Patienten erzählen
Der Schock - ein bösartiger Hirntumor. Was nun?
Mit der Diagnose Glioblastoma multiforme beginnt im November 2025 für Kai Schubert eine Reise durch Kliniken, eine Phase der Entscheidungen und Unsicherheiten. Und eine kombinierte Behandlung in der Strahlentherapie am Klinikum Traunstein in Zusammenarbeit mit dem ebenfalls dort beheimateten Druckkammerzentrum, die Raum für Lichtblicke lässt.
Der 5. Juli 2025 teilt Kai Schuberts Leben in ein Davor und ein Danach. Davor war er Kälteanlagenbauer in einem Bremer Unternehmen. Über 40 Jahre ist er dort beschäftigt, immer da für die anderen Kollegen, jetzt steht er kurz vor der Rente – mehr reisen möchten seine Frau Ina und er dann. „Das erste Symptom war ein Krampfanfall“, sagt er. „Und keiner wusste, was los ist.“ Die Ärzte behandeln zunächst auf Epilepsie. Es folgen eine Liquor-Untersuchung, mehrere MRT, ein Anfangsverdacht auf eine Autoimmunerkrankung.
Doch nichts davon bestätigt sich. Deshalb führt der Weg des 61-Jährigen von seinem Zuhause in Bremen nach Hamburg ins Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Ab 18. November beginnt endgültig das Danach, denn Kai Schubert erhält die Diagnose des Neurochirurgen im dortigen Uniklinikum: Glioblastoma multiforme. Einer dieser Begriffe, die das Leben schlagartig und grundstürzend verändern. „Nicht googeln, einfach hinnehmen – sagte der Arzt“, erinnert sich Kai Schubert. Es nachzulesen, ist auch nur schwer auszuhalten: Ein Glioblastoma multiforme ist einer der aggressivsten und bösartigsten Typen eines Hirntumors. Er ist charakterisiert durch meist extrem schnelles Wachstum und Infiltration des umliegenden Hirngewebes.
Wie lange haben wir ihn noch?
Kai Schubert nimmt es hin. Einfach, weil er keine Alternative sieht. „Ich hab's. Ich kann nix dagegen tun. Ich muss das Beste draus machen.“ Sätze, die nüchtern klingen, aber trotzdem die Gefühlslage erahnen lassen. Rückzug? Kurz, ja. Aber nicht lange. „Ich bin ein Mensch, der Kontakte braucht und pflegt.“ Für seine Frau und die Töchter fühlt sich der Moment anders an. „Uns zog es von jetzt auf sofort den Boden unter den Füßen weg“, beschreibt Ina Schubert die damalige Situation der Familie. Sie und die beiden Töchter stellen sich Fragen ohne Antworten: Wie lange haben wir ihn noch? Wie geht es weiter? „Noch geht's ihm gut“, sagt sich die Familie dann. Ihr Hausarzt begleitet sie eng durch diese Zeit.
Nach der Diagnose fährt Kai Schubert nach Bremen zurück. Dort spricht er mit dem niedergelassenen Strahlentherapeuten Prof. Dr. Ulrich M. Carl. Der bringt eine Option ins Spiel: eine Kombination aus Strahlentherapie und Hyperbarer Sauerstofftherapie, kurz HBO. In Japan gebe es diese Therapie, erklärt Prof. Dr. Carl. Und es existierten ältere Daten und kleinere Studien, die relativ gute Ergebnisse nahelegten. In Deutschland allerdings gäbe es kaum Zentren, in denen beides unter einem Dach möglich ist – eines davon am Klinikum Traunstein, am anderen Ende der Republik.
Den Kontakt zu PD Dr. Matthias Hautmann, dem Chefarzt der Strahlentherapie am Klinikum Traunstein, nimmt Prof. Dr. Carl auf noch während Kai Schubert bei ihm im Zimmer sitzt. Die Anfrage lautet: ob die KSOB diese Therapie durchführen würde?
Anfang Dezember beginnt die Therapie
In der ersten Dezemberhälfte 2025 ist Kai Schubert zweimal vor Ort in Traunstein: das erste Mal zur Besprechung mit Stefan Pahler, dem Leitenden Arzt des Druckkammerzentrums, und zur Vorstellung in der Strahlentherapie am Klinikum. Die Botschaft ist klar und wird nicht beschönigt. „Alle haben immer gesagt: Wir können nichts versprechen“, erzählt Kai Schubert. PD Dr. Hautmann formuliert es sachlich: „Wir arbeiten für bestimmte Patientenfälle mit einer Kombination, für die es gute Hinweise, aber keine größeren Studien oder gar Garantien gibt“, sagt er. „Entscheidend ist, dass der Patient genau weiß, was wir tun – und warum.“ Stefan Pahler erklärt den möglichen Vorteil dieser Therapieform: „Das stark erhöhte Sauerstoffangebot kann die Wirkung der Strahlentherapie unterstützen.“ Es sind sachliche Sätze, die Orientierung geben. Die Druckkammertauglichkeit wird geprüft: Ohren, Herz und Lungen. Dann die Entscheidung des Patienten. „Wir haben offen darüber gesprochen“, sagt Kai Schubert. „Wenn das Paket nicht gepasst hätte – mit Wohnung und allem – hätten wir es nicht gemacht, denn die Druckkammer ist meist eine Privatleistung.“ Ein Antrag bei der Krankenkasse hätte sehr viel Zeit in Anspruch genommen und ist nicht rückwirkend möglich. Aber diese Zeit hat man beim Glioblastoma multiforme nicht.
