Die Schilddrüse – Dirigent im Hormonorchester
Ein Gespräch zum Welt-Schilddrüsentag
Die Schilddrüse ist ein kleines schmetterlingsförmiges Organ unterhalb des Kehlkopfes und spielt eine zentrale Rolle in unserem Körper. Sie produziert die Hormone Thyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3), die nahezu alle Körperfunktionen beeinflussen – vom Stoffwechsel über das Herz-Kreislauf-System bis hin zur geistigen Entwicklung. Zum Welt-Schilddrüsentag am 25. Mai haben wir mit Dr. Joachim Deuble, Chefarzt des Schilddrüsenzentrums an der Kreisklinik Trostberg, gesprochen, warum die Schilddrüse für unseren Körper so wichtig ist.
Herr Dr. Deuble, welche Auswirkungen hat es denn, wenn die Schilddrüse nicht richtig funktioniert und wer ist besonders betroffen?
Eine Unterfunktion (Hypothyreose) führt zu Symptomen wie Müdigkeit, Gewichtszunahme und Kälteempfindlichkeit. Eine Überfunktion (Hyperthyreose) kann Herzrasen, Gewichtsverlust und Nervosität verursachen. Beide Zustände beeinträchtigen die Lebensqualität erheblich. Betroffen sind meist Frauen, und hier ältere Personen. Außerdem sollten Personen mit familiärer Vorbelastung auf die beschriebenen Symptome achten und regelmäßige Kontrollen durchführen lassen. Etwa jeder vierte Deutsche leidet an einer Schilddrüsenfunktionsstörung, es ist also kein Randphänomen. Besonders in Jodmangelgebieten wie Bayern sind Erkrankungen wie der Kropf (Struma) verbreitet.
Wie wird eine Schilddrüsenerkrankung diagnostiziert?
Zunächst steht das Gespräch mit dem Patienten im Vordergrund. Hier fragt der Arzt oder die Ärztin gezielt nach Symptomen wie Müdigkeit, Nervosität, Gewichtsveränderungen oder Schlafproblemen. Auch familiäre Vorbelastungen werden berücksichtigt. Es folgt die körperliche Untersuchung, bei der der Hals abgetastet wird. Dabei kann der Arzt oder die Ärztin Knoten, Vergrößerungen oder Verhärtungen erkennen. Besonders wichtig ist die Blutuntersuchung: Gemessen werden die Schilddrüsenhormone T3 und T4 sowie das Steuerhormon TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon). Diese Werte geben präzise Auskunft über die Funktion des Organs. Ein hochauflösender Ultraschall liefert zusätzlich Informationen über die Größe, Struktur und Beschaffenheit der Schilddrüse. So lassen sich Knoten, Zysten oder entzündliche Veränderungen frühzeitig erkennen. In speziellen Fällen – etwa bei unklaren Knoten – wird eine Feinnadelpunktion durchgeführt. Dabei entnimmt der Arzt unter Ultraschallkontrolle Zellmaterial aus dem verdächtigen Bereich, das anschließend zytologisch untersucht wird.
Wenn der Verdacht auf eine Überfunktion besteht, kann eine Szintigrafie folgen – eine nuklearmedizinische Untersuchung, die zwischen heißen (aktiven) und kalten (inaktiven) Knoten unterscheidet. Diese Unterscheidung ist essenziell für die weitere Therapieplanung.
Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Die Behandlung richtet sich nach Art und Ausprägung der Erkrankung. Liegt eine Unterfunktion vor, wird meist das fehlende Hormon Levothyroxin lebenslang ersetzt. Diese Therapie ist gut verträglich, die Dosis wird individuell angepasst und regelmäßig kontrolliert. Bei einer Überfunktion kommen zunächst Thyreostatika zum Einsatz – Medikamente, die die Hormonproduktion bremsen. Wenn diese nicht ausreichend wirken oder Nebenwirkungen verursachen, gibt es zwei gut eingeführte Therapien: die Radiojodtherapie und die Operation.
Die operative Therapie ist besonders dann angezeigt, wenn sich große Knoten, ein auffälliger Ultraschallbefund oder ein Krebsverdacht zeigen, ebenso bei stark vergrößerter Schilddrüse mit Schluck- oder Atembeschwerden. Auch wenn kalte Knoten entarten könnten, wird zur Operation geraten. Bei uns in der Kreisklinik Trostberg erfolgt der Eingriff meist als sogenannte Schilddrüsenresektion. Je nach Befund wird entweder ein Teil der Schilddrüse entfernt (subtotale Resektion) oder die gesamte Schilddrüse (Totale Thyreoidektomie). Die Operation dauert in der Regel ein bis zwei Stunden und wird unter Vollnarkose durchgeführt. Wichtig ist die Spezialisierung: Wir haben in unserer Klinik erfahrene Endokrine Chirurgen, so dass die Operation nach höchsten Sicherheitsstandards erfolgt. Während des Eingriffs wird der Stimmbandnerv mittels Neuromonitoring überwacht – das minimiert das Risiko einer Stimmbandlähmung erheblich. Auch die Nebenschilddrüsen, die den Kalziumhaushalt steuern, werden mittels Autofluoreszens-Scan sichtbar gemacht und sorgfältig geschont. Nach der Operation bleiben die Patienten meist zwei bis drei Tage im Krankenhaus. Bei kompletter Entfernung der Schilddrüse ist eine lebenslange Hormontherapie erforderlich, die aber in der Regel gut eingestellt werden kann. Ein operativer Eingriff an der Schilddrüse ist heute ein sicherer Routineeingriff – vorausgesetzt, er wird in einem Schilddrüsenzentrum, wie bei uns an der Kreisklinik Trostberg, durchgeführt.
Wie kann man Schilddrüsenerkrankungen vorbeugen?
Eine ausreichende Jodzufuhr ist entscheidend. Dies kann durch den Verzehr von jodiertem Salz, Seefisch und Milchprodukten erreicht werden. Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen helfen, Veränderungen frühzeitig zu erkennen. Wichtig ist: Achten Sie auf Ihren Körper und nehmen Sie Veränderungen ernst. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung kann viele Beschwerden verhindern.