Schmerzen beim Gehen? Es könnten die Gefäße sein
Über die unterschätzte Gefahr der Schaufensterkrankheit
Viele Menschen halten Schmerzen beim Gehen für ein Altersphänomen – ein Irrtum, der gefährlich werden kann. Dr. Volker Kiechle, Chefarzt Gefäßchirurgie und endovaskuläre Chirurgie an den Kliniken Südostbayern, erklärt anlässlich des Deutschen Venentags am 12. April, wie die sogenannte „Schaufensterkrankheit“ entsteht, wo die Ursachen liegen können und welche modernen Therapien helfen.
Herr Dr. Kiechle, warum ist die Schaufensterkrankheit mehr als nur ein harmloses Altersleiden?
Weil sie Ausdruck einer ernsthaften Gefäßerkrankung sein kann – der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit, kurz: pAVK. Das äußerst sich zunächst mit Schmerzen bei Belastung – typischerweise erst nach einer gewissen symptomfreien Gehstrecke, meist in der Wade, seltener im Oberschenkel oder Gesäß. Wer stehen bleibt, merkt: Der Schmerz lässt nach. Viele Betroffene verharren dann scheinbar interessiert vor einem Schaufenster, denn nach dem Stehenbleiben kommt es in der Regel zu einer raschen Besserung – daher der Begriff „Schaufensterkrankheit“. Die Betroffenen berichten typischerweise über einen sehr schmerzhaften, meist einseitigen Wadenkrampf. Zusätzlich weist das Vorliegen einer Durchblutungsstörung der Beine auch auf mögliche Gefäßveränderungen der Herzkranzarterien oder der Hirnarterien hin, ist also ein wichtiger Marker für eine allgemeine Arteriosklerose.
Was verursacht diese Gefäßverengungen?
Hinter den Gehschmerzen steckt eine arterielle Durchblutungsstörung des Beines. Die Arterien (Schlagadern) des Beckens, der Leiste und der Knieregion sind hauptverantwortlich für die Blutversorgung der Muskulatur der unteren Extremität. Durch Ablagerungen an den Innenwänden dieser Arterien (sog. Arteriosklerose) können sich Engstellen oder Verschlüsse bilden, die allmählich zu einer Verminderung der Durchblutung führen. Die verursachenden Faktoren sind bekannt: Rauchen, Bluthochdruck, zu hohe Cholesterinwerte, Diabetes. Wer keine dieser Faktoren aufweist, hat ein geringeres Risiko. Aber die Realität ist: Die meisten Patientinnen und Patienten bringen gleich mehrere dieser Belastungen mit.
Wie stellen Sie die Diagnose?
Zur Diagnosestellung wichtig – und um andere Ursachen auszuschließen – ist neben der genauen Patientenbefragung das Tasten der Pulse an den Beinen. Fehlt etwa der Puls in der Leiste, deutet dies auf eine Engstelle der Beckenarterie hin. Dann folgt die Duplexsonografie – ein Gefäßultraschall, mit dem wir völlig nebenwirkungsfrei die gesamte Blutversorgung vom Bauch bis zum Unterschenkel darstellen können. Engstellen, Verschlüsse, Verkalkungen – alles wird sichtbar. Am häufigsten sehen wir Engstellen und Verschlüsse der Leisten- oder Oberschenkelarterie, was dann eben zur Minderdurchblutung der Unterschenkel- und insbesondere der Wadenmuskulatur führt, wodurch die geschilderten Beschwerden entstehen. Wichtig ist, dass die Diagnose „pAVK“ richtig gestellt wird und nicht etwa, bei ähnlicher Symptomatik, eine vermeintliche Erkrankung der Lendenwirbelsäule vermutet wird.
Was passiert dann?
Sollte sich zum Beispiel im Gefäßultraschall eine Engstelle der Oberschenkelarterie erkennen lassen, wäre als ideale Behandlung die Ballonaufdehnung dieser Stelle, ggf. mit zusätzlicher Einbringung einer Gefäßstütze (Stent), zu empfehlen. Dabei handelt es sich um ein häufiges und sicheres Verfahren, was meist über eine Punktion der Leistenarterie in lokaler Betäubung durchgeführt wird und mit einem kurzen stationären gefäßchirurgischen Aufenthalt von zwei Tagen verbunden ist. Es ist auch möglich, mit dieser Methode komplett verschlossene Arterienabschnitte wieder zu rekanalisieren. Ein vielversprechendes neueres Verfahren ist daneben etwa die sogenannte Lithoplastie. Dabei können mit einem entsprechenden Ballon einengende Kalkablagerungen zertrümmert werden. Damit lässt sich eine offene Operation vermeiden.
Was ist, wenn längere Abschnitte einer Blutbahn verschlossen sind?
Bei langstreckigen Verschlüssen hilft oft nur eine offene Operation. Derartige ausgedehnte Befunde werden dann zunächst noch mittels Kernspin oder Computertomografie verifiziert. Dann legen wir einen Bypass – zum Beispiel von der Leistenschlagader zur Kniearterie. Dies bedeutet, man leitet das Blut, z.B. von der Leistenschlagader ausgehend, vorbei an einer langstreckig verschlossenen Oberschenkelschlagader zur Knie-Arterie. Dabei verwenden wir, wenn möglich, körpereigene Venen, alternativ mit gutem Erfolg auch Gefäßprothesen aus Kunststoff. Der stationär-gefäßchirurgische Aufenthalt bei solchen Operationen beträgt ca. eine Woche. Aber das Entscheidende ist: Der Patient gewinnt Lebensqualität zurück. Viele können wieder schmerzfrei gehen, zum Teil auch wieder lange Strecken. Dennoch ist eine dauerhafte medikamentöse Begleittherapie erforderlich, die auf die Eindämmung der Arteriosklerose abzielt, in erster Linie Blutverdünner (z. B. ASS) und Cholesterinsenker. Selbstverständlich sollte der Nikotinkonsum eingestellt und eine ausgewogene Ernährung angestrebt werden. Nicht zu vernachlässigen ist bei ausgeprägter arterieller Durchblutungsstörung auch eine Abklärung des Herzens, da die Arteriosklerose, wie erwähnt, nicht nur die Becken- oder Beinarterien betreffen kann, sondern auch die Herzkranzarterien. Das sollten die Betroffenen in einer kardiologischen Praxis abklären lassen.
Was passiert, wenn man zu lange wartet?
Meist sind die Eingriffe, die wegen der Schaufensterkrankheit durchgeführt werden, gut planbar und nicht dringlich. Sollten infolge der schlechten Durchblutung jedoch bereits Fußschmerzen in Ruhe, z.B. nachts, oder offene Stellen am Fuß vorhanden sein, drohen ernsthafte Komplikationen: Dann sind eine sofortige stationäre gefäßchirurgische Diagnostik und zeitnahe Therapie wichtig. Die Gefäßmedizin kann heute viel. Man muss ihr nur rechtzeitig eine Chance geben.