Und auch hier zeigt sich, wie sehr gute Organisation zu einem wichtigen Teil der Therapie wird. Über die Frau von Stefan Pahler kann die Familie eine Ferienwohnung für den gesamten Aufenthalt vom 18. Dezember 2025 bis zum 2. Februar 2026 bewohnen. Eine Woche vor Therapiebeginn kommt Kai Schubert nochmals zur Anfertigung der Strahlentherapie-Maske.
Sechs Wochen Therapie mit fünf Sitzungen pro Woche
Die Therapie folgt grundsätzlich dem sogenannten STUPP-Schema: Sechs Wochen Strahlentherapie mit simultaner Chemotherapie. Zusätzlich hierzu die Hyperbare Sauerstofftherapie (HBO) in der Druckkammer, an fünf Tagen pro Woche. Der erste Kontakt mit der Kombination aus Chemotherapie, HBO und Bestrahlung ist fordernd. „Mein Geist war ganz schön am Rotieren“, sagt Kai Schubert. „Körperlich gings mir nicht gut, mir war schwindlig, ich hatte Kreislaufprobleme.“ Als er nach Traunstein kommt, hatte er durch den Fortschritt des Tumors bereits Schwierigkeiten, normal zu laufen. Während der Therapie bessert sich das, vermutlich, weil er gut auf die Therapie anspricht.
Die Abläufe sind für jeden Therapietag gleich. Sogar am Sonntag, den 21. Dezember, und am 24. Dezember öffnet Stefan Pahler extra die Druckkammer, und auch die Strahlentherapie ist vor Ort, um für Kai Schubert auch während der Weihnachtszeit die Bestrahlungen zu gewährleisten. Das Personal koordiniert die Übergänge so, dass es kaum Wartezeiten gibt. „Es waren wirklich alle sehr freundlich und hilfsbereit“, weiß Kai Schubert. Und PD Dr. Hautmann sagt: „Das Zusammenspiel von HBO und Strahlentherapie ist logistisch anspruchsvoll, aber für den Patienten zählt, dass alles reibungslos läuft. Wir arbeiten mit dem Druckkammerzentrum und mit Herrn Pahler ja schon lange sehr gut zusammen.“ Nach der Rückkehr in die Ferienwohnung isst Kai Schubert dann normalerweise etwas, schläft kurz, dann geht es ihm besser. Bewegung hilft. Und die Tatsache, dass seine Frau immer bei ihm ist. Zu Weihnachten kommen auch seine Töchter nach Traunstein.
Der Körper verändert sich, der Geist auch
Natürlich spürt Kai Schubert Veränderungen. „Beeinträchtigungen durch den Tumor merke ich schon“, sagt er nüchtern, „meine rechte Hand hat keine Feinmotorik mehr, körperlich habe ich schon abgebaut. Aber eigentlich gehts mir gut.“ Er ergänzt: „Und ja, es gibt schwere Tage, da muss meine Frau ganz schön was aushalten mit mir.“ Er sagt es mit Dankbarkeit und schaut sie dabei an. „Ich bin so froh, dass sie die ganze Zeit da ist, denn mein Leben nach der Diagnose ist eine einzige Findungsphase, ich stelle mir ständig Fragen, wie gehts weiter, welchen Weg gehe ich. Da ist unsere Zweisamkeit unschätzbar wertvoll.“ Auch psychologische Unterstützung nimmt er in Anspruch. Während der Zeit in Traunstein begleitet ihn Verena Hieke, psychologische Psychotherapeutin der Strahlentherapie am Klinikum. Er sagt, warum er das alles macht: „Ich will meine Enkel aufwachsen sehen.“ Und auch Urlaubspläne für den kommenden Herbst sind schon geschmiedet: Schuberts sind Dänemark-Fans. Am 2. Februar 2026 ist die letzte Sitzung für Kai Schubert am Klinikum Traunstein. Noch ein MRT, dann geht es zurück nach Hause, nach Bremen. Die weitere Koordination der Chemotherapie und die weitere Nachsorge übernimmt dort Prof. Dr. Carl.
Warum er seine Geschichte erzählt? Kai Schubert zögert nicht. „Information ist wichtig“, sagt er. „Für alle, die das auch betrifft oder betreffen könnte.“ Von der Hyperbaren Sauerstofftherapie in der Druckkammer hatte sein Hausarzt noch nie gehört. Vielleicht, so hofft er, hilft seine Erfahrung anderen, die richtigen Fragen zu stellen – und dann die Entscheidungen zu treffen, die sich für sie richtig anfühlen. Versprechen gibt es keine für ihn, aber es gibt Menschen, die ihn tragen. Kai Schubert ist ein Mann, der gelernt hat, im Heute zu leben – ohne den Blick für das Morgen zu verlieren.