Osteoporose früh erkennen
In höheren Altersgruppen ist etwa jede vierte Frau von Osteoporose betroffen. Die Erkrankung bleibt häufig lange unbemerkt und wird oft erst nach einem Knochenbruch erkannt. Umso wichtiger sind frühe Diagnostik, Risikoeinschätzung und moderne Therapieansätze, weiß Dr. Michael de Jesus Pereira, Oberarzt der Unfall- und orthopädischen Chirurgie an der Kreisklinik Bad Reichenhall.
Vielleicht sagen Sie zunächst kurz, was Osteoporose eigentlich ist und warum sie entsteht.
Die häufigste Form ist die postmenopausale Osteoporose, Hauptursache ist der Östrogenmangel. Vereinfacht gesagt handelt es sich dabei um einen krankhaft gesteigerten Knochenabbau: Der Knochen wird ständig auf- und abgebaut, bei Osteoporose überwiegt jedoch der Abbau. Bei Frauen beginnt das meist nach den Wechseljahren und kann über viele Jahre zu mehreren Frakturen führen. Typisch ist ein schleichender Verlauf: erst ein Handgelenksbruch um die 50, später Brüche an Wirbelsäule oder Becken, im höheren Alter auch am Oberschenkel. Gerade Oberschenkelfrakturen sind oft ein massiver Einschnitt ins Leben. Sie können Mobilitätsverlust, körperlichen Abbau und erhebliche gesundheitliche Konsequenzen nach sich ziehen, bis hin zu einem erhöhten Sterblichkeitsrisiko. Das ist vielen so nicht bewusst.
Beim Mann kommt das gar nicht vor?
Doch, aber deutlich seltener. Etwa 22 Prozent der Frauen und nur sechs Prozent der Männer sind betroffen. Man muss unterscheiden: Osteoporose kann unterschiedliche Ursachen haben. Neben der häufigen postmenopausalen Form bei Frauen gibt es auch Formen, die Männer betreffen, etwa infolge hormoneller Störungen, bestimmter Erkrankungen oder durch Medikamente. Ein klassisches Beispiel sind Säureblocker, sogenannte Protonenpumpenhemmer oder Kortisonpräparate. Wer solche Medikamente über viele Jahre einnimmt, kann eine Osteoporose entwickeln. Das kann den Knochenstoffwechsel negativ beeinflussen. Das große klinische Problem ist aber ganz klar die postmenopausale Osteoporose.
Warum genau passiert das?
Der entscheidende Auslöser ist der Östrogenmangel in den Wechseljahren. Dieses Hormon schützt den Knochen, fällt dieser Schutz weg, schreitet der Abbau schneller voran. Dazu kommen weitere Faktoren. Ein wichtiger ist Vitamin-D-Mangel, der weit verbreitet ist und aus meiner Sicht oft zu wenig Beachtung findet. Im höheren Alter spielen außerdem eine nachlassende Nierenfunktion, hormonelle Veränderungen und Stoffwechselprozesse eine Rolle. Häufig ist es am Ende nicht nur ein einzelner Auslöser, sondern ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren.
Warum wird Osteoporose oft erst spät erkannt?
Weil die Erkrankung lange keine Beschwerden macht. Viele Betroffene merken erst etwas, wenn bereits ein Knochen bricht. Und weil man aktiv danach suchen muss. Eine Osteoporose erkennt man nicht nebenbei. Risikofaktoren, mögliche Ursachen und Begleiterkrankungen müssen gezielt abgeklärt werden, das ist vergleichsweise aufwendig und wurde in der ambulanten Versorgung lange nicht konsequent genug abgebildet. Inzwischen gibt es neue Leitlinien, weil man erkannt hat, dass man früher handeln muss.
Woran könnte man früh merken, dass etwas nicht stimmt?
Ein mögliches frühes Warnsignal ist ein Handgelenksbruch. Wenn sich eine Frau schon mit Mitte oder Ende 40 die Speiche bricht, sollte man genauer hinschauen. Solche Brüche können ein erster Hinweis sein, dass der Knochen bereits an Stabilität verliert. Sinnvollerweise sollte man dann nicht nur den Bruch versorgen, sondern auch nach der Ursache fragen: Gibt es Risikofaktoren? Wie ist der Vitamin-D-Status? Spielen Medikamente eine Rolle? Ist eine Knochendichtemessung sinnvoll? Der erste Bruch sollte ein Anlass sein, genauer hinzuschauen, damit es möglichst nicht zu weiteren, schwereren Frakturen kommt.
Was passiert therapeutisch, wenn Osteoporose festgestellt wird?
Wenn eine behandlungsbedürftige Osteoporose vorliegt, gibt es heute sehr wirksame Medikamente. Sie setzen an unterschiedlichen Stellen an: Manche bremsen den Knochenabbau, andere fördern den Knochenaufbau. Welche Therapie sinnvoll ist, hängt vor allem davon ab, wie hoch das persönliche Frakturrisiko ist und ob bereits Brüche aufgetreten sind. Das Ziel ist dabei nicht nur, einen Messwert zu verbessern. Entscheidend ist, weitere Frakturen zu verhindern, vor allem solche, die im höheren Alter schwerwiegende Folgen haben können.
Was kann man über Ernährung tun?
Ernährung spielt eine Rolle, vor allem Calcium und Eiweiß sind für den Knochen wichtig. Milchprodukte können dabei sinnvoll sein, aber nicht im Sinne von stark verarbeiteten oder stark gezuckerten Produkten, sondern eher hochwertige Lebensmittel wie Quark, Käse oder Buttermilch. Wichtig ist aber auch: Calcium sollte man nicht einfach pauschal als Präparat einnehmen. Zu viel zusätzlich zugeführtes Calcium kann problematisch sein, zum Beispiel in Form von Nierensteinen. Es geht nicht um wahlloses Ergänzen, sondern um eine sinnvolle Versorgung.
Sie sehen in der Alterstraumatologie vor allem die Folgen von Osteoporose.
In der Alterstraumatologie sehen wir häufig, was passiert, wenn Osteoporose erst spät erkannt wird. Dann geht es nicht mehr nur um Knochendichte, sondern um konkrete Brüche, Operationen, Mobilitätsverlust und lange Folgeschäden. Besonders Schenkelhalsfrakturen sind im höheren Alter ein massiver Einschnitt. Sie verursachen hohe Folgekosten und sind wie schon gesagt mit einer erheblichen Sterblichkeit im ersten Jahr verbunden. In den kommenden Jahren wird dieses Thema noch wichtiger werden: Die Gesellschaft wird älter, und damit dürfte auch die Zahl alterstraumatologischer Frakturen mit Sicherheit steigen.
Wie kann man selbst noch vorsorgen?
Bewegen. Ganz klar. Knochen reagieren auf Belastung. Wer sich zu wenig bewegt, schwächt auf Dauer auch seine Knochen. Dazu kommt: aufmerksam sein und Warnzeichen ernst nehmen. Gerade Frauen nach den Wechseljahren sollten Osteoporose nicht als Randthema abtun.