04. Februar 2025

Neueste Erkenntnisse vom Weltkrebstag 2025

v.l. Dr. Thomas Kubin, Chefarzt der Onkologie / Hämatologie und Sprecher des Onkologischen Zentrums am Klinikum Traunstein, Leitender Oberarzt Hämato-Onkologie Dr. Florian Zettl, Oberarzt Dr. Matthias Egger, Oberarzt Dr. Kai Tran
v.l. Dr. Thomas Kubin, Chefarzt der Onkologie / Hämatologie und Sprecher des Onkologischen Zentrums am Klinikum Traunstein, Leitender Oberarzt Hämato-Onkologie Dr. Florian Zettl, Oberarzt Dr. Matthias Egger, Oberarzt Dr. Kai Tran

Präziser, wirksamer, schonender: Die neue Generation der Krebstherapien gibt Hoffnung

Die Fortschritte in der Krebstherapie sind vielversprechend: Immer präzisere Diagnoseverfahren und personalisierte Behandlungsansätze erhöhen die Überlebenschancen von Krebspatienten deutlich. Dr. Thomas Kubin, Chefarzt der Onkologie / Hämatologie und Sprecher des Onkologischen Zentrums am Klinikum Traunstein, gibt einen Einblick in die neuesten Entwicklungen.

Wie hat sich die Diagnostik von Tumoren im Hinblick auf die Therapie in der letzten Zeit verändert?

Dr. Kubin: Die Diagnostik in der Krebstherapie hat sich grundlegend gewandelt. Wir können auf Basis von Gen-Tests der einzelnen Krebszelle immer präziser, personalisierter und zielgerichteter behandeln. Da geht es bereits in der Diagnostik um ganz bestimmte Untertypen von Krebserkrankungen und wir können sehen, welche Veränderung in der Erbinformation dieser Zellen stattgefunden hat. Auf dieser Basis wird eine Strategie entwickelt, wie diese krankhaften Änderungen blockiert und quasi abschaltet werden können. Für diese hochspezialisierte Diagnostik wurde im Onkologischen Zentrum am Klinikum Traunstein ein molekulares Tumorboard unter Mitwirkung von internistischen Onkologen, Molekularpathologen, Humangenetikern und Biologen etabliert. Um unsere Erfahrungen aus diesen Gen-Tests weiter zu entwickeln, sind wir, zusammen mit der TU München, einer der ausgewählten Partner in einem staatlich geförderten Projekt zur Entwicklung vernetzter molekularer Tumorboards in Bayern.

Welche neuen Therapieformen haben besondere Fortschritte gemacht?

Dr. Kubin: Während früher oft nur die Chemotherapie als Standardbehandlung galt, setzen wir heute verstärkt auf passgenaue, personalisierte Behandlungskonzepte. Dadurch können wir effektiver behandeln und Nebenwirkungen reduzieren. Die großen Säulen der Behandlungsmöglichkeiten von Krebserkrankungen sind weiterhin die Chirurgie, die Strahlentherapie und die internistisch-medikamentöse Therapie.

Operiert wird heute aber, wenn möglich, nur noch durch “Knopflochchirurgie”, also gewebeschonend durch kleine Schnitte mit Hilfe von Laparoskopen oder noch schonender mittels roboterassistierter Chirurgie.

Die Strahlentherapie kann heutzutage durch computergestützte 3D-Planung extrem genau ein Zielfeld definieren und dieses durch verschiedenste Techniken gewebeschonend millimetergenau bestrahlen und, wo gewünscht und sinnvoll, mit einer einzeitigen Bestrahlung zerstören (stereotaktische Bestrahlung oder Radiochirurgie).

Die Behandlung von Krebs durch Medikamente zeigt seit langen Jahren die größte Dynamik für innovative Neuerungen. Hierbei wird die klassische Chemotherapie immer seltener und kürzer eingesetzt und ist mittlerweile für manche Krebserkrankungen komplett verzichtbar. Im Gegenzug wird die Therapie immer mehr durch biologische Therapeutika wie Antikörper, zielgerichtete Substanzen und Immuntherapeutika erweitert.

Können Sie die Immuntherapie näher erläutern?

