Europäischer Prostatakrebstag 2020: Hoffnung für Betroffene
Neue Therapieoptionen bei fortgeschrittener Erkrankung geben Anlass zu Optimismus
Für mehr als 65.000 Männer in Deutschland wird auch in diesem Jahr die Diagnose Prostatakrebs zur Gewissheit werden. Obwohl meist ältere Männer betroffen sind und Prostatakrebs selten rasch zum Tode führt, sterben jährlich in Deutschland fast 13.000 Patienten an einer fortgeschrittenen Erkrankung und ihren direkten Folgen.
„Eine Verpflichtung also, sich ständig mit der Problematik und den Perspektiven auseinanderzusetzen“, so Prof. Dr. Dirk Zaak, Leiter des Prostatakrebszentrums am Klinikum Traunstein im Rahmen der Begrüßung zu einer Fortbildungsveranstaltung im Bildungszentrum für Gesundheitsberufe der Kliniken Südostbayern AG.
Die klassische Therapie des fortgeschrittenen Prostatakrebses basiert seit Jahrzehnten auf dem Entzug des männlichen Sexualhormons Testosteron, das ein Nährsubstrat für die Krebszellen darstellt. Die Therapie verursacht allerdings Beschwerden, die den Symptomen der Wechseljahre beim weiblichen Geschlecht entsprechen und der Therapieerfolg ist leider auch nicht von Dauer. Kommt es unter der Hormonentzugstherapie, die in aller Regel mit Spritzen in regelmäßigen Abständen durchgeführt wird, zu einem Fortschreiten der Erkrankung erforderte dies dann in der Folge meist den Einsatz einer Chemotherapie.
Seit einigen Jahren hat sich diese, über viele Jahre bewährte Behandlungssequenz einschneidend verändert. „Schuld“ daran sind neue Medikamente die in den letzten Jahren zugelassen wurden. Sie heißen Abiraterone, Enzalutamid, Darolutamid oder Apalutamid, sind als Tabletten verfügbar und haben die Behandlungsabläufe revolutioniert, so Prof. Zaak. Sie greifen spezifische Schlüssel-Schloss Mechanismen (Androgenrezeptor) der Krebszelle an, blockieren diese und setzen sie außer Kraft. Im Vergleich zur alleinigen klassischen Hormontherapie konnten sie in vergleichenden Studien einen sehr positiven Effekt auf die Prognose der erkrankten Männer zeigen.
Welcher Patient heutzutage von welcher neuen Therapieform profitiert und für wen diese auch zugelassen ist, das sind relevante Fragen, die sich die Teammitglieder des Prostatakrebszentrums Traunstein in ihrer wöchentlichen Tumorkonferenz regelmäßig stellen. Um hier die bestmögliche Therapie in jedem Einzelfall zu ermitteln, treffen sich die Teammitglieder der unterschiedlichen Fachdisziplinen und diskutieren regelmäßig die individuelle Therapie. „Trotz Corona werden es auch 2020 wieder über 650 Fälle sein, die in Traunstein intensiv besprochen werden“, fügt Dr. Hofmann an. Er ist Urologe und Koordinator der Abläufe im Prostatakrebszentrum. Bereits im letzten Jahr konnte das Zentrum nachweisen, dass es in Deutschland und Europa mit den großen Referenzzentren keine Vergleiche zu scheuen braucht.
„Auch wenn die Urologische Krebsbehandlung die Domäne unseres Fachbereichs ist, so ist es heutzutage unerlässlich, sich ständig mit den anderen Fachkollegen (Onkologen, Radiologen, Strahlentherapeuten, Pathologen, Nuklearmedizinern etc.) auszutauschen“ unterstreicht Dr. Josef Schuhbeck, einer der Chefärzte für Urologie am Klinikum Traunstein.
Auch müssen die neuen Therapieoptionen sehr gut abgewogen werden, liegen die monatlichen Therapiekosten doch deutlich im vierstelligen Eurobereich. „Allerdings werden die Kosten bei korrekter Anwendung von den Krankenkassen übernommen“, betont Dr. Schuhbeck,
Hauptreferentin des Abends war Frau Prof. Dr. Margitta Retz, Leiterin der Urologischen Onkologie im Klinikum rechts der Isar. Die renommierte Expertin kooperiert seit vielen Jahren mit den Kollegen aus Traunstein und war pandemiebedingt per Videokonferenz zugeschaltet. Neben den Androgenrezeptor-gerichteten neuen Therapieformen widmete sie sich auch der sogenannten „personalisierten Medizin“ im Rahmen der Prostatakrebstherapie. Mit der Zulassung des EnzymhemmersOlaparib in Europa in den kommenden Wochen wird für einen bestimmten Teil der Prostatakrebspatienten zukünftig hier eine weitere ambulante Therapieform zur Verfügung stehen.
Der Wirkmechanismus von Olaparib beruht darauf, dass Krebszellen unter bestimmten Voraussetzungen Reparaturvorgänge in ihrem eigenen Erbgut nicht mehr vornehmen können und absterben. „Beim Prostatakrebs weisen ca. 10% der Patienten mit fortgeschrittenen Tumoren diese Voraussetzungen auf, um zukünftig mit diesem neuen Medikament behandelt werden zu können“, betone Prof. Retz.
