Jedes Gefühl hat einen körperlichen Ausdruck
Ein Gespräch über die Tanz- und Bewegungstherapie in der Kinder- und Jugendpsychosomatik am Klinikum Traunstein und darüber, wie Kinder lernen, sich selbst besser zu spüren und neue Wege im Umgang mit ihren Gefühlen zu finden.
Was – sprichwörtlich – bewegt Kinder und Jugendliche, die mit psychischen Belastungen in die Kinder- und Jugendpsychosomatik am Klinikum Traunstein kommen? Die Tanz- und Bewegungstherapeutin Ruth Bierdimpfl begleitet junge Menschen dabei, ihre Gefühle über den Körper wahrzunehmen und auszudrücken. Ob bei Bewegungsspielen, mit Achtsamkeitsübungen, am Boxsack oder in einer einfachen Körperhaltung – jede Bewegung kann neue Zugänge zu den eigenen Emotionen eröffnen. Im Interview berichtet sie von ihrem ungewöhnlichen Berufsweg und erklärt, warum Bewegungstherapie weit mehr ist als Sport oder Tanz. Dr. Florian Gapp, Leitender Arzt der Kinder- und Jugendpsychosomatik am Klinikum Traunstein, ordnet die Bedeutung der Bewegungstherapie im Gesamtkonzept der Behandlung ein und erläutert die Ziele der Behandlung.

Herr Dr. Gapp, was bedeutet Psychosomatik?
Dr. Gapp: Psychosomatik beschäftigt sich mit den Wechselwirkungen zwischen seelischen und körperlichen Prozessen. Viele psychische Belastungen zeigen sich nicht nur in Gedanken oder Gefühlen, sondern auch ganz konkret körperlich. Deshalb betrachten wir immer beide Seiten gemeinsam und entwickeln individuell passende therapeutische Angebote.
Frau Bierdimpfl, wie sind Sie zum Beruf der Tanz- und Bewegungstherapeutin gekommen?
Ruth Bierdimpfl: Mein Weg war eher ungewöhnlich. Zunächst habe ich nach der Schule eine Schreinerlehre gemacht. Irgendwann habe ich dann von der Ausbildung zur Tanz- und Bewegungstherapeutin gelesen und dachte sofort: „Sowas gibts? Das ist ja genau meins.“ Daraufhin habe ich mich für die Ausbildung am Langen-Institut in Monheim am Rhein entschieden. Danach habe ich noch eine Weiterbildung für tanz- und körperorientierte Traumatherapie und später eine Ausbildung zum körperorientierten Bogenschießen nach Hakomi gemacht.
Was genau macht eine Tanz- und Bewegungstherapeutin?
Ruth Bierdimpfl: Tänzerischer Ausdruck ist Teil davon, aber nur ein kleiner. Für mich gilt: Jeder Mensch ist ein Tänzer. Im Mittelpunkt steht der körperliche Ausdruck. Bewegung kann vieles sein – vom Gehen über das Bogenschießen bis zu einer Wutchoreografie. Es geht darum Gefühle sichtbar und spürbar zu machen.
Welche Kinder und Jugendlichen kommen zu Ihnen?
Ruth Bierdimpfl: Die meisten Kinder und Jugendlichen sind zwischen acht und 18 Jahre alt. Viele von ihnen fallen zunächst durch Schulvermeidung auf und durch Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen, die stressbedingt sein können. Manchmal werden die Kinder längere Zeit krankgeschrieben und gehen nicht mehr in die Schule, andere kommen wegen Depressionen oder Selbstverletzungen zu uns. Dabei sind alle sozialen Schichten vertreten. Häufig erfolgt zunächst eine Vorstellung beim Kinderarzt und anschließend eine Überweisung ins Sozialpädiatrische Zentrum hier am Klinikum Traunstein oder direkt zu uns in die Kinder- und Jugendpsychosomatik.
Wie erleben Kinder und Jugendliche ihren Aufenthalt in der Klinik?
Ruth Bierdimpfl: Die ersten Tage sind oft sehr aufregend. Alles ist neu, die Kinder lernen viele Menschen und Abläufe kennen. Die Erzieherinnen und Erzieher leisten dabei einen wichtigen Beitrag und helfen ihnen anzukommen. Ein stationärer Aufenthalt dauert durchschnittlich etwa drei Monate, in der Tagesklinik kann die Behandlung noch etwas länger dauern. Wichtig ist aber vor allem eine klare Tagesstruktur: Die Kinder besuchen während ihres Aufenthalts bei uns auch täglich die Klinikschule, in der Lehrkräfte in verschiedenen Schulstufen unterrichten, das gibt Orientierung und Sicherheit.
Welche Therapieangebote gibt es neben der Bewegungstherapie?
