02.05.2025

Chronische Wunden am Bein

Chefarzt Dr. Volker Kiechle
Chefarzt Dr. Volker Kiechle

Ursachenbekämpfung statt nur Verbände

Chronische Wunden am Bein bestehen oft über Monate – manchmal sogar Jahre. Moderne Wundauflagen allein reichen selten aus. Was wirklich hilft, ist der Blick auf die Ursachen, erklärt Dr. Volker Kiechle, Chefarzt der Gefäßchirurgie und endovaskulären Chirurgie an der Kreisklinik Bad Reichenhall und Klinikum Traunstein.

Insbesondere bei älteren Menschen oder Patientinnen und Patienten mit Vorerkrankungen wie Diabetes oder Durchblutungsstörungen sind chronische Beinwunden ein zunehmendes Gesundheitsproblem. Trotz moderner Wundauflagen und engagierter Versorgung heilen sie häufig nur sehr langsam oder gar nicht ab. Für die Betroffenen sind die körperlichen und seelischen Belastungen enorm – von Schmerzen über Bewegungseinschränkungen bis hin zur sozialen Isolation. Auch für das medizinische System sind solche langwierigen Verläufe eine Herausforderung: Hoher Versorgungsaufwand, steigende Kosten, Frustration bei Patienten und Behandelnden.

Wundpflege ist kein Dauerzustand

„Leider sehen wir es viel zu oft, dass chronische Wunden Monate oder noch länger einfach nur verwaltet werden: Jemand kommt drei Mal die Woche, macht einen Verband, aber das eigentliche Ziel, nämlich die komplette Abheilung, gerät aus dem Fokus“, erklärt Dr. Volker Kiechle, Chefarzt der Gefäßchirurgie an der Kreisklinik Bad Reichenhall. Der Grund dafür liegt häufig in einem weit verbreiteten Reflex: Statt nach dem „Warum“ zu fragen, wird sofort über die passende Wundauflage nachgedacht.

„Doch das ist der dritte Schritt. Der erste Schritt muss immer die Ursachensuche sein, dann kommt die Ursachenbekämpfung“, so Dr. Kiechle. In rund 80 Prozent der Fälle steckt hinter der chronischen Wunde ein Gefäßproblem. Am häufigsten liegt eine venöse Ursache vor. „Krampfadern, wiederholte Venenthrombosen – sie sorgen dafür, der Blutabfluss aus dem Bein gestört ist. Die Haut verändert sich, wird bräunlich, verhärtet, und irgendwann bricht sie auf,“ beschreibt der Gefäßspezialist.

Doch auch arterielle Durchblutungsstörungen – etwa durch Arteriosklerose – sind verantwortlich. „Wenn zu wenig sauerstoffreiches Blut in den Fuß gelangt, kann das Gewebe absterben und nicht mehr heilen. Und dann hilft auch die beste Wundauflage nichts.“

Auch Lymphabfluss-Störungen, diabetische Nervenschäden oder eine chronische Druckeinwirkung – etwa durch ungeeignetes Schuhwerk oder Fehlstellungen – können das Wundmilieu erheblich beeinträchtigen. Hinzu kommen Knochenentzündungen, Wassereinlagerungen, hartnäckige bakterielle Besiedelungen oder spezielle Hauterkrankungen. „Das alles sind ernstzunehmende Faktoren, die oft übersehen werden, obwohl sie gezielt behandelt werden müssten“, so Dr. Kiechle.

Der Weg zur Heilung: Ursachen erkennen, gezielt handeln

Dr. Kiechle und sein Team setzen deshalb im Klinikum Traunstein und in der Kreisklinik Bad Reichenhall auf ein strukturiertes Vorgehen. „In der Regel nehmen wir betroffene Patienten stationär auf. Zuerst wird ein Gefäßultraschall durchgeführt, um den Zustand von Venen und Arterien genau zu beurteilen, häufig folgen dann weiterführende Gefäßdarstellungen und gegebenenfalls andere Untersuchungen. Wir schauen uns die Tiefe der Wunde an, analysieren den Bakterienbefall und prüfen, ob der zum Beispiel Knochen mitbetroffen ist.“ Zentral sei sehr oft das sogenannte Débridement – das operative Anfrischen der Wunde. „Chronische Wundbeläge müssen entfernt werden, das kann eine Wundauflage meist nicht alleine leisten. Nur durch eine gründliche Vorbereitung der Wundfläche kann eine Heilung überhaupt erst in Gang kommen.“ Im Anschluss folgt immer eine individuell abgestimmte Therapie. Ist der Blutfluss gestört, muss er wiederhergestellt werden – etwa durch eine Gefäß-Operation, Stenteinlage in Schlagadern oder bei Venenproblemen durch eine Kompressionstherapie. Liegt eine bakterielle Entzündung vor, ist möglicherweise eine antibiotische Behandlung nötig. Auch orthopädische Maßnahmen oder die Behandlung von Grunderkrankungen wie Diabetes gehören dazu. „Oft braucht es ein Zusammenspiel aus verschiedenen Fachrichtungen, um eine nachhaltige Verbesserung zu erreichen.“

Eine Wunde ist ein Warnzeichen

„Wir verwenden natürlich auch moderne Wundauflagen, häufig bei der stationären Behandlung etwa sogenannte Vakuumverbände“ betont Dr. Kiechle. „Aber die Vorstellung, dass diese alleine das Problem lösen, ist gefährlich. Das ist so, als würde man bei chronischen Kopfschmerzen langfristig Tabletten geben, ohne zu prüfen, ob nicht etwa gar ein Hirntumor dahintersteckt.“ Chronische Wunden brauchen Geduld, interdisziplinäres Denken und eine klare Strategie. „Eine Wunde, die nicht heilt, ist immer ein Warnzeichen. Sie ist kein Normalzustand – und muss ernst genommen werden.“ Der Appell des Mediziners: „Wer unter einer chronischen Wunde leidet, sollte sich nicht mit der reinen Wundpflege zufriedengeben. Fragen Sie nach dem Warum. Und lassen Sie die Gefäße überprüfen – nur so hat die Wunde überhaupt eine Chance, zu heilen.“