Februar 2021 - Onkologisches Zentrum

Weltkrebstag 2021 - Krebstherapie in Coronazeiten

Dr. Thomas Kubin
Dr. Thomas Kubin

Anlässlich des Weltkrebstages spricht Dr. Thomas Kubin, Chefarzt der Abteilung für Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin und Sprecher des Onkologischen Zentrum zum Thema Krebstherapie in Coronazeiten.

Das Jahr 2020 hat in vielerlei Hinsicht besondere Herausforderungen mit sich gebracht. Durch die Covid-19-Pandemie waren wir in unseren Kliniken recht plötzlich nur noch damit beschäftigt, freie Ressourcen für einen möglichen Patientenansturm zu schaffen, große Infektbereiche innerhalb den Kliniken neu einzurichten sowie unsere Patienten und uns selber vor einer Coronainfektion zu schützen. Viele geplante und nicht so dringende medizinische Abklärungen oder operativen Eingriffe mussten vorerst abgesagt werden zugunsten einer Bereithaltung von Krankenhaus- und Intensivstationsbetten.

Nach der ersten Viruswelle im Frühjahr war im Sommer des vergangenen Jahres eine vorübergehende Entspannung eingetreten, dann rollte die zweite Welle seit Herbst los und übertraf die erste Welle an Zahl und Intensität deutlich. Aber wir haben mittlerweile gelernt, bei weitem besser mit den Problemen im Zusammenhang mit Corona umzugehen und deutlich schneller zu reagieren. Auch ist die initiale Angst vor dem Ungewissen gewichen und von einer neuen tatkräftigen Routine mit neu erarbeiteten Leitlinien ersetzt worden. Themen wie Virusmutanten halten uns ganz aktuell in Atem und schüren neue Ängste vor einer Ansteckung. Glücklicherweise kommt die Impfkampagne langsam in Fahrt, wenn auch viel langsamer als ursprünglich gedacht und läßt uns nach Gabe der 2. Impfdosis deutlich entspannter in die Zukunft blicken.

Leider dürfen wir nicht vergessen, dass ernsthafte Erkrankungen wie Krebs nicht vor Corona halt machen. Mittlerweile ist es erwiesen, dass u.a. Patienten mit einer aktiven Krebserkrankung sowie Patienten unter intensiver Krebsbehandlung ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19 aufweisen.
Dies schürt natürlich verständlicherweise Ängste vor einer Ansteckung mit Corona bei Vorliegen solcher Risikofaktoren. Gleichzeitig darf die Angst vor einer Coronainfektion nicht die Bekämpfung einer bereits existierenden, lebensgefährlichen Erkrankung wie Krebs beeinträchtigen, da hierdurch die Prognose der Krebserkrankung unwiederbringlich verschlechtert werden kann. Außerdem verschlechtert eine unbehandelte, aktive Krebserkrankung den Verlauf einer möglichen Covid-19 Erkrankung. Entsprechend wird Krebspatienten geraten, besonders achtsam zu sein, den Empfehlungen der Gesundheitsbehörden zu folgen und neben konsequentem Tragen von Mund-Nasenschutz in der Öffentlichkeit und regelmäßiger Händehygiene auf persönliche soziale Kontakte soweit wie möglich und sinnvoll zu verzichten („freiwillige Quarantäne“) bis die Pandemie abgeflaut ist und idealerweise ein persönlicher Impfschutz besteht. Mittlerweile gibt es eine Reihe von Berichten, dass vermehrt Menschen aus Angst sich beim Arztbesuch mit Corona anzustecken ihre Beschwerden lange ignoriert haben und dann eine fortgeschrittene Krebserkrankung diagnostiziert wurde, was meist zur deutlichen Verschlechterung der Prognose führt. Von daher ist es sehr wichtig, dass alle Menschen mit länger anhaltenden neuen oder unklaren Beschwerden sich ungeachtet der Coronapandemie beim Hausarzt vorstellen und weiter abklären lassen, ebenso wie das Einhalten der Nachsorgetermine wenn schon mal eine Krebserkrankung bestanden hat.

In Kliniken, Klinikambulanzen und Praxen sind längst viele wirksame Schutzmaßnahmen eingerichtet worden und Corona verdächtige Patienten werden sofort und sicher abgeschottet. Entsprechend ist das Risiko, sich beim Arztbesuch anzustecken als gering anzusehen. Im Klinikum Traunstein haben wir ausgesprochen selten Coronainfektionen bei unseren onkologischen Patienten gesehen. Als notwendige Ausnahme wurde im Onkologischen Zentrum im Klinikum Traunstein für die Behandlung von Krebspatienten im gesamten Jahr 2020 und darüber hinaus ein fast normaler Betrieb aufrechterhalten. Dies gilt sowohl für stationäre als auch ambulante Abklärungen von Beschwerden, Krebsbehandlungen, Zwischen- und Nachsorgeuntersuchungen. Neu wurden die Arztkontakte durch die deutlich häufigere Nutzung von Telemedizin ergänzt, zum Beispiel in Form von Telefonaten, Emails oder auch virtuellen Meetings per Computer, damit der eine oder andere Arztbesuch eingespart werden kann.  

