PATIENTEN ERZÄHLEN

Langsamer gehen heißt nicht, stehen zu bleiben

v.li.: Dr. Steffen Decker, Chefarzt der Thoraxchirurgie / Edeltraud R. in ihrem noch winterlichen Garten, aber mit Sonnenstrahlen im Gesicht.
v.li.: Dr. Steffen Decker, Chefarzt der Thoraxchirurgie / Edeltraud R. in ihrem noch winterlichen Garten, aber mit Sonnenstrahlen im Gesicht.

Für Edeltraud R. war ein vor ihren Augen tanzendes Bild an der Wand der Anfang eines Weges durch Schlaganfall, Tumorverdacht und Operation – und am Ende der unbeirrbare Wille zur Rückkehr in den Alltag. Langsamer, bewusster, aber mit Humor und immer da für andere Menschen.

Wer Edeltraud R. heute begegnet, würde nicht vermuten, dass ihr Leben vor gut eineinhalb Jahren an einem seidenen Faden hing. Sie lacht, ist witzig, interessiert sich für Kunst, Natur und Menschen. Sie trifft Freunde, hält Kontakt zu alten Weggefährten und macht Ausflüge in die Gegend rund um ihren Wohnort Freilassing. Eine 75-Jährige, die mitten im Leben steht – wenn auch mit etwas mehr Pausen als früher.

Der Moment, der alles verändert, findet im Eingang ihres Hauses in Freilassing statt. Edeltraud R. und ihr Mann Edmund wollen zum Einkaufen gehen, doch noch bevor sie aus der Haustür treten kann, beginnt ihre Welt zu kippen. „Die Bilder an der Wand haben getanzt“, erinnert sie sich. Sie weiß damals instinktiv, dass etwas nicht stimmt. „Edmund, fang mich auf und ruf die 112.“ Das ist das Letzte, was sie noch weiß. Damals zählt jede Minute und ein Hubschraubertransport nach Traunstein kommt aufgrund der Lage des Hauses, inmitten einer eng bebauten Siedlung ohne die Möglichkeit irgendwo zu landen, nicht mehr infrage. Sie wird aufgrund der räumlichen Nähe in eine Klinik in Salzburg gefahren. Fakt ist, sie wird mit einer Halbseitenlähmung eingeliefert und ein Gerinnsel wird aus dem Gehirn entfernt.

Zufallsbefund Lungentumor

Fünf Tage später, am 30. Juli 2024, wird sie dann mit deutlich gebesserter Neurologie zur Weiterbehandlung nach Bad Reichenhall in die Kreisklinik verlegt. Erst dort beginnt ihre Erinnerung wieder. „Ich weiß überhaupt nix mehr bis hierher“, sagt sie im Gespräch. „Die Logopädin dort hat nur erfreut festgestellt, dass ich ja sprechen kann.“

In Bad Reichenhall beginnt auch das, was die Medizin „Weiterbehandlung“ nennt: Blutgerinnung optimieren, Ursachen suchen, Folgen abklären. Eine umfassende Umfelddiagnostik gehört dazu. Dabei wird eine Struktur im rechten Lungenoberlappen entdeckt. Zufällig. Ohne vorherige Beschwerden. „Und dann haben sie dabei den Tumor gefunden“, sagt die gebürtige Surheimerin. Sie hat immer noch etwas Verwunderung in der Stimme.

Zur histologischen Sicherung wird sie in der Abteilung Pneumologie in Bad Reichenhall unter der Leitung von Prof. Dr. Tobias Lange weiter diagnostiziert. Die Probenentnahme per Bronchoskopie ist jedoch nicht ganz eindeutig, sie zeigt nicht genau, ob der Tumor gutartig oder bösartig ist. Nach genauer Abklärung fällt die Entscheidung zur Operation des Tumors. Davor braucht sie aber noch eine längere Erholungsphase vom Schlaganfall.

