Stuhlinkontinenz – das nervt
Gesundheit AKTIV Vortrag über Harn- und Stuhlinkontinenz: Warum der Beckenboden versagt – und wie moderne Medizin helfen kann
Inkontinenz gehört zu den großen Tabuthemen, obwohl Millionen Menschen darunter im Verborgenen oft jahrelang leiden. Steffi Lasch, die Leitende Oberärztin der Allgemein- und Viszeralchirurgie, Minimalinvasive Chirurgie an der Kreisklinik Bad Reichenhall und Prof. Dr. Thorleif Etgen, Chefarzt der Neurologie am Klinikum Traunstein, sprechen darüber unter dem Titel „Stuhlinkontinenz – das nervt!“ am 6. August 2026 von 16.00 bis 17.30 Uhr in der Kreisklinik Bad Reichenhall. Der Eintritt zu diesem Vortrag aus der Reihe „Gesundheit AKTIV“ ist frei.
Der Mensch spricht über Herzinfarkt, Krebs oder künstliche Gelenke. Über Inkontinenz spricht er kaum. Dabei betrifft sie deutlich mehr Menschen, als viele vermuten. Der ungewollte Verlust von Urin, Darmgasen, flüssigem oder festem Stuhl schränkt den Alltag erheblich ein und viele Betroffene ziehen sich aus Angst vor peinlichen Situationen aus dem sozialen Leben zurück.
Inkontinenz beschreibt die teilweise oder vollständige Unfähigkeit, den Harn oder Stuhlgang willentlich zu kontrollieren. Die Ursachen sind vielfältig, im Wesentlichen können drei Gruppen unterschieden werden: Schäden an Muskeln und Beckenboden, neurologische Erkrankungen sowie Veränderungen des Darms oder der Blase selbst.
Der Beckenboden spielt eine zentrale Rolle
Eine zentrale Rolle spielt der Beckenboden – ein fein abgestimmtes System aus Muskeln, Bindegewebe und Schließmuskeln. Wird dieses System geschwächt oder verletzt, kann die Kontinenz verloren gehen.
„Viele Patientinnen und Patienten glauben, dass allein der Schließmuskel versagt“, sagt die Leitende Oberärztin Steffi Lasch. „Tatsächlich finden wir häufig strukturelle Schäden am Beckenboden – etwa nach schwierigen Geburten, Operationen oder durch altersbedingte Gewebeerschlaffung. Deshalb ist eine genaue proktologische Diagnostik die Grundlage jeder erfolgreichen Behandlung.“
Zu den chirurgisch relevanten Ursachen zählen Geburtsverletzungen, Eingriffe am Enddarm, Beckenboden- oder Darmvorfälle sowie Veränderungen durch chronische Verstopfung oder entzündliche Darmerkrankungen. Häufig treten zusätzlich Entleerungsstörungen auf: Der Darm entleert sich nicht vollständig, Betroffene müssen stark pressen oder leiden unter einer sogenannten Überlaufinkontinenz. Flüssiger Stuhl passiert verhärtete Stuhlmassen und geht unkontrolliert ab.
Doch nicht jede Inkontinenz entsteht durch einen geschädigten Muskel. Auch das Nervensystem muss Blasen- und Darmfunktion präzise steuern.
Die Zusammenarbeit muss stimmen
„Die Kontinenz funktioniert nur, wenn Gehirn, Rückenmark, periphere Nerven und Beckenboden störungsfrei zusammenarbeiten“, erklärt Chefarzt Prof. Dr. Thorleif Etgen „Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Schlaganfall, Demenz, Diabetes oder degenerative Wirbelsäulenerkrankungen können diese Signalübertragung erheblich beeinträchtigen. Dadurch entstehen nicht nur Entleerungsstörungen, sondern häufig eben auch eine Inkontinenz.“
Die gute Nachricht lautet: Für nahezu jede Ursache gibt es heute wirksame Behandlungsmöglichkeiten. Den Anfang bildet fast immer eine konservative Basistherapie. Dazu gehören bei Stuhlinkontinenz eine ballaststoffreiche Ernährung, ausreichende Flüssigkeitszufuhr sowie eine gezielte Regulierung der Stuhlkonsistenz, beispielsweise mit Flohsamenschalen. Auch Hilfsmittel wie Analtampons können Betroffenen im Alltag rasch mehr Sicherheit geben.
Ergänzend kommen Beckenbodenphysiotherapie und Biofeedback-Training zum Einsatz. Dabei lernen Patientinnen und Patienten, ihre Muskulatur gezielt anzuspannen und die Koordination zwischen Beckenboden und Schließmuskel zu verbessern. Je nach Ursache können außerdem Medikamente eingesetzt werden, um Durchfälle oder Verstopfungen zu behandeln.
„Aus neurologischer Sicht ist entscheidend, die zugrunde liegende Erkrankung möglichst gut zu behandeln und gleichzeitig die gestörte Blasen- bzw. Darmfunktion gezielt zu unterstützen“, sagt Prof. Dr. Etgen „Je früher neurologische Ursachen erkannt werden, desto besser lassen sich Beschwerden oft lindern.“
Verschiedene Verfahren möglich
Reichen konservative Maßnahmen nicht aus, kommen je nach Ursache individuelle operative Verfahren infrage. Dazu gehören die Rekonstruktion verletzter Schließmuskeln oder operative Verfahren bei Beckenbodensenkung oder Darmvorfällen. Die Möglichkeiten sind vielfältig bis hin zu einer Sakralnervenstimulation (SNS), auch sakrale Neuromodulation genannt. Dies bezeichnet ein minimalinvasives Therapieverfahren, bei dem ein implantierter Schrittmacher über sanfte elektrische Impulse die Nerven am Kreuzbein reguliert.
„Für eine ursächliche Behandlung müssen wir aber zunächst genau wissen, wo die Störung liegt“, betont Steffi Lasch „Deshalb profitieren Betroffene besonders von der Abklärung durch ein interdisziplinäres Team, in dem Gastroenterologie, Viszeralchirurgie, Proktologie, Gynäkologie, Urologie und Neurologie eng zusammen, um für jeden Patienten das passende Therapiekonzept zu entwickeln.“
Die wichtigste Botschaft bleibt jedoch eine andere: Inkontinenz ist kein persönliches Versagen oder eine peinliche Sache, die man verschweigen muss, sondern eine gut behandelbare Erkrankung. Wer frühzeitig ärztliche Hilfe sucht, hat heute gute Chancen auf eine deutliche Besserung – oft sogar auf eine ursächliche Behandlung. Steffi Lasch fasst es zusammen: „Inkontinenz ist ein medizinisches Problem – und medizinische Probleme kann man behandeln. Niemand sollte aus Scham auf Hilfe verzichten.“