Alle Menschen, insbesondere auch Patienten mit Krebserkrankungen sind aufgefordert, sich gegen Corona impfen zu lassen, sobald sie eine Möglichkeit dazu bekommen. Es gibt auch bei Vorliegen einer Krebserkrankung und unter einer Krebstherapie keine stichhaltigen Gründe dagegen. Die Nebenwirkungen sind nach derzeitigem Wissenstand und der Erfahrung an mittlerweile Millionen von Menschen gering und sicher viel geringer als die einer durchzumachenden Coronainfektion! Der Nutzen der zugelassenen Impfstoffe ist groß, wahrscheinlich haben bis über 90 % der Geimpften einen ausreichend guten Impfschutz. Bei Menschen mit Abwehrschwäche wie z.B. durch eine Krebserkrankung, aber auch durch manche Krebstherapien kann allenfalls der Impferfolg eingeschränkt sein, so dass eventuell erneut nachgeimpft werden muss. Die Verträglichkeit der Impfung wird hierdurch aber nicht beeinflusst.

Jedes Jahr gibt es speziell in der Krebsmedizin eine Fülle von neuen wissenschaftlichen Entwicklungen und Zulassungen von einer ganzen Reihe von neuen wirksamen Krebsmedikamenten im deutlich zweistelligen Bereich. Auch 2020 wurden diese Neuerungen in gewohnter Häufigkeit entwickelt und der medizinischen Fachwelt vorgestellt und viele neue Medikamente eingeführt. Hierbei hatten wieder „zielgerichtete Therapien“ zur präzisen Unterdrückung von lebensnotwendigen Signalen und Stoffwechselwegen der Tumorzellen sowie Medikamente zur Stimulierung der körpereigenen Abwehr gegen Krebszellen („Immuntherapie“) klar die Nase vorne. Mit hoher Internetpräsenz fanden alle wissenschaftlichen Treffen, Diskussionsrunden und Fortbildungen virtuell quasi von zu Hause aus statt. Wir vom onkologischen Zentrum Traunstein waren und sind hier voll engagiert, es dreht sich längst nicht mehr alles um Corona. Auch unser Studienangebot für noch nicht zugelassene, aber sehr vielversprechende neue Krebsbehandlungen hat keinen Einbruch in der Coronazeit erlebt.

Wann und ob wir wieder unsere gewohnte Normalität ohne Corona erreichen werden ist noch völlig offen. Fest steht aber, dass uns Corona bis weit in den Sommer sehr intensiv und auch noch danach ziemlich beschäftigen wird. Die Welt, aber auch die medizinische Versorgung wird von dem großen Schub in der Digitalisierung und manch anderer Neuerungen wahrscheinlich anhaltend verändert werden. Umso wichtiger ist es, die wichtigen Errungenschaften der vorhergehenden Zeit nicht aus den Augen zu verlieren.

Für das Thema Krebs sind das unsere Präventionsstrategien gegen eine mögliche Krebsentstehung sowie die Früherkennungsprogramme von sich entwickelnden Krebserkrankungen.

Krebserkrankungen werden weiterhin immer häufiger mit einer Steigerungsrate von 1-2%/Jahr, in Deutschland sind es aktuell ca. 500.000 Menschen, die jedes Jahr neu an Krebs erkranken. Etwa 50% aller Männer und 43% aller Frauen müssen damit rechnen, im Lauf ihres Lebens an Krebs zu erkranken. Glücklicherweise können wir aktuell etwa 60% der Patienten von ihrem Krebs heilen. Bei der Entdeckung eines Krebses im Frühstadium wie etwa durch Vorsorgeuntersuchungen liegen die Heilungschancen viel höher und können in vielen Situationen bis > 90% erreichen. Über die Ursachen der immer häufiger werdenden Krebserkrankungen wird viel geforscht und spekuliert. 3 Risikokomplexe stehen fest: Erhöhte Lebenserwartung, Lebensstil und Umweltfaktoren. Menschen werden immer älter und Krebs wird im Alter immer häufiger. Über 30% aller Krebserkrankungen sind durch einen gesunden Lebensstil vermeidbar. Die Rolle von Umweltfaktoren ist nicht so klar mit Zahlen und klaren Empfehlungen zu belegen. Es gibt immer mehr Umweltverschmutzung und Belastungen in unserer Nahrung, Wasser, Erde und Luft. Einige Dinge wie Dieselabgase, Radonbelastung, wahrscheinlich auch manche Pestizide sowie die Belastung mit manchen Stoffen am Arbeitsplatz etc. erhöhen auf Dauer die Wahrscheinlichkeit, eine Krebserkrankung zu entwickeln.

Entsprechend gibt es von vielen medizinischen Fachgesellschaften wie auch der Deutschen Krebsgesellschaft klare Empfehlungen zur Prävention von Krebserkrankungen. Sie helfen auch gegen andere Erkrankungen und wahrscheinlich auch beim Verlauf einer Covid-19 Erkrankung. Hierzu gehören nicht zu Rauchen, wenig Alkohol, gesunde Ernährung mit viel frischem Obst und Gemüse, ein gesundes  Körpergewicht, ausreichender Sonnenschutz und sich täglich reichlich zu bewegen sowie soweit möglich ein sportliches Training von min. 30 Minuten an mindestens 3 Tagen/Woche. Gerade in Zeiten von Lockdown, geschlossenen Fitnessstudios, Ausgangssperren oder sogar vorübergehender Quarantänezeit ist es natürlich deutlich schwieriger geworden, ein regelmäßiges Sportprogramm zu absolvieren. Aber wir haben hier in Oberbayern eine so schöne Natur, dass man mit regelmäßigen sportlichen Spaziergängen nicht nur dem Körper, sondern auch dem Geist etwas Gutes tun kann. Bleiben Sie fit und gesund !