Wenn der Bauch Alarm schlägt
KSOB-Expertenvortrag über Darmpolypen, Magengeschwüre und Vorsorge
Bauchbeschwerden gehören zu den häufigsten Gründen, weshalb Menschen einen Arzt aufsuchen. Nicht immer steckt etwas Harmloses dahinter - manche Erkrankungen entwickeln sich schleichend und bleiben lange unbemerkt. Hier setzt die Vorsorgeendoskopie an: Sie ermöglicht es, Veränderungen in Magen und Darm frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Im Gespräch mit PD Dr. Andrej Wagner, Chefarzt für Innere Medizin – Gastroenterologie an der Kreisklinik Bad Reichenhall.
Ein Grund dafür, dass Darmpolypen lange unentdeckt bleiben können, ist, dass Patienten keine oder nur unspezifische Beschwerden haben. Sogar Magengeschwüre verursachen nicht immer typische Beschwerden. „Es gibt manchmal eine große Diskrepanz zwischen dem, was wir bei der Endoskopie sehen - nämlich eine ernsthafte Erkrankung - und dem, was die Patienten spüren“, berichtet Dr. Wagner. Daher ist es wichtig zu wissen, in welchen Fällen eine Untersuchung notwendig sein kann.
Ein Magengeschwür entsteht, wenn die schützende Schleimhaut des Magens so stark entzündet ist, dass die darunterliegenden Magenwandschichten angegriffen werden. Typische Beschwerden sind bohrende Schmerzen im linksseitigen Oberbauch. „Im schlimmsten Fall entsteht ein Defekt bis hin zu einem Loch in der Magenwand“, so der Mediziner. Verursacher ist oft der Magenkeim Helicobacter pylori, der bei etwa einem Viertel der deutschen Bevölkerung nachweisbar ist. „Aber nicht jeder, der den Keim trägt, wird auch krank. Nur etwa 10 Prozent entwickeln tatsächlich ein Magengeschwür.“ Dass übermäßiger Kaffeekonsum zu Magengeschwüren führe, kann Dr. Wagner nur bedingt zustimmen. „Was aber wirklich schädigt, sind Alkohol und Rauchen. Diese Faktoren erhöhen das Risiko deutlich - genauso wie zunehmendes Alter und Einnahme bestimmter Schmerzmittel.“
Noch unscheinbarer verhalten sich Darmpolypen. Diese Schleimhautvorwölbungen im Dickdarm sind in den meisten Fällen harmlos, können sich jedoch zu bösartigen Tumoren entwickeln. „Darmkrebs macht erst Beschwerden, wenn er weit fortgeschritten ist“, warnt Dr. Wagner. Hier zeigt sich die große Bedeutung der Vorsorgeuntersuchung.
Früherkennung kann Leben retten
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Viele Krebserkrankungen des Verdauungstrakts könnten verhindert werden, wenn regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen konsequenter wahrgenommen würden. Ab dem 50. Lebensjahr übernimmt die Krankenkasse die Kosten für eine Vorsorge-Darmspiegelung. Die Magenspiegelung gehört in Deutschland zwar nicht zu den regulären Vorsorgeuntersuchungen, wird aber empfohlen, wenn familiäre Vorbelastungen oder bestimmte Beschwerden vorliegen. „Blut im Stuhl, ungewollter Gewichtsverlust oder Schmerzen im Oberbauch, die sich nicht bessern – das sind Alarmsignale, die unbedingt abgeklärt werden sollten“, betont Dr. Wagner.
Trotzdem zögern viele Menschen, sich einer Endoskopie zu unterziehen. Ein gängiges Missverständnis besteht darin, dass ein gesunder Lebensstil allein vor schwerwiegenden Erkrankungen schützt. „Es gibt Menschen, die ihr Leben lang gesund gegessen, nie geraucht und keinen Alkohol getrunken haben und sportlich waren – und dennoch an Darmkrebs erkranken“, berichtet Dr. Wagner. Der Grund: Ohne Vorsorgeuntersuchung bleiben viele Veränderungen unentdeckt, bis es zu spät ist. Die Angst vor Unannehmlichkeiten oder Schmerzen bei der Untersuchung kann der Mediziner nehmen: „Dank moderner Sedierung verschlafen die meisten Patienten alles. Viele wachen auf und fragen, wann es endlich losgeht – dabei ist es längst vorbei.“
Die enge Zusammenarbeit der Fachdisziplinen
Dank moderner Technik ist die Gastroenterologie heute in der Lage, Veränderungen mit hoher Genauigkeit zu erkennen und zu klassifizieren. „Mit unseren Geräten können wir mit über 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit bereits durch bloßes Hinschauen beurteilen, ob es sich um eine harmlose Veränderung oder ein ernstzunehmendes Geschwür handelt“, erklärt Dr. Wagner. In Zweifelsfällen werden Gewebeproben entnommen und weiter untersucht. Was passiert bei auffälligen Befunden? Hier kommt die enge Zusammenarbeit der verschiedenen Fachdisziplinen ins Spiel. „In der Kreisklinik Bad Reichenhall arbeiten Gastroenterologen, Chirurgen, und Radiologen Hand in Hand“, erklärt Dr. Wagner. Dieses interdisziplinäre Konzept ermöglicht es, für jeden Patienten eine individuell abgestimmte Behandlung zu finden. Besonders bei fortgeschrittenen Erkrankungen oder komplizierten Befunden ist die Zusammenarbeit zwischen Innerer Medizin und Chirurgie essenziell. „Wenn wir endoskopisch Veränderungen entdecken, die nicht mehr endoskopisch entfernt werden können, ziehen wir direkt unsere chirurgischen Kollegen hinzu“, berichtet Dr. Wagner. Bei onkologischen Erkrankungen besteht direkte Kooperation mit dem Darmzentrum am Klinikum Traunstein.