05.02.2025 - Kreisklinik Trostberg

Frostige Zeiten für Schmerzpatienten

Richard Strauss, Leitender Arzt der Stationären Schmerztherapie an der Kreisklinik Trostberg
Richard Strauss, Leitender Arzt der Stationären Schmerztherapie an der Kreisklinik Trostberg

Interview mit Richard Strauss, Leitender Arzt der Stationären Schmerztherapie an der Kreisklinik Trostberg und Experte für interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie.

Wenn Kälte weh tut: Winterzeit ist für viele Menschen mit chronischen Schmerzen eine besonders herausfordernde Zeit. Doch warum nehmen Schmerzen bei Kälte und Dunkelheit oft zu? Ein Interview mit Richard Strauss, Leitender Arzt der Stationären Schmerztherapie an der Kreisklinik Trostberg. Der Facharzt für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Spezielle Schmerztherapie, Notfallmedizin, ist Experte für interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie. Er erklärt die Zusammenhänge und gibt wertvolle Tipps.

Viele Schmerzpatienten klagen im Winter über verstärkte Beschwerden. Woran liegt das?

Einer der Hauptfaktoren ist natürlich die Kälte. Niedrige Temperaturen führen dazu, dass sich die Blutgefäße verengen. Dadurch wird die Durchblutung in Muskeln und Gelenken reduziert, was wiederum die Schmerzempfindlichkeit erhöhen kann. Zudem spannen sich viele Menschen bei Kälte unbewusst an, was Muskelverspannungen und damit Schmerzen begünstigt.


Spielt auch der Lichtmangel eine Rolle?

Weniger Tageslicht im Winter bedeutet, dass der Körper weniger Serotonin produziert – das sogenannte Glückshormon. Ein niedriger Serotoninspiegel kann wiederum die Schmerzverarbeitung im Gehirn beeinflussen und das Schmerzempfinden verstärken. Zudem kann Lichtmangel zu einer verstärkten Ausschüttung von Melatonin führen, was zu Müdigkeit und Antriebslosigkeit beiträgt. Deswegen empfehle ich, unbedingt auch gerade im Winter spazieren zu gehen, wenn die Sonne scheint – das hilft dem Körper, Vitamin D zu produzieren. Und das wiederum hebt die Laune.


Gibt es auch psychologische Faktoren, die Schmerzen im Winter verstärken?

Viele Patienten leiden in der dunklen Jahreszeit unter saisonalen Stimmungstiefs oder sogar Depressionen. Diese psychische Belastung kann Schmerzen intensiver erscheinen lassen. Auch weniger Bewegung im Winter, etwa weil Spaziergänge bei Schnee und Regen unangenehmer sind, trägt dazu bei. Bewegung, am besten bei Sonnenschein, ist jedoch essenziell für Menschen mit chronischen Schmerzen.


Gibt es bestimmte Patientengruppen, die besonders betroffen sind?

Ja, vor allem Menschen mit rheumatischen Erkrankungen, Arthrose oder Fibromyalgie berichten über verstärkte Schmerzen in den Wintermonaten. Aber auch Patienten mit chronischen Rückenschmerzen oder Migräne sind oft stärker betroffen, da Wetterumschwünge und Luftdruckveränderungen eine Rolle spielen können.


Was können Betroffene tun, um die Beschwerden zu lindern?

Es gibt einige hilfreiche Maßnahmen. Wärmetherapie, wie Wärmepflaster oder warme Bäder, kann Verspannungen lösen und die Durchblutung fördern. Auch Bewegung – trotz der Kälte – ist wichtig, da sie den Stoffwechsel anregt und Endorphine freisetzt, die als natürliche Schmerzhemmer wirken. Zudem empfehle ich Tageslichtlampen oder eben regelmäßige Spaziergänge, um den Serotoninspiegel zu steigern. Wer zu depressiven Verstimmungen neigt, sollte außerdem nicht zögern, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.


Gibt es Möglichkeiten für die Patientinnen und Patienten, sich schon vorab auf den Winter vorzubereiten?

Eine gesunde Lebensweise mit regelmäßiger Bewegung, einer ausgewogenen Ernährung und ausreichend Schlaf kann helfen, den Körper besser auf den Winter einzustellen. Auch Achtsamkeitsübungen oder Entspannungstechniken, wie Yoga oder Meditation, können helfen mit Stress und Schmerzen besser umzugehen. Zudem kann eine frühzeitige Anpassung der Medikation in Absprache mit dem Arzt sinnvoll sein.


Wie kann die interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie den Menschen helfen?

Wir in der Kreisklinik Trostberg verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz. Die interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie ist weiterhin der Goldstandard in der Behandlung chronischer Schmerzen. Sie kombiniert verschiedene Therapieformen, um den Patienten individuell zu helfen. Unsere Zielsetzung ist, einen besseren Umgang mit der chronischen Schmerzerkrankung mit all ihren Facetten, sowohl auf physischer als auch auf psychischer Ebene, zu erlangen. Dazu zählen gezielte medizinische Behandlungen sowie komplementär therapeutische Verfahren, wie z. B. Akupunktur und Neuraltherapie. Durch Bewegungstherapie und aktivierende Maßnahmen wird sowohl die Beweglichkeit als auch die Kraft-Ausdauer gefördert und Bewegungsangst abgebaut. Zusätzlich werden in der Psychotherapie schmerzverstärkende Gedanken, Gefühle und/oder Verhaltensweisen identifiziert und ein bio-psycho-soziales Schmerzverständnis vermittelt. Davon ausgehend können dann individuelle Bewältigungsstrategien erarbeitet werden, z. B. für den Umgang mit Grübelgedanken oder für die Verbesserung der Selbstfürsorge.  Das Lernen eines Entspannungsverfahrens kann darüber hinaus helfen Stressfaktoren auszubalancieren. Durch diesen umfassenden Ansatz können wir die Lebensqualität der Betroffenen deutlich steigern und ihnen helfen, den Winter zu überstehen.

zur Stationären Schmerztherapie, Kreisklinik Trostberg