08.05.2025

Der stille Risikofaktor - Warum Bluthochdruck Herz und Nieren gefährdet

Ein Interview mit unseren Experten

Bluthochdruck ist eine Volkskrankheit, still und gefährlich. Rund 20 bis 30 Millionen Menschen in Deutschland sind betroffen – viele, ohne es zu wissen. Wir sprechen mit zwei Chefärzten der Kliniken Südostbayern: Prof. Dr. Carsten Böger, Hypertensiologe der Deutschen Hochdruckliga und der Europäischen Gesellschaft für Hypertonie ESH und Chefarzt der Nephrologie, Diabetologie und Rheumatologie und Ärztlicher Leiter am KfH Nierenzentrum Traunstein sowie Prof. Dr. Michael Lehrke, Chefarzt der Kardiologie, über Symptome, Wirkung und Heilung einer Krankheit, die selten wehtut – aber oft tötet.

Herr Prof. Dr. Böger, beginnen wir mit der Frage, die sich viele stellen: Woran merkt man, dass man Bluthochdruck hat?

Böger: Das ist genau das Tückische – man merkt es oft nicht. Hypertonie verläuft meist asymptomatisch, besonders am Anfang. Es gibt keine eindeutigen Signale. Viele erfahren von ihrer Erkrankung erst, wenn das Herz bereits leidet – oder schlimmer: wenn ein Schlaganfall oder Herzinfarkt eintritt.

Also ein „leiser Killer“, wie man so oft liest, Herr Prof. Dr. Lehrke?

Lehrke: Ganz genau. Bluthochdruck schädigt auf Dauer die Gefäße. Er lässt die Wände der Arterien dicker werden, fördert Arteriosklerose, verengt den Blutfluss – mit gravierenden Folgen. Er ist der größte Risikofaktor für Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenversagen und sogar Demenz. Und das Schlimmste: Man kann jahrelang damit leben – ohne es zu wissen.

Welche Symptome sollten denn Leserinnen und Leser ernst nehmen?

Lehrke: Bei sehr hohen Werten: Kopfschmerzen am Morgen, Schwindel, Nervosität, Schlafstörungen, Ohrensausen. Manchmal Herzklopfen. Aber das ist selten eindeutig. Viele merken es erst, wenn bereits Folgekrankheiten auftreten.

Böger: Da kommt dann mein Fachgebiet ins Spiel: die Nieren. Die feinen Gefäße der Nieren verschliessen sich durch Bluthochdruck, so dass die Nieren nach und nach ihre Filterfunktion verlieren. Das merkt man meist erst, wenn es zu spät ist und man Dialyse benötigt. Soweit wollen wir es ja nicht kommen lassen.

Was passiert im Körper, wenn der Blutdruck zu hoch ist?

Lehrke: Der Druck in den Gefäßen steigt – bildlich gesprochen wie in einem zu stark aufgepumpten Fahrradreifen. Das Herz muss härter arbeiten, die Gefäßwände verdicken, werden unelastisch. Das erhöht das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzschwäche. Und: Der hohe Druck schädigt die inneren Organe.

Böger: Und irgendwann entwickelt sich das zu einer chronischen Nierenschwäche – und dann wird’s ernst: Die Patientinnen und Patienten müssen zur Dialyse.

Was sagen denn die Zahlen?

Lehrke: Laut Deutscher Hochdruckliga sterben jedes Jahr rund 350.000 Menschen in Deutschland an den Folgen des Bluthochdrucks. Das ist mehr als an Krebs – und trotzdem wird Hypertonie unterschätzt.

Wie kommt es überhaupt zu Bluthochdruck?

Böger: In 90 bis 95 Prozent der Fälle sprechen wir von primärer Hypertonie – also ohne klare Ursache. In den anderen 5-10 Prozent sind häufig vorbestehende chronische Nierenerkrankungen die Verursacher der Hypertonie verantwortlich, selten sind es Störungen der Hormone, die den Blutdruck steuern. Bei Vorliegen von Bluthochdruck muss daher unbedingt eine auch bestehende chronische Nierenerkrankung ausgeshclossen werden. Eine Abklärung hierfür erfolgt wo nötig auf Zuweisung der hausärztlichen Praxis in eine Spezialsprechstunde wie am KfH Nierenzentrum Traunstein. Aber: Lebensstil spielt eine riesige Rolle. Übergewicht, zu viel Salz, Alkohol, Bewegungsmangel, Stress. Der Blutdruck ist ein Spiegel unseres Lebenswandels, aber auch der Gene. Es gibt eine familiäre Häufung – wer Eltern mit hohem Blutdruck hat oder übergewichtig ist, sollte besonders achtsam sein.