Am 8. Januar 2025 wird der Tumor in der Thoraxchirurgie im Klinikum Traunstein vollständig entfernt. Die Thoraxchirurgie ist auch Teil des neu gegründeten Lungenkrebszentrums unter der Leitung von Dr. Arno Mohr. „Alles ist gut gegangen“, sagt Dr. Steffen Decker, Chefarzt der Thoraxchirurgie, „Es gab keine Metastasen, und die feingewebliche Untersuchung des gesamten Präparates hat einen gutartigen Tumor ergeben.“ Und er sagt den Satz, der zumindest dieses eine Kapitel schließt: „Eine Weiterbehandlung oder Nachsorge des Lungentumors für Frau R. ist nicht erforderlich.“

Schritte zurück ins Leben

„Schon kurz nach der Operation ist der Dr. Decker mit mir auf der Station spazieren gegangen. Ich konnte mich bei ihm einhaken und er hatte Zeit für mich. Das fand ich ausgesprochen schön“, erzählt die Rentnerin fast stolz. Dr. Decker fasst die Situation sachlich zusammen: „Der Schlaganfall war der Auslöser für alles Weitere. Ohne ihn wäre der Tumor möglicherweise unentdeckt geblieben.“ Edeltraut R. fällt dafür auch gleich ein Spruch ein: „Nix Schlecht‘s, wo ned a wos Guads dabei ist.“ Ein Satz, der zeigt, wie eng Glück und Rettung manchmal beieinanderliegen.

Nach knapp zwei Wochen im Klinikum Traunstein kann Edeltraud R. schon wieder mithilfe des Rollators allein laufen, sie genießt die Bewegung und die wiedergewonnene Freiheit. Ab Februar 2025 kann sie zur Reha in die Schönau, zusammen mit ihrem Mann, der mit dort wohnen kann. Die neurologischen Folgen des Schlaganfalls sind geblieben, aber abgeschwächt.

Eingeschränkt ist lediglich die Feinmotorik in den Fingern und alles geht langsamer. „Ich bin immer sehr müde und manchmal auch ungeduldig mit mir selbst“, sagt Edeltraud R. Der Geruchssinn ist ebenfalls wieder da, der Geschmack nur eingeschränkt. „Vielleicht weiß ich aber auch nur, wie es schmecken sollte“, sagt sie und lacht. Es ist ihr feiner Humor, der immer wieder durchblitzt. ist. Und dann, fast entschuldigend: „Aber ich bin zufrieden. Weil, was ich auf keinen Fall will, was ich nie wollte, ist über Krankheiten reden.“ Und was sie auch nicht will: Keine Kreuzfahrten, keine silberlila Haare, keine Klischees vom Älterwerden erfüllen. Denn sie war und ist nach wie vor immer mehr als das: künstlerisch vielseitig interessiert, neugierig, beweglich im Kopf.

Alltag, angepasst

Körperlich hat sie sich arrangiert: manchmal nutzt sie auch jetzt noch einen Rollator, wenn sie sich beim Gehen unsicher fühlt. Autofahren geht wieder – aber nicht weit. Der Rollator fährt im Auto mit, ihr Mann unterstützt sie dabei, wie in vielen Dingen. Kurze Spaziergänge sind gut möglich. Auch die Kraft in den Händen fehlt, vor allem fürs Garteln. Stattdessen hat sie sich neue Rituale gesetzt: jeden Tag in den Garten gehen, jeden Tag ein Gedicht lesen, jeden Tag einen Freund anrufen. Laut lesen, Kreuzworträtsel – das Gehirn trainieren, ohne es zu zwingen. „Ich will mich auch gar nicht so arg damit beschäftigen“, sagt sie. „Ich tu, was ich immer getan habe, aber eben langsamer.“

Anderen Menschen helfen

Vielleicht ist es diese Offenheit, die erklärt, warum Edeltraud R. so viel Lebensfreude versprüht. Sie besucht jede Woche eine über 80-jährige Frau, deren Mann gestorben ist. Sie ratschen, spielen, oder fahren gemeinsam in die Bücherei.

Und das ist auch der Grund, warum Edeltraud R. auf Anfrage des Klinikums ihre Geschichte erzählt hat: „Ich möchte anderen Menschen, die wie ich einen großen Einschnitt in ihrem Leben hatten, gesundheitlich oder auf einer anderen Ebene, Mut machen, immer an sich zu glauben, nicht aufzugeben und auch andere weiter zu unterstützen.“, sagt sie. Eine Feststellung, die zeigt, sie hat Aufgaben, sie hat Humor und Lebensmut und sie hat Freude am Kontakt mit Menschen. Kleine Pausen sind erlaubt.