„Durchaus also Grund zu Optimismus“, so das Fazit der Veranstaltung durch Dr. Patrick Weidlich, ebenfalls einer der Chefärzte am Klinikum Traunstein, der das Prostatakrebszentrum Traunstein auch weiterhin auf einem exzellenten Niveau sieht und nochmals die hervorragende interdisziplinäre Versorgung hervorhob.
4 Fragen an die Experten des Prostatakrebszentrums Traunstein:
Prostatakrebs wird häufig als harmlose Erkrankung des älteren Mannes bezeichnet. Ist das wirklich so?
Dr. Patrick Weidlich:
Prostatakrebs ist mittlerweile die häufigste Krebsursache bei Männern in Deutschland, tritt aber nicht in jeder Altersgruppe gleich häufig auf. Die Neuerkrankungsrate bei 70-74jährigen Männern beträgt 654/100.000. Aber auch bei den 45-49jährigen kommt dieser bösartige Tumor noch mit 17 Fällen auf 100.000 Männer vor. Leider versterben auch mehr als 13.000 Männer jährlich in Deutschland an dieser Erkrankung, also immerhin mehr als dreimal so viele wie durch Verkehrsunfälle. Sehr aggressive Formen haben ohne Therapie häufig eine Lebenserwartung von nur wenigen Jahren. Insofern kann man das Prostatakarzinom nicht generell als „harmlosen Haustierkrebs“ des älteren Mannes bezeichnen, der nicht behandelt werden muss, sondern man sollte ganz individuell nach Alter und Begleiterkrankungen des Patienten sowie Aggressivitätsform und Stadium des Tumors die weitere Abklärung und Therapie gestalten um ein optimales Behandlungsergebnis zu erzielen.
Macht Vorsorge da nicht durchaus Sinn?
Dr. Josef Schuhbeck:
Die neuen Therapiemöglichkeiten für Prostatakrebs im fortgeschrittenen Stadium ermöglichen den betroffenen Patienten eine lange Überlebenszeit bei guter Lebensqualität. Wir dürfen mit diesem Wissen allerdings die Früherkennung des Prostatakarzinoms nicht vernachlässigen. Mit der in manchen Medien unglücklich geführten Diskussion über den Nutzen der Früherkennungsuntersuchung wird leider nicht berücksichtigt, dass prinzipiell jeder Prostatakrebs heilbar ist, wenn er nur frühzeitig entdeckt wird. Insofern müssen wir weiter intensiv in der Vorsorge aktiv bleiben mit individuell angepassten Untersuchungsmethoden, die sich ebenfalls in den letzten Jahren erheblich weiterentwickelt haben.
Was dürfen Patienten im Prostatakrebszentrum in Traunstein voraussetzen?
Prof. Dr. Dirk Zaak:
In unserem seit 2012 über die Deutsche Krebsgesellschaft zertifizierten Prostatakrebszentrum erfüllen wir in Traunstein die allerhöchsten Qualitätsanforderungen, die Patienten heutzutage erwarten dürfen. Diese sehen unter anderem Mindestmengen an Behandlungen, konsequente Datenerfassung zur Qualitätssicherung, psychoonkologische Versorgung und den Einsatz neuer Diagnose- und Behandlungstechnologien (Kernspintomographie, Fusionsbiopsie, Operation, Bestrahlung, Medikamentöse Behandlungen etc.) für alle Stadien der Erkrankung von der Früherkennung bis zu fortgeschrittenen Krankheitsverläufen vor.
Das „Herzstück“ eines solchen Krebszentrums ist die Tumorkonferenz in der spezialisierte Ärzte (u.a. Urologen, Strahlentherapeuten, Onkologen, Nuklear-mediziner, Pathologen, und Radiologen) fächerübergreifend die bestmögliche Behandlung im individuellen Fall stets gemeinsam besprechen.
Wie aufwändig ist eine solchen Tumorkonferenz eigentlich?
Dr. Thomas Hofmann:
Durch die Teilnahme von Expertinnen/-en aus unterschiedlichen Fachdisziplinen soll sichergestellt werden, dass zum Beispiel bei der Wahl zwischen mehreren Behandlungsmöglichkeiten mehrere Fachrichtungen ihre Einschätzung einbringen und dann ein Konsens im Sinne des individuellen Patienten getroffen wird.
Bei der Therapiewahl werden die aktuellen nationalen und internationalen Leitlinien berücksichtigt, die wiedergeben, welche Therapieform zum aktuellen Zeitpunkt als am wirksamsten eingeschätzt wird. Übergeordnetes Ziel ist es, die Qualität der Krebsbehandlung weiter zu optimieren. Die getroffene Empfehlung der Spezialistinnen/-en, die an der Konferenz teilnehmen, wird protokolliert und dem Patienten anschließend übermittelt. Es braucht es also ein hohes Maß an fachlicher Kompetenz, genügend Zeit für den Austausch zwischen den Fachdisziplinen und den betroffenen Patienten, die entsprechende Logistik und ein Team, das das Patientenwohl stets im Blick behält. All dies kann man seit Jahren als Prostatakrebspatient in Traunstein voraussetzen.