Millimeterarbeit mit System – Hightech am Operationstisch
Wie der Einsatz des OP-Roboters daVinci im Klinikum Traunstein selbst Mastdarmkrebs-Operationen besser beherrschbar macht
Am Klinikum Traunstein wurde der OP-Roboter daVinci in 2023 installiert. Seitdem nutzen verschiedene Fachbereiche diese neue Technik, unter anderem die Urologie, die Gynäkologie und die Allgemein- und Viszeralchirurgie. Letztes Jahr wurden am Klinikum insgesamt 267 Eingriffe mit robotischer Hilfe durchgeführt, mehr als die Hälfte davon, nämlich 140, in der Allgemein- und Viszeralchirurgie – ein klares Signal: Diese Technik ist nicht Experiment, sondern Routine und wertvolle Ergänzung, denn sie verspricht mehr Sicherheit für die Patientinnen und Patienten. In 2025 wurden diese Patientinnen und Patienten am Darm, am Magen, an der Nebenniere und an der Bauchspeicheldrüse operiert. Neben dem Einsatz bei Tumorpatienten werden zunehmend auch Patientinnen und Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen robotisch gestützt operiert.
Besonders bei Mastdarmkrebs operieren die Chirurginnen und Chirurgen in einer anatomischen Engstelle: tief im Becken und dicht an Nerven, die über Kontinenz und Sexualfunktion entscheiden. Genau hier tritt daVinci in Aktion, denn in diesem Bereich ist wenig Platz, aber viel Verantwortung. Mastdarmkrebs, medizinisch Rektumkarzinom, sitzt häufig in einer Zone, in der millimetergenaue Entscheidungen über das Leben nach der Operation bestimmen: Kann der Patient Stuhl und Urin halten? Bleibt die Sexualfunktion erhalten? Und gelingt zugleich die onkologisch saubere Entfernung des Tumors und damit das verbesserte Langzeitüberleben?
„Die chirurgische Behandlung des Mastdarmkrebses ist anspruchsvoll, weil der Tumor im engen Becken liegt und wichtige Nervenstrukturen direkt benachbart sind“, sagt Prof. Dr. Christian Jurowich, Chefarzt der Allgemein- und Viszeralchirurgie. „Wir müssen radikal genug operieren, um den Krebs sicher zu entfernen – und gleichzeitig so schonend wie möglich, um die Funktionen zu erhalten.“
Was im OP den Unterschied macht: Exakt sehen und präzise behandeln
Robotische Systeme arbeiten nicht selbstständig. Sie sind keine „Maschinenärzte“, sondern hochpräzise Instrumente, die vollständig durch die Operateurin oder den Operateur gesteuert werden. Die Vorteile liegen auf der Hand: bessere Sicht, bessere Beweglichkeit, bessere Kontrolle. Im Becken, wo herkömmliche Instrumente an Grenzen stoßen, kann der Roboter die Hand der Chirurgin und des Chirurgen verlängern und verfeinern.
Dr. Birgit Reinisch, Oberärztin Allgemein-, Viszeral- und Minimalinvasive Chirurgie, und Darmzentrumskoordinatorin, erklärt: „Die Bildgebung ist hochauflösend, die Darstellung vergrößert. Und die Instrumente lassen sich in Winkeln bewegen, die menschliche Handgelenke nicht leisten. Das schafft Spielraum, gerade bei anatomisch so beengten Raumverhältnissen wie im kleinen Becken. Die Abwinkelung der Instrumente hilft uns damit besonders bei tiefsitzenden Tumoren. Wir können präziser präparieren und haben eine sehr gute Übersicht. Das ist entscheidend, wenn es um die Schonung der Nerven geht, die Kontinenz und Sexualfunktion steuern.“
Das Versprechen und der Vorteil dahinter sind klar: möglichst komplette Entfernung des Tumors, aber ohne Kollateralschäden. Denn früher war die Mastdarmkrebs-Chirurgie eine Geschichte des Entweder-oder: Tumor sicher entfernt, aber Kontinenz und Sexualfunktion verloren. Die Robotik verspricht jetzt ein Sowohl-als-auch.
Für welche Krankheitsbilder eignet sich der Einsatz des Roboters besonders?
Nicht jeder Eingriff braucht Robotik. Aber manche profitieren deutlich. Dr. Reinisch erläutert: „Besonders geeignet ist der daVinci-Einsatz bei Mastdarmkrebs im mittleren und unteren Drittel, denn hier zählt jeder Millimeter, weil der Tumor tief im Becken liegt und die Präparation eng an nervalen Strukturen verläuft. Außerdem bei komplexen anatomischen Verhältnissen, etwa bei einem engen Becken, bei Adipositas oder schwierigen Tumorlagen. Auch Rekonstruktionen und feine Nahttechniken, bei denen Präzision über eventuelle Komplikationen entscheidet, können durch die Unterstützung des OP-Roboters noch besser behandelt werden.“ Längst hat sich am Klinikum Traunstein die robotische Operation aber auch bei anderen Dickdarmtumoren sowie bei Magen- und Bauchspeicheldrüsenkrebs durchgesetzt: Die Patientinnen und Patienten haben postoperativ deutlich weniger Schmerzen und erholen sich schnell von selbst großen und komplizierten Operationen.
In der Viszeralchirurgie dominieren Tumorerkrankungen, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Gallenblasen- und Leistenhernien-Operationen, Eingriffe an Magen und Darm und an der Bauchspeicheldrüse. Das zweite große Feld, in dem Robotik vielerorts eingesetzt wird, sind urologische Eingriffe – etwa an der Prostata.
Was sagt die Forschung?
Die robotische Chirurgie wird bereits breit angewandt, doch fehlten lange Zeit belastbare Langzeitdaten. Nun liefert die internationale REAL-Studie neue Argumente aus dem Bereich des Mastdarmkrebses: In einer anonymisierten Untersuchung mit 1.240 Patientinnen und Patienten aus elf Zentren wurden robotische und laparoskopische Operationen verglichen. Bewertet wurden unter anderem lokales Wiederkehren, krankheitsfreies und Gesamtüberleben sowie funktionelle Ergebnisse, wie Urin- und Stuhlinkontinenz und sexuelle Funktionsstörungen. Die Ergebnisse nach drei Jahren fielen zugunsten der Robotik aus: Die lokale Rückfallrate war niedriger (1,6% vs. 4,0%), und bei niedrig sitzenden Tumoren zeigte sich ein Vorteil im krankheitsfreien Überleben.
Prof. Dr. Jurowich fasst zusammen: „Robotische Chirurgie ist kein Zauber, sondern Unterstützung. Sie ersetzt nicht Erfahrung, Planung und ein gutes Team. Aber sie verschiebt Grenzen dort, wo Grenzen bislang zu oft zulasten der Patientinnen und Patienten gingen. Denn am Ende zählt nicht, ob wir modern operieren. Sondern ob die Patientin oder der Patient nach der Operation gut leben können.“