Ab wann gilt Blutdruck als zu hoch?

Lehrke: Die Schwelle liegt bei 140 zu 90 mmHg in wiederholten Messungen, nicht nur einmal in der Arztpraxis. Wichtig: die Messung muss richtig durchgeführt werden (Mittelwert aus 2-3 Messungen nach 5 Minuten Ruhe). Alles darüber erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich.

Böger: Wichtig ist nicht nur die Schwelle, oberhalb der man von Bluthochdruck spricht, sondern auch das Ziel, wo man mit einer Behandlung hinmöchte. Dieses Ziel legen die hausärztliche Praxis gemeinsam mit den „Organspezialisten“ (Nephrologie, Kardiologie) fest. Für Diabetiker oder Menschen mit Nierenerkrankungen gilt zum Beispiel 120-130 mmHg systolisch als Ziel. Bei der Einstellung der Therapie auf diese Ziele ist es aber wichtig, die Verträglichkeit im Blick zu haben.

Wie oft sollte man seinen Blutdruck messen?

Lehrke: Einmal jährlich – mindestens. Ab 40 am besten halbjährlich, und bei bekannten Risikofaktoren wie Übergewicht, Diabetes oder familiärer Vorbelastung sogar vierteljährlich. Idealerweise auch zuhause mit einem validierten Gerät.

Und wenn er zu hoch ist?

Böger: Dann ist die Änderung des Lebensstils die erste Maßnahme: weniger Salz, mehr Bewegung, einige Kilogramm weniger – und der Blutdruck sinkt oft deutlich. Abnehmen kann man übrigens manchmal einfach schon durch Umstellen von kohlenhydratreichen Getränken (Limo, Fruchtsächte, Bier) auf Wasser. Reicht die Lebensstilveränderung nicht, helfen Medikamente. ACE-Hemmer oder Angiotensin-Rezeptorblocker, Kalziumanantagonisten, spezielle Wassertabletten (thiazidähnliche Diuretika), usw. – die Palette ist groß. In fast allen Patientinnen und Patienten lässt sich der Blutdruck gut einstellen. Wichtig ist: dauerhaft einnehmen. Bluthochdruck ist keine Grippe, die irgendwann ausgeheilt ist.

Ist Heilung möglich?

Lehrke: Man kann Bluthochdruck in vielen Fällen gut einstellen – sogar ganz ohne Medikamente, wenn man früh genug gegensteuert. Aber „heilbar“ ist er in dem Sinne eher nicht. Wer einmal Bluthochdruck hat, bleibt sein Leben gefährdet. Aber: Man kann ihn in Schach halten. Und zwar sehr effektiv – wenn man mitmacht. Patienten, die ihren Lebensstil ändern und ihre Medikamente zuverlässig nehmen, leben deutlich länger und besser.

Gibt es neue Entwicklungen in der Therapie?

Böger: Ja, spannend ist die sogenannte renale Denervation – ein minimalinvasiver Eingriff, bei dem überaktive Nerven in den Nierenarterien verödet werden. Allerdings ist diese Therapie nicht unumstritten, weshalb sie nur für die sehr wenigen Patienten in Frage kommt, bei denen die Medikamente nicht helfen.

Lehrke: Und in der Diagnostik wird die Langzeitmessung immer wichtiger – also 24-Stunden-Blutdruckprofile, um die „weiße-Kittel-Hypertonie“, also den Bluthochdruck in der Arztpraxis, zu entlarven und den echten Wert zu ermitteln.

Was raten Sie abschließend?

Lehrke: Nehmen Sie Bluthochdruck ernst. Messen Sie ihn regelmäßig. Reden Sie mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt. Und leben Sie so, dass Ihr Herz auch in zwanzig Jahren noch gerne schlägt.

Böger: Und schützen Sie Ihre Nieren! Denn wenn die versagen, wird alles andere kompliziert. Hypertonie ist kein Schicksal – es ist eine Frage der Aufmerksamkeit und Konsequenz.

 


TELEFON-HOTLINE am WELTHYPERTONIE-TAG:

Prof. Dr. med. Carsten Böger steht am 15.5.2025 von 16-18 Uhr am Info-Telefon der Deutschen Hochdruckliga als Experte für Ihre Fragen zur Verfügung. Rufen Sie gerne an unter 0800 – 090 92 90

 


So halten Sie Ihren Blutdruck gesund

  • Normalgewicht anstreben
  • Täglich bewegen – 30 Minuten sind ein guter Wert
  • Weniger Salz (max. 5 g/Tag)
  •  Alkohol reduzieren
  • Stress abbauen
  • Nicht rauchen
  • Blutdruck, richtig gemessen, regelmäßig kontrollieren