Ruth Bierdimpfl: Es gibt Einzel- und Gruppentherapien, Kunsttherapie sowie Physiotherapie. In den Gruppen lernen die Jugendlichen, sich auszudrücken, ihre Bedürfnisse zu formulieren und auch einmal Widerstand zu zeigen. Das ist besonders für Kinder mit sozialen Ängsten eine große Herausforderung. Außerdem gibt es regelmäßige Gruppenausflüge. Dabei geht es darum, sich zu trauen wieder nach außen zu gehen und neue Erfahrungen zu sammeln.
Wie läuft eine Bewegungstherapiestunde ab?
Ruth Bierdimpfl: Ich informiere mich vorab über die Kinder und Jugendlichen, die neu zu mir kommen. Manche bewegen sich ohnehin gerne, andere gar nicht. Oft beginne ich die Stunde mit einer einfachen Frage: „Welche Haltung oder Bewegung könnte ausdrücken, wie du dich heute fühlst?“ Dann schauen wir gemeinsam, wie diese Bewegung weitergehen könnte. Manchmal erzählen die Jugendlichen von ihrem Wochenende oder von ihren Erfahrungen und Gefühlen.
Anfangs können das Viele allerdings noch nicht. Dann geht es zuerst darum, überhaupt in Kontakt zu kommen. Dabei helfen verschiedene Materialien: Ein Boxsack oder eine Bogenschießscheibe beispielsweise. Beim Bogenschießen geht es dann nicht darum, möglichst gut zu treffen. Viel wichtiger ist die Erfahrung, wie sich der Körper aufrichtet, Spannung aufbaut und fest auf dem Boden steht. Allein diese Haltung kann etwas im Erleben verändern. Und der Boxsack kann auch einfach nur zum Umarmen dienen.
Was möchten Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?
Ruth Bierdimpfl: Das wichtigste Ziel ist, dass die Kinder wieder mehr in ihrem Körper ankommen und sich selbst besser spüren. Weil: Zuerst muss ich wahrnehmen können, was überhaupt in mir los ist. Wenn ich Gefühle erkenne, kann ich auch etwas Abstand dazu gewinnen und zum Beobachter meiner selbst werden.
Jedes Gefühl hat einen körperlichen Ausdruck, Wut spürt man beispielsweise oft im Bauch. Gerade bei ängstlichen Kindern kann Wut auch eine hilfreiche Kraft sein, weil sie ihnen ermöglicht, sich nicht zurückzuziehen. Bei depressiven Kindern steht dagegen häufig die Aktivierung im Vordergrund. Dann kann schon ein Spaziergang oder eine kleine Runde Bewegung helfen, aus dem Zimmer herauszukommen und wieder ins Handeln zu finden.
Manchmal finden Kinder ihren Ausdruck im Boxsack, manchmal beim Bogenschießen oder einfach in einer bestimmten Bewegung. Es geht immer darum herauszufinden, was ihnen guttut und wie sie kreativ mit ihren Gefühlen umgehen können.
Herr Dr. Gapp, warum ist dieser körperorientierte Ansatz so wichtig?
Dr. Gapp: Gerade Kinder und Jugendliche haben immer wieder Schwierigkeiten mit Gesprächstherapien. Die Bewegungstherapie als eine von mehreren Therapiebausteinen unserer Behandlung gibt ihnen wertvolle zusätzliche Möglichkeiten, einen Zugang zu sich selbst und zu Gefühlen zu entwickeln, Probleme zu bearbeiten und sich auszudrücken. Wie bei allen unseren Therapien soll sie wertvolle Erfahrungen schaffen, die die Kinder und Jugendlichen gut zurück in ihr gewohntes Umfeld nehmen und dort umsetzen können.
Frau Bierdimpfl, woran merken Sie, dass die Therapie erfolgreich war?
Ruth Bierdimpfl: Wenn die Kinder wieder Zugang zu ihren Gefühlen finden und eigene Strategien entwickeln, um mit Belastungen umzugehen. Wenn sie spüren, was sie brauchen, und das Gelernte zu Hause, in der Schule oder im Freundeskreis anwenden können. Dann haben wir gemeinsam einen wichtigen Schritt erreicht.
Das multiprofessionelle Team der Kinder- und Jugendpsychosomatik
Zum Team um Dr. Florian Gapp gehören neben Ärztinnen und Ärzten sowie Pflegefachkräften auch Psychologen, Psychotherapeuten, Logopädinnen, Kunst-, Physio- und Ergotherapeutinnen sowie pädagogische Fachkräfte wie Erzieherinnen, Heilerziehungspflegerinnen, Lehrkräfte oder Kindheitspädagoginnen.
Mit ihrem bindungs- und beziehungsorientierten Ansatz setzt das multiprofessionelle Team Maßstäbe in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und ist eng vernetzt mit der angeschlossenen Kinderklinik und dem Sozialpädiatrischen Zentrum sowie mit ambulanten Psychotherapeuten und kinderärztlichen Praxen, Beratungsstellen und Trägern der Jugendhilfe.