Ein Zufallsbefund, eine verzahnte Behandlung und eine klare Haltung
MÜHLDORF/ALTÖTTING/TRAUNSTEIN. Es ist ein heißer Sommertag Anfang August 2025, für den verstorbenen Vater wird in der Kirche in Neuötting eine Messe gelesen. Obschon es sehr kühl ist im Kirchenschiff, schwitzt C. Scharhag und der Rücken schmerzt. „Vielleicht zu viel Hitze draußen“, denkt er. „Vielleicht nur der anstrengende Vormittag.“
Beim anschließenden Mittagessen merkt er, irgendetwas stimmt nicht. Er hat keinen Appetit, nicht mal sein Bier trinkt er aus. „Mir war nicht gut“, erinnert sich der 61-Jährige. Zuhause legt er sich hin. Seine Frau weckt ihn später – und für einen Moment weiß er nicht, wo er ist. Am Abend geht er früh ins Bett und noch etwas ist anders: Auf seiner bevorzugten rechten Seite kann er nicht schlafen. Am nächsten Morgen, Montag halb fünf in der Früh, fährt Scharhag dann selbst in die Zentrale Notaufnahme nach Altötting. Dort beginnt eine Geschichte, die keiner so vorhersehen konnte.
Ein Fleck im CT sichtbar
Die Ärzte veranlassen eine Computertomographie des Brustkorbs mit Kontrastmittel. Der Befund: beidseitige Lungenentzündung mit Pleuraerguss. Doch auf dem Bild zeigt sich noch etwas Anderes. Im linken Oberlappen sehen die Ärzte einen weißen Fleck mit einem Durchmesser von 54 mm. Für die Lungenentzündung bekommt er sofort Antibiotika und wird gleich im Krankenhaus behalten. Gleich am Mittwochmorgen beginnen dann die Ärzte in der Pneumologie mit den Untersuchungen. Sie bronchoskopieren C. Scharhag und können gleich auf diesem Wege eine Probe aus dem Tumor gewinnen. Durch die Pathologen wird ein großzelliges Bronchialkarzinom diagnostiziert.
Bereits begleitend zur Diagnosestellung werden die Untersuchungen zur Ausbreitungsdiagnostik und Funktionsuntersuchungen zur Vorbereitung auf eine mögliche Operation durchgeführt. Nach Abschluss dieser sog, „Staginguntersuchungen“ und Diskussion aller Befunde in der Tumorkonferenz fällt die Entscheidung zur operationsvorbereitenden medikamentösen Therapie in Form einer Chemo-Immuntherapie. Sie wird an der onkologischen Abteilung des Innklinikums Altötting geplant und nach entsprechenden Voruntersuchungen rasch begonnen. Ergänzend zur Chemotherapie werden dabei mit gentechnisch hergestellten Antikörper-Infusionen körpereigene Abwehrmechanismen des Immunsystems aktiviert, um gezielt Tumorzellen abzutöten. Dies ist eine der modernsten Therapieformen in der Krebsbehandlung und erst seit wenigen Jahren in dieser Form möglich.
Aber Scharhag bekommt Schwierigkeiten mit Schwindel, darum wird die Therapie nach drei Zyklen beendet – und die Operation kommt früher ins Gespräch als geplant. Vorher wollen sich die Ärzte aber sicher sein, dass sich der Krebs nicht trotz der Behandlung ausgebreitet hat und so werden Anfang November ein Ganzkörper-CT und ein MRT des Schädels durchgeführt. Hier zeigen sich mehrere kleine „Flecken“ in beiden Lungen, welche durch die Röntgenärzte als hochverdächtig auf Absiedelungen des Lungenkrebses eingeschätzt werden. Da solche Veränderungen aber auch als immunologische Nebenwirkung der hochmodernen Krebsmedikamente auftreten können, werden zwei dieser Herde im InnKlinikum Mühldorf über eine Brustkorbspiegelung entfernt, um sie genau untersuchen zu können. Glücklicherweise bestätigte sich der Verdacht der Radiologen nicht: Tatsächlich handelt es sich um eine Nebenwirkung der Immun-Therapie im Sinne einer Entzündungsreaktion. Danach kann die Entfernung des mittlerweile auch kleiner gewordenen Tumors im Klinikum Traunstein geplant werden.
