Frühgeburt statt Italienurlaub
Wie aus einer Notlage eine Geschichte voller Menschlichkeit wurde
Eigentlich sollte es der Beginn eines Familienurlaubs werden. Nach Wochen der Vorfreude, einem anstrengenden Polterabend und einer Hochzeit mit vielen emotionalen Höhepunkten wollte Familie Wenzel aus Erfurt, Vater Christian, Mutter Daniela, schwanger in der 32. Schwangerschaftswoche, und Sohn Jannis, 5 Jahre alt, im Juni 2025 einige entspannte Tage in Italien verbringen, ein Zwischenstopp in der Nähe des Chiemsees war eingeplant. Daniela Wenzel hat jetzt ein Jahr später – wieder auf der Durchreise – das Klinikum in Traunstein besucht, um die Menschen zu besuchen, die ihr so geholfen haben. Dabei hat sie uns ihre Geschichte erzählt über die Fürsorge, die sie erfahren hat und die der ortsfremden Familie in der damaligen Ausnahmesituation das wunderbare Gefühl gab, nicht allein zu sein.
Die Fruchtblase platzt
Der Blick geht zurück in den Juni 2025: Noch am Tag vor der Abreise aus Erfurt hatte bei der Vorsorgeuntersuchung alles unauffällig gewirkt. Die werdende Mutter Daniela war zwar aufgrund einer Plazenta praevia, also einer Fehllage der Plazenta im unteren Teil der Gebärmutter, in engmaschiger Betreuung, doch die Reise scheint möglich und so startet die Familie gen Süden. Bei der Ankunft in Eggstätt ist alles perfekt, Daniela ist so entspannt wie lange nicht mehr. Und doch endet die Nacht um 3 Uhr mit einem Notruf beim Rettungsdienst: die Fruchtblase ist geplatzt, das Töchterchen hat sich entschieden, deutlich früher als geplant auf die Welt zu kommen. Während ihr Mann beim schlafenden Sohn bleibt, wird die 36-Jährige vom Rettungsdienst ins Klinikum Traunstein gebracht. Noch im Rettungswagen wird per Whatsapp ein kleines, aber wichtiges Detail geklärt: „Mein Mann und ich haben uns noch während der Fahrt auf einen Namen geeinigt, wir hatten ja noch keinen: Jona sollte sie heißen. Das war alles irgendwie verrückt. Aber das Wichtigste war: Ich habe mich in keiner Sekunde allein gefühlt“, erinnert sich die Mutter heute. „Alles ging so schnell, aber gleichzeitig wurde mir jeder Schritt erklärt. Die Menschen haben mir sofort das Gefühl gegeben, dass ich gut aufgehoben bin.“
In guten Händen
Im Klinikum angekommen, wird sie aufgrund der drohenden Frühgeburt in der 32. Schwangerschaftswoche sofort überwacht, erhält Lungenreifespritzen und Medikamente zur Wehenhemmung. Zeitweise scheint sich ihre Situation sogar zu stabilisieren, sie wird aber vermutlich trotzdem bis zum Entbindungstermin liegen müssen. Die Familie entscheidet daher, dass Vater und Sohn am nächsten Morgen weiterfahren nach Italien. Die beiden sind gerade unterwegs, da kommt es erneut zu Blutungen. Gemeinsam mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten fällt Daniela die Entscheidung für einen Kaiserschnitt: Am Freitag, den 13. Juni 2025, kommt Jona mit 1990 Gramm Geburtsgewicht zur Welt. „Für uns stand immer die Sicherheit von Mutter und Kind an erster Stelle“, sagt Prof. Dr. Christian Schindlbeck, Chefarzt der Frauenklinik der KSOB. „Gerade in solchen Situationen ist neben der medizinischen Versorgung auch die persönliche Begleitung entscheidend. Unser Ziel ist es, den Frauen Sicherheit zu geben und ihnen Ängste zu nehmen.“ Für die Mutter ist die Geburt trotz der ungeplanten Umstände ein Moment des Glücks. Um 9:39 Uhr hört sie ihre Tochter zum ersten Mal schreien. Sie wird versorgt und darf ihr Baby sehen, bevor Jona auf die Intensivstation gebracht wird. Ehemann und Sohn erfahren von der Geburt, als sie auf ihrer Reise nach Italien an einer Raststätte anhalten. „Ich habe ihnen gesagt, dass ich nicht auf der faulen Haut gelegen bin, sondern zu tun hatte “, lacht Daniela. Was folgt, ist eine Riesenüberraschung, die sie bis heute bewegt: Die Schwiegermutter von Daniela Wenzel nimmt sich spontan frei, um sie zu unterstützen: „Da kommen mir immer noch die Tränen, wenn ich daran denke!“
