29.05.2026 - Klinikum Traunstein

Übergewicht und Diabetes bei Kindern steigt deutlich

Welche Faktoren ausschlaggebend sind

Schlafmangel, Handynutzung, Übergewicht und deren Auswirkungen auf den Blutzuckerspiegel bei Kindern und Jugendlichen standen im Mittelpunkt eines Treffens zwischen Kinderärzten aus Klinik und Praxis Mitte Mai in Traunstein. Beim gemeinsamen Qualitätszirkel der niedergelassenen Kinderärzte mit der Kinderklinik der Kliniken Südostbayern tauschten Ärztinnen und Ärzte aus Praxis und Klinik ihr Wissen aus – mit einem klaren Ziel: die Versorgung kranker Kinder in der Region zu verbessern.

Prof. Dr. Gerhard Wolf, Chefarzt der Kinderklinik Traunstein, zeigt sich überzeugt: „Übergewicht und Diabetes sind keine Randthemen mehr – sie betreffen immer mehr Kinder auch in unserer Region. Als Kinderklinik und niedergelassene Kinderärztinnen und -ärzte tragen wir gemeinsam Verantwortung dafür, dass kein Kind durch das Netz fällt. Genau dafür brauchen wir diese enge Zusammenarbeit zwischen Praxis und Klinik."

Anerkennung als chronische Krankheit gefordert

Eine der wichtigsten Botschaften des Abends: Übergewicht bei Kindern ist keine Frage fehlender Disziplin oder schlechter Erziehung. „Adipositas muss als chronische Erkrankung anerkannt werden", machten die Referentinnen Dr.  Marina Sindichakis, Dr. Stefanie Röding und Marion Daxer deutlich, die Veranlagung spiele dabei eine mindestens genauso große Rolle wie die Lebensumstände – das zeige die aktuelle Studienlage eindeutig.

Je früher in der Kindheit Übergewicht detektiert wird, umso besser stehen die Chancen, dass Lebensstilinterventionen greifen können. Wird ein Kind wegen seines Gewichts beschämt oder ausgrenzt, schadet es ihm doppelt.

Schlafmangel und lange Bildschirmzeit große Faktoren

Auch äußere Faktoren tragen mehr bei, als viele Eltern ahnen. Teenager, die weniger als sieben Stunden schlafen, haben ein um 74% höheres Risiko für Übergewicht. Schulkinder brauchen sogar mehr als 9 Stunden Schlaf.  Hier trägt bereits jede Stunde Schlaf deutlich zur Erholung bei, denn der Körper schüttet bei Schlafmangel mehr Stresshormone aus, der Appetit steigt – und Fettreserven werden schneller aufgebaut. Zu viel Bildschirmzeit trägt ebenfalls zur Adipositas bei. Eine US-amerikanische Studie mit über 11.000 Kindern im Alter von 9 bis 10 Jahren zeigte: Jede zusätzliche Stunde täglich vor dem Bildschirm ließ den Body-Mass-Index ein Jahr später messbar ansteigen – egal ob Fernsehen, Soziale Medien oder Videospiele. Stark übergewichtige Kinder leiden häufig auch seelisch, betonte Dr. Young-Im Yang, die als Psychotherapeutin in der Kinderklinik Traunstein arbeitet. Depressionen, Angststörungen, Aufmerksamkeitsprobleme (ADHS) und Essstörungen wie unkontrolliertes Überessen (Binge-Eating) treten bei ihnen deutlich öfter auf als bei gleichaltrigen Kindern. Was dabei Ursache und was Folge ist, lässt sich oft nicht klar trennen – und macht eine einfühlsame, ganzheitliche Behandlung umso wichtiger.

Außerdem wird die Kinderklinik mit der Kinderdiabetologie an einem bundesweiten Qualitätsregister teilnehmen, in dem Verläufe von Kindern mit schwerer Adipositas wissenschaftlich dokumentiert werden.