Zwei Kliniken, ein Team
Während Angehörige und Freunde erschrecken, als sie von der Diagnose erfahren, bleibt C. Scharhag erstaunlich ruhig. „Ich hab mich da gar nicht so reingesteigert, meine Angehörigen waren viel aufgeregter. Aber das kommt einfach davon, weil ich schon seit langem im Zentralen Belegungsmanagement im Krankenhaus in Altötting arbeite und so jeden Tag mit Krankheiten zu tun habe“, sagt er. „Mein Motto war von Anfang an: Es geht nur vorwärts.“
Und vorwärts geht so: Mitte Januar werden in Mühldorf in einer ersten Operation Proben genommen. Ende des Monats folgen dann Echo, EKG, eine weitere Bronchoskopie und alle weiteren notwendigen Voruntersuchungen in der Thoraxchirurgie im Klinikum Traunstein.
Das Team der Thoraxchirurgie operiert C. Scharhag Ende Januar. Dabei müssen der tumortragende Lungenabschnitt und die Lymphknoten entfernt werden. Aufgrund des guten Ansprechens der vor der Operation durchgeführten Systemtherapie werden nur zwei der neun Segmente der linken Lunge entfernt, und es braucht keine weitere Chemotherapie nach der Operation. Allerdings wird im Anschluss eine Fortsetzung der alleinigen Immuntherapie empfohlen, wie in der fachübergreifenden Tumorkonferenz diskutiert und gemeinsam mit den Kollegen der anderen Fachabteilungen entschieden. C. Scharhag darf nach der Operation wieder nach Hause, die Planungen für seine weitere Behandlung laufen bereits.
Für ihn ändert sich nach der OP schlagartig sein gesamtes Leben: „Meine Tage waren immer getaktet und jetzt hatte ich plötzlich Zeit.“ Und noch etwas ändert sich radikal: „Ich war vorher starker Raucher und habe auf fünf Zigaretten pro Tag reduziert. Ganz aufhören? Schaffe ich nicht.“
Arbeit als Antrieb
Zwei Wochen später beginnt die Reha im Landkreis Berchtesgadener Land. Sie dauert knapp drei Wochen und jeder Tag ist randvoll gefüllt mit Anwendungen, Training, Therapie, Übungen. Mitte März fährt C. Scharhag noch mit seiner Frau zwei Wochen in den Urlaub, „in die zweite Reha“, wie er sagt. Im kommenden Jahr feiern sie Silberhochzeit.
Im März beginnt auch die von den Leitlinien und der Tumorkonferenz empfohlene Immuntherapie. Parallel dazu fängt er ab April wieder anfangen zu arbeiten, das will er unbedingt, obwohl der Schwerbehindertenausweis 80 Prozent bescheinigt: „Ich liebe meine Arbeit, je komplizierter ein Fall ist, den ich bearbeite, desto mehr Spaß macht es mir. Aber ich habe auch gelernt, mich einzubremsen und ruhiger zu werden.“
Kontrolle und Blick nach vorn
Die medizinische Betreuung läuft selbstverständlich weiter. In der Onkologie-Ambulanz im InnKlinikum Altötting finden wieder die regelmäßigen Kontrollen statt. Für den Patienten C. Scharhag hat das einen großen Vorteil: Die Behandlung ist eine Zusammenarbeit mehrerer Kliniken, sein Fall wird in Altötting, Traunstein und Mühldorf gemeinsam behandelt, er ist somit wohnortnah und gleichzeitig hochqualitativ betreut.
C. Scharhag resümiert: „Mir gehts gut – aber ich muss endlich wieder Sport machen. Das habe ich in der Reha angefangen und ich will mich wirklich mehr bewegen. Meine Frau ist viel fitter als ich, darum gehe ich aktuell lieber allein spazieren, sonst rennt sie mir einfach davon. Und im Sommer habe ich dann wieder viel zu tun im Garten.“ Denn für C. Scharhag gilt weiterhin sein klares Prinzip: Es geht nur vorwärts.