Schon in der ersten Nacht nach der Geburt kämpft sich Daniela trotz Schmerzen mit einem Rollstuhl zur Station, um ihre Tochter zu sehen. Dort wird ihr Jona zum ersten Mal auf die Brust gelegt, es entsteht das allererste gemeinsame Foto. Auf der Kinderintensivstation begegnet sie Pflegekräften, die ihr jede Angst nehmen, ihr Wissen vermitteln und ihr das Gefühl geben, jederzeit willkommen zu sein. „In diesem Moment war ich der glücklichste Mensch auf Erden“, erzählt sie. „Die Schwestern waren einfach unglaublich. So liebevoll, so einfühlsam, immer mit den richtigen Worten. Ich kann gar nicht beschreiben, wie viel mir das bedeutet hat. Jona hat sich einfach das beste Krankenhaus ausgesucht, um früher auf die Welt zu kommen. Mir ging es gut, ihr ging es gut, alles war perfekt.“ Prof. Dr. Gerhard Wolf, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin, erinnert sich: „Die kleine Jona hat sich damals sehr schnell stabilisiert, wir konnten schon am nächsten Morgen die Atemunterstützung entfernen. Das war natürlich eine ausgezeichnete Entwicklung.“
Hilfe von vielen Seiten
Eine andere frischgebackene Mutter unterstützt sie im Alltag und organisiert sogar Hilfe beim Wäschewaschen. Dann muss die Schwiegermutter wieder zurück nach Hause, Ehemann und Sohn sind noch in Italien: Als die Belastung schließlich doch zu groß wird und Daniela einen emotionalen Zusammenbruch erlebt, reagiert das Team sofort und organisiert psychologische Unterstützung. Die Gespräche helfen ihr, die ungewohnte Situation zu bewältigen.
Als besonders berührend erinnert sie sich an eine Begegnung außerhalb des Klinikums. Nach einem Einkauf überschätzt sie sich. Der Weg zurück zur Klinik wird zur körperlichen Herausforderung: „Ich stand auf dem Parkplatz und wusste nicht, wie ich den Hügel zurück zur Klinik schaffen sollte“, erzählt sie. „Da fragten mich eine Frau und ihre Tochter, ob ich Hilfe brauche. Sie haben mich einfach ins Auto gesetzt und zurückgebracht. Für sie war es vielleicht nur eine kleine Geste. Für mich war es die ganze Welt. Vielleicht erinnert sich die Dame, wenn sie das hier liest – ich möchte mich nochmals herzlich bedanken bei ihr.“ An ihrem Geburtstag lassen die Pflegekräfte und Mitpatientinnen die junge Mutter nicht allein und überraschen sie mit kleinen Geschenken und persönlichen Gesten. Wenig später reisen sogar die Freundinnen aus Erfurt an, um sie zu besuchen. Und Mann und Sohn kommen wieder aus Italien zurück.
Währenddessen macht auch Jona große Fortschritte, sie können auf die normale Station wechseln, das Ehepaar kann ein paar Nächte im Familienzimmer verbringen. Auch dort setzt sich die Erfahrung fort, die die Familie bereits in den ersten Tagen gemacht hat: professionelle Versorgung gepaart mit außergewöhnlicher Menschlichkeit. „Eigentlich waren wir fremd in der Stadt und doch hatte ich das Gefühl, von Menschen umgeben zu sein, die sich wirklich kümmern“, sagt sie. „Egal ob Ärzte und Ärztinnen, Pfleger, Psychologinnen, Sozialarbeiterinnen oder völlig fremde Menschen auf der Straße – überall habe ich Hilfe erfahren. Aus einer Situation, die mehr als schwierig und übermächtig erschien, ist am Ende etwas so Schönes entstanden, das ich nie vergessen werde.“ Was als Urlaubsreise beginnt und mit einer Frühgeburt endet, wird für die Familie so zu einer Erfahrung, die weit über medizinische Versorgung hinausgeht und an die sie sich immer erinnern wird.