30.01.2026 - Kreisklinik Bad Reichenhall

Die Schulter - ein empfindliches Gelenk

Aus der Vortragsreihe Gesundheit AKTIV

Schulterschmerzen zählen zu den häufigsten Beschwerden des Bewegungsapparates und können Menschen in jedem Lebensalter betreffen – vom jungen Sportler bis ins hohe Alter. Warum die Schulter besonders anfällig für Verletzungen ist, welche Beschwerden typisch für unterschiedliche Altersgruppen sind und welche modernen Behandlungsmöglichkeiten heute zur Verfügung stehen, erläutert Dr. med. Florian Zoffl, Chefarzt für Unfallchirurgie und Orthopädische Chirurgie an der Kreisklinik Bad Reichenhall, in einem Vortrag.

Die Schulter unterscheidet sich deutlich von anderen großen Gelenken wie Hüfte oder Knie. Sie ermöglicht ein besonders großes Bewegungsausmaß, wird aber nur von einer vergleichsweise kleinen Gelenkpfanne geführt. Stabilität erhält sie vor allem durch Muskeln, Sehnen und Bänder. Diese Konstruktion macht die Schulter zwar sehr beweglich, zugleich aber auch anfällig für Verletzungen, Überlastungen und Verschleißerscheinungen.

Wenn die Schulter rausfliegt

Bei jungen, sportlich aktiven Menschen sind es vor allem akute Unfallverletzungen, die zu Schulterschmerzen führen. Häufig kommt es zur Schulterluxation, also zur Ausrenkung des Gelenks, und damit ist es nach dem Einrenken in der Notaufnahme meist nicht getan. Denn nicht selten wird dabei zusätzlich die Gelenklippe verletzt, die zur Stabilität der Schulter beiträgt. „Genau diese Begleitverletzungen sind der Grund, warum die Schulter nach einer Ausrenkung häufig instabil bleibt“, sagt Dr. Zoffl. Bleiben Betroffene sportlich aktiv, sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Schulter erneut ausrenkt. In solchen Fällen werde deshalb häufig operativ stabilisiert, um wiederholte Ausrenkungen zu verhindern. Dabei wird die verletzte Gelenklippe meist minimalinvasiv wieder am Gelenk fixiert und die Schulter so stabilisiert, dass sie im Alltag und beim Sport besser „hält“.
Ebenfalls typisch bei Jüngeren ist eine Verletzung des Schultereckgelenks, oft nach Stürzen auf die Schulter, etwa beim Radfahren. „Dabei kann dann das Schultereckgelenk aufreißen“, weiß Zoffl. Je nach Ausprägung werde auch diese Verletzung häufig operativ behandelt. Ziel ist dann, das Gelenk wieder zu stabilisieren, etwa durch eine Rekonstruktion der gerissenen Bandverbindungen oder durch eine vorübergehende Fixierung.

Schulter am Limit

Im mittleren Lebensalter stehen meist schleichende Überlastungsschäden im Vordergrund. Häufig betroffen ist die sogenannte Rotatorenmanschette, eine Sehnenstruktur, die den Oberarmkopf führt und dafür sorgt, dass der Arm angehoben werden kann. Über Jahre hinweg kann es durch körperliche Arbeit, Sport oder Tätigkeiten über Kopf zu einem Ungleichgewicht zwischen Belastung und Belastbarkeit kommen. Die Folge sind Schmerzen, vor allem beim Heben des Arms, und ein zunehmender Kraftverlust. Reißt die Sehne, lässt sich der Arm im Extremfall kaum oder gar nicht mehr aktiv anheben. Ebenfalls typisch ist das sogenannte Impingement, eine Schulterenge unter dem Schulterdach. „Dabei werden Sehnen und Schleimbeutel bei bestimmten Bewegungen eingeengt, was auch hier beim Anheben des Arms zu starken Schmerzen führt“, so Dr. Zoffl. Bleibt diese Enge über längere Zeit bestehen, kann sie die Sehnen zusätzlich schädigen und einen Riss der Rotatorenmanschette begünstigen. Die beiden Probleme hängen also häufig zusammen.

Knochen geben nach

Bei älteren Menschen spielen vor allem die Knochenqualität und Sturzverletzungen eine größere Rolle. „Je nach Altersgruppe unterscheidet sich die Knochenqualität, und entsprechend unterscheiden sich auch die Verletzungen“, erklärt Dr. Zoffl. Häufig sind Brüche im Bereich des Oberarms beziehungsweise des Oberarmkopfs, die aufgrund der geminderten Knochenfestigkeit oft operativ versorgt werden müssen. In der Regel erfolgt das durch eine Stabilisierung mit einer Platte. „Wenn zu viel zerstört ist, ist in sehr seltenen Fällen eine Prothesenoperation notwendig“, sagt der Chefarzt. Langfristig können zudem unbehandelte oder über lange Zeit bestehende Schulterprobleme in eine Arthrose des Schultergelenks münden, die dann, ähnlich wie bei Hüfte oder Knie, einen Gelenkersatz erforderlich machen kann.

Was die Schulter für Facharzt Dr. Zoffl besonders anspruchsvoll und anfällig für Vernarbungen und Bewegungseinschränkungen macht, ist das feine Zusammenspiel von Knochen, Muskeln und Sehnen. Umso wichtiger sei heute ein ausgewogenes Vorgehen nach Verletzungen oder Operationen. Dank moderner, meist minimalinvasiver Verfahren könne die Schulter in vielen Fällen frühzeitig wieder bewegt werden. Längere Ruhigstellungen, wie sie früher üblich waren, würden bewusst vermieden, sagt er.