Schmerzen gehören halt dazu
Zum Weltgesundheitstag am 7. April: Frauenleiden brauchen mehr Aufmerksamkeit
Während über Volkskrankheiten, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes, weltweit debattiert wird, bleiben viele Leiden, die ausschließlich Frauen betreffen, im Schatten der öffentlichen Wahrnehmung. Besonders Endometriose ist ein Paradebeispiel dafür, wie weibliche Schmerzen in der Diskussion unterrepräsentiert sind. Prof. Dr. Christian Schindlbeck, Chefarzt der Frauenklinik am Klinikum Traunstein und der Kreisklinik Bad Reichenhall fordert: „Mehr Aufmerksamkeit, mehr Empathie.“
Endometriose ist eine Erkrankung, die jede zehnte Frau im gebärfähigen Alter betrifft, und dennoch oft erst nach Jahren diagnostiziert wird. "Endometriose ist keine Randerscheinung – und trotzdem in der öffentlichen Wahrnehmung nahezu unsichtbar", sagt Prof. Dr. Schindlbeck. Für viele Frauen fühlt es sich nach wie vor an wie ein Privileg, das sie erst einfordern müssen. Die Krankheit ist chronisch: Dabei wächst Gewebe, das dem der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, außerhalb der Gebärmutter – etwa an Eierstöcken, Eileitern oder im Bauchraum. "Diese Herde reagieren auf den weiblichen Zyklus, können aber nicht abbluten. Das führt zu Zysten, Entzündungen und oft zu ausgeprägten Schmerzen", erklärt der erfahrene Gynäkologe.
Der Preis der Unsichtbarkeit
Viele Patientinnen erleben über Jahre diffuse Beschwerden: heftige Regelschmerzen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Verdauungsprobleme, unerfüllter Kinderwunsch. Und immer wieder hören sie: Das ist eben so. „Es herrscht nach wie vor die Meinung, Periodenschmerzen seien einfach Teil des Frauseins", sagt Schindlbeck – und fügt hinzu: "Aber Schmerzen sind ein Warnsignal. Und niemand sollte lernen müssen, mit chronischem Schmerz zu leben." Die Folge: Viele Frauen erhalten erst nach sechs bis zehn Jahren eine Diagnose. Oft ist es der Wunsch nach einem Kind, der schließlich zur gynäkologischen Abklärung führt – und damit zur späten Erkenntnis.
"Wir sehen häufig Frauen, die eine jahrelange Leidensgeschichte mitbringen, bevor überhaupt der Verdacht auf Endometriose geäußert wird", berichtet Schindlbeck. Erst die gynäkologische Diagnostik bringt oft den Grund der Beschwerden ans Licht: Neben Ultraschalluntersuchungen oder einem MRT des Beckens wird dann meist eine Bauchspiegelung durchgeführt. An der Frauenklinik der Kliniken Südostbayern führt sein Team solche Eingriffe 10 bis 15 Mal pro Woche durch. Doch bis es überhaupt so weit kommt, vergeht oft wertvolle Zeit – Zeit, in der die Erkrankung voranschreitet, zu Verwachsungen führen oder die Fruchtbarkeit beeinträchtigen kann.
Ein Symptom für ein strukturelles Versäumnis
Dass Endometriose so lange unerkannt bleibt, ist kein Zufall – sondern Symptom eines größeren Problems. Zwar gibt es Fortschritte: Hormone, Schmerzmittel, pflanzliche Präparate. Seit Oktober 2024 ist sogar ein neues Medikament zugelassen, das den Hormonhaushalt der Frau gezielt beeinflusst und damit das Wachstum der Endometrioseherde hemmt. "Dieses Mittel wirkt ähnlich wie die hormonelle Umstellung nach den Wechseljahren – allerdings ist es bislang nur für Patientinnen zugelassen, bei denen alle anderen Therapien versagt haben." erklärt Prof. Dr. Schindlbeck. Auch im Bereich Kinderwunsch macht er Hoffnung: "Selbst bei verschlossenen Eileitern lässt sich durch künstliche Befruchtung eine Schwangerschaft mit vergleichbaren Erfolgsraten erzielen wie bei Frauen ohne Endometriose."
Der Weltgesundheitstag als Weckruf
Trotzdem bleibt der grundlegende Missstand bestehen: Frauen erleben ihren Schmerz oft als individuelles Problem – dabei hat er gesellschaftliche Relevanz. Was ihnen fehlt, ist keine Belastbarkeit, sondern Sichtbarkeit. "Das Bild der Frau, die ihre Beschwerden, von Regelschmerzen bis zur Geburt, tapfer erträgt, ist medizinisch wie gesellschaftlich völlig überholt", so Schindlbeck. Doch nach wie vor werden chronische Schmerzen zu spät erkannt, Therapien zu spät begonnen, Lebensqualität zu spät verbessert. Im Jahr 2025 sollte klar sein: es ist höchste Zeit, das zu ändern.
"Mein Appell an alle Frauen: Gehen Sie regelmäßig zur Gynäkologin oder zum Gynäkologen. Sprechen Sie Ihre Beschwerden offen an. Es ist Ihr Körper. Es ist Ihr Leben."