11.04.2025 - Klinikum Traunstein

Diagnose Parkinson – und dann?

Prof. Dr. Thorleif Etgen, Chefarzt der Neurologie am Klinikum Traunstein
Prof. Dr. Thorleif Etgen, Chefarzt der Neurologie am Klinikum Traunstein

Die Neurologie am Klinikum Traunstein und das Netzwerk Parkinson begleiten Betroffene in jeder Phase

Rund 400.000 Menschen in Deutschland leben mit der Diagnose Parkinson – Tendenz steigend. Zum Welt-Parkinson-Tag am 11. April erklärt Prof. Dr. Thorleif Etgen, Chefarzt der Neurologie am Klinikum Traunstein im Interview, wie die Krankheit entsteht, worauf Betroffene achten sollten – und wie die Neurologie am Klinikum Traunstein und das neu gegründete Parkinson-Netzwerk Südostbayern Patientinnen und Patienten helfen und sie unterstützen können.

Herr Prof. Dr. Etgen, Parkinson kennt man als die Krankheit des Zitterns. Was steckt medizinisch eigentlich dahinter und wer ist betroffen?

Die Parkinson-Krankheit ist eine chronische, fortschreitende Erkrankung des Gehirns. Genauer gesagt betrifft sie die Nervenzellen, die den Botenstoff Dopamin produzieren. Dopamin ist wesentlich für die Steuerung unserer Bewegungen. Wenn diese Zellen absterben, kommt es zu den typischen Symptomen, wie Zittern, Muskelsteifheit oder verlangsamten Bewegungen. Die meisten Erkrankten sind über 60 Jahre alt, aber auch Jüngere können erkranken. Bei diesen spielen oft genetische Faktoren eine größere Rolle. Insgesamt gilt: Parkinson kann theoretisch jeden treffen, wobei Männer etwas häufiger erkranken als Frauen. In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass Parkinson nach dem Einsatz von Pestiziden eine Berufskrankheit darstellen kann.

Was sind die ersten Warnzeichen, auf die man achten sollte?

Die Krankheit beginnt meist schleichend. Erste Anzeichen sind bestimmte Schlafstörungen oder ein Verlust des Geruchssinns, später treten einseitiges Zittern, kleinere Handschrift oder eine Verlangsamung der Bewegungen auf. Auch depressive Verstimmungen können frühe Hinweise sein. Wichtig ist: Wer solche Symptome bei sich bemerkt, sollte frühzeitig mit seiner Hausärztin oder seinem Hausarzt sprechen.

Wie geht es dann weiter, wenn der Hausarzt einen Verdacht hat?

Dann ist eine fachärztliche Abklärung unerlässlich – in der Regel bei einer Neurologin oder einem Neurologen. Ist die Diagnose gesichert, kann im Gespräch geklärt werden, wie es weitergehen kann, denn es beginnt für die Betroffenen ein Weg, der gut begleitet werden muss. Viele Patientinnen und Patienten leiden auch an Depressionen, Ängsten oder sozialem Rückzug. In manchen Fällen kann auch eine stationäre neurologische Abklärung sinnvoll sein. Unsere Klinik für Neurologie hier in Traunstein bietet neben der Diagnostik auch individuelle Therapien an – für frühe Stadien ebenso wie bei fortgeschrittener Erkrankung.  Mit unserer Parkinson-Komplexbehandlung versuchen wir, unseren Patienten auf vielen Ebenen zu helfen. Neben individueller sorgfältiger Anpassung der Medikation (ggf. auch mit einer Pumpentherapie) und unserem spezialisierten Therapeutenteam (Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie), bieten wir auch Sozialberatung (Versorgung, Hilfsmittel, etc.) und psychiatrische Unterstützung an. Unser Ansatz ist ganzheitlich, wir sehen nicht nur das Zittern, sondern den ganzen Menschen – mit all seinen Sorgen, Bedürfnissen und Möglichkeiten. Wichtig dabei ist: Niemand wird allein gelassen – und dafür haben wir letztes Jahr im Mai auch das Parkinson-Netzwerk Südostbayern und dessen Angebote ins Leben gerufen.

Was war der Anlass, dieses Netzwerk zu gründen und wie funktioniert es?

 Die Netzwerk-Idee stammt aus den Niederlanden und hat sich so bewährt, dass sie dort inzwischen flächendeckend eingesetzt und von den Kassen finanziert wird. Davon sind wir in Deutschland leider weit entfernt. Inzwischen wurden 15 solche Netzwerke in Deutschland gegründet, in ganz Bayern sind wir das erste Parkinson-Netzwerk. Dabei ist gerade bei einer komplexen Erkrankung wie Parkinson eine enge regionale Zusammenarbeit aller Beteiligten entscheidend. Mit dem Parkinson-Netzwerk wollen wir die Versorgung im Raum Traunstein, Berchtesgadener Land und den angrenzenden Regionen nachhaltig verbessern – und damit auch die Lebensqualität der Betroffenen und ihrer Angehörigen. Unser Prinzip ist einfach, aber wirkungsvoll: Vernetzung und Kommunikation auf Augenhöhe. Beteiligt sind niedergelassene und Klinik-Ärztinnen und -Ärzte aus der Neurologie, Allgemeinmedizin, Geriatrie oder Inneren Medizin – aber auch Reha-Einrichtungen, Pflegekräfte, Physiotherapeutinnen, Ergotherapeuten, Apotheken, Sanitätshäuser und auch das Landratsamt. Wir bilden ein Netz, das den Patienten auffängt – und gemeinsam betreut. Eine Aufgabe unseres Netzwerkes war die Gründung einer Parkinson-Selbsthilfegruppe. Dafür findet das Gründungstreffen am Donnerstag, den 24.04.2025, um 18:00 Uhr im Landratsamt Traunstein statt. Denn der Austausch mit anderen Betroffenen ist etwas, das oft zu kurz kommt, aber sehr entlastend sein kann.

Gibt es Hoffnung auf Heilung?

Heilung im klassischen Sinne gibt es leider noch nicht. Aber die Forschung macht Fortschritte, etwa bei medikamentösen Therapien oder neuen Ansätzen, wie dem so genannten „Hirnschrittmacher“, der sich allerdings nur für bestimmte Parkinsonkranke eignet. Wichtig ist: Parkinson ist behandelbar. Und: Parkinson ist kein Einzelschicksal – auch wenn es sich für viele Betroffene am Anfang so anfühlen mag. Unsere Botschaft lautet: Sie müssen diesen Weg nicht allein gehen, wir vom Klinikum Traunstein und die Beteiligten am Parkinson-Netzwerk Südostbayern bilden ein starkes Netz, das Sie auffängt.

 


Im Parkinson-Netzwerk Südostbayern engagieren sich niedergelassene und Klinik-Ärztinnen und -Ärzte aus der Neurologie, Allgemeinmedizin, Geriatrie oder Inneren Medizin – aber auch Reha-Einrichtungen, Pflegekräfte, Physiotherapeutinnen, Ergotherapeuten, Apotheken, Sanitätshäuser und auch das Landratsamt.

Informationen zur Selbsthilfegruppe und allen Angeboten erhalten Betroffene im AWO Selbsthilfezentrum, Ansprechpartnerin Frau Brigitte Stief, Tel. 08684-9690089 E-Mail: .

Das Gründungstreffen der Selbsthilfegruppe findet am Donnerstag, den 24.04.2025, um 18:00 Uhr im Landratsamt Traunstein statt.