für Nathalie ist inzwischen etwas möglich, das nicht vielen Eltern von Frühgeborenen vergönnt ist: Sie kann rund um die Uhr bei ihrem Kind sein. Möglich wird dies durch den Neubau der Kinderklinik am Klinikum Traunstein. Im neuen Klinikgebäude gibt es sieben sogenannte Rooming-in-Zimmer mit insgesamt elf Betten. Teilweise können dort sogar beide Elternteile gemeinsam bei ihrem Kind übernachten.

„Die große und helle neue Kinderintensivstation mit der Möglichkeit, dass Eltern entweder im Zimmer oder in einem kleinen Elternapartment auf der Station übernachten können, ist eine wunderbare Neuerung, die wir jetzt im neuen Haus anbieten können. Die Ausstattung wurde nicht zuletzt auch durch die vielen großzügigen Spenden aus der Bevölkerung ermöglicht, für die wir  sehr dankbar sind. Und auch die direkte Nachbarschaft der Neugeborenen-Intensivstation zur Geburtshilfe eröffnet den Familien optimale Möglichkeiten, quasi Wand an Wand“, erklärt Prof. Dr. Wolf. „Für die familienzentrierte Versorgung von extrem kleinen Frühgeborenen ist die Klinik bestens ausgestattet, wir sind ein Perinatalzentrum Level 1.“

Nathalie gehört zu den ersten Müttern, die das neue Angebot nutzen. Schon am Tag des Stationsumzugs in den Neubau hat sie als eine der Allerersten dort mit Rooming-in bei ihrem Sohn übernachten können. „Es ist schön, rund um die Uhr beim Kleinen sein zu können“, freut sie sich über das tolle Angebot am Klinikum Traunstein.

Zum Weltfrühgeborenentag am 15. November macht Marlons Geschichte deutlich, was die Versorgung dieser besonders verletzlichen Kinder bedeutet: modernste Medizin, aufmerksame Pflege – und Eltern, die nicht nur Besucher, sondern von Anfang an der wichtigste Teil des Alltags ihres Kindes sein können.

Irgendwann geht es nach Hause

Noch braucht Marlon Zeit. Zeit zum Wachsen, zum Atmen, zum Kräftesammeln. Mindestens einige weitere Wochen wird er voraussichtlich in der Klinik bleiben.

Und dann? Für Nathalie ist der Gedanke an die Heimkehr zugleich schön und ungewohnt. Seit dem Urlaub war sie nicht mehr zu Hause. In der Klinik ist immer jemand da, auch für die kleinsten Fragen. Daheim wird das anders sein. Doch Unterstützung ist organisiert. Familie und Verwandte stehen bereit. Auch der Bunte Kreis in Krefeld wird die Familie begleiten.

Bis dahin zählt jeder gemeinsame Tag. Jeder Fortschritt. Jedes Gramm. Und einen zweiten Vornamen hat der kleine Kämpfer inzwischen auch bekommen, obwohl seine Eltern ursprünglich nur einen wollten. „Er heißt Marlon Xaver. Das Xaver, weil er ja in Oberbayern geboren worden ist“, erzählt Nathalie.

Ein Name, der für immer daran erinnern wird, wo sein Leben so unvermittelt begann. Und wo aus 620 Gramm Hoffnung inzwischen mehr als ein ganzes Kilo geworden ist.

 

Bild: Rund um die Uhr werden die Neugeborenen überwacht. Neu ist jetzt, dass durch „Rooming-in“ jetzt auch die Mutter immer bei ihrem Kind sein kann. Das ist im Neubau der Kinderklinik möglich.