Dr. Kubin: Die Immuntherapie ist eine der spannendsten Entwicklungen der letzten Jahre und hat die Behandlung von Krebs de facto revolutioniert. Sie ist die neueste entwickelte Säule im Kampf gegen Tumoren. Hierbei wird das körpereigene Abwehrsystem mit Hilfe von speziellen Antikörpern stimuliert, selbst aggressiv gegen Tumorzellen im Körper vorzugehen. Sie ist in den Anfängen seit knapp 10 Jahren verfügbar und hat die Therapie vieler solider Tumoren deutlich verbessert. Durch den Einsatz kann nicht nur das Leben von vielen Patienten deutlich verlängert werden, sondern es kommt auch bei einem kleinen Teil der Patienten wahrscheinlich zu einer Ausheilung des Krebsleidens, auch schon im metastasierten Krankheitsstadium. Solche überraschend guten Verläufe haben wir früher nie gesehen, das stimmt uns sehr optimistisch. Zu diesem Gebiet läuft ganz viel Forschung, um die Immuntherapie noch weiter zu verbessern, damit der Körper sich eines Tages mit gezielter Lenkung selbst von seinem Krebs befreien kann – das ist das Ziel.

Wie sieht die Krebsbehandlung für den einzelnen Patienten denn aus?

Dr. Kubin: Heutzutage erfordert die Behandlung von Krebs ein Team aus Spezialisten verschiedener Fachrichtungen. In unserem Onkologischen Zentrum führen wir regelmäßig große Tumorkonferenzen durch, bei denen Onkologen, Chirurgen, Strahlentherapeuten, Radiologen und Pathologen sowie je nach Krankheitsbild auch Gastroenterologen, Urologen, Gynäkologen, Thoraxchirurgen, Neurochirurgen und andere Experten gemeinsam die beste Strategie für jeden einzelnen Patienten entwickeln. Wir haben spezialisierte Organzentren, die sich intensiv mit den jeweiligen Krebsarten befassen und dadurch eine hochspezialisierte individuelle Behandlung ermöglichen.

Wichtig ist uns auch, die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten durch verschiedenste Angebote deutlich zu steigern. Dazu gehören neben der Therapie gegen den Krebs selbst auch die intensive Behandlung von Beschwerden und die Stärkung der Restgesundheit sowie, wo nötig, eine palliativmedizinische Begleitung. Wir bieten auch eine Beratung für soziale Belange an und Unterstützung zu Hause bis hin zur psychologischen Gesprächstherapie. Für uns ist der ganze Mensch wichtig und wir möchten auf ganzer Linie helfen, die Angst erfolgreich zurückzudrängen und wieder gut ins Leben zurückzukommen. Hier hilft im ambulanten Bereich zusätzlich der Verein „Gemeinsam gegen den Krebs e.V.“ mit vielen guten Angeboten.

Können die Menschen in Zukunft eine noch bessere Heilungsrate erwarten?

Dr. Kubin: Die Fortschritte der letzten Jahre lassen uns optimistisch in die Zukunft blicken: Die Errungenschaften der modernen Medizin können nicht nur viele Krebserkrankungen in den verschiedensten Stadien teilweise sogar ausheilen, sondern können auch das Leben mit Krebs wenigstens um Monate oder um viele Jahre verlängern und die Lebensqualität deutlich steigern. Heute überleben bereits rund 60 % der Patienten ihre Krebserkrankung langfristig. Durch weitere Innovationen, eben insbesondere in der Immuntherapie und der personalisierten Medizin, wird diese Zahl in den kommenden Jahren weiter steigen. Unser langfristiges Ziel ist es, Krebs immer häufiger heilbar zu machen oder zumindest in eine chronische, gut kontrollierbare Krankheit zu verwandeln. Besser als einen Krebs zu behandeln ist aber, die Entstehung von Krebs zu verhindern.

Was können die Menschen selbst tun, um ihr Krebsrisiko zu senken?

Dr. Kubin: Krebs ist eine potenziell tödliche Erkrankung die jedem, den diese Diagnose ereilt, Angst macht. Angst ist aber der schlechteste Berater im Umgang mit einer Krebserkrankung. Daher sollte man unbedingt zu den empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen gehen, um Krebs frühzeitig zu erkennen und diesen damit gegebenenfalls deutlich besser behandeln zu können. In Deutschland gibt es daher ein gesetzliches Krebsfrüherkennungsprogramm gegen fünf verschiedene Krebsarten. Hierzu gehören die Vorsorge gegen Darmkrebs und Hautkrebs, für Frauen zusätzlich Brustkrebs und Gebärmutterhalskrebs, für Männer Prostatakrebs. In Anbetracht steigender Krankheitsraten kommt der Prävention, also der möglichen Verhinderung des Auftretens von Krebserkrankungen, eine immer größere Bedeutung zu. Man schätzt, dass rund 40 % aller Krebsfälle durch eine gesündere Lebensweise vermieden werden könnten. Dazu gehören der Verzicht auf Rauchen, geringer oder gar kein Alkoholkonsum, eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst und Gemüse sowie wenig rotes oder verarbeitetes Fleisch, regelmäßige Bewegung, besser noch regelmäßige sportliche Betätigung, und das Meiden von übermäßiger UV-Strahlung sowie Limitierung von Übergewicht.