30.05.2025 - Kreisklinik Bad Reichenhall

Zwerchfellbruch: Wenn der Magen aus der Reihe tanzt

Ein Interview mit Dr. Thomas E. Langwieler, Chefarzt Allgemeinchirurgie Kreisklinik Bad Reichenhall

Druck hinter dem Brustbein, saurer Geschmack im Mund oder Heiserkeit am Morgen – was viele als harmloses Sodbrennen abtun, kann ein Hinweis auf einen Zwerchfellbruch sein. Wenn sich Magenanteile in den Brustkorb verlagern, geraten Säure und Luft in Bewegung – und das kann ernsthafte Beschwerden verursachen. Dr. Thomas E. Langwieler, Chefarzt der Allgemeinchirurgie an der Kreisklinik Bad Reichenhall, erklärt im Interview, wie es zu der oft unterschätzten Erkrankung kommt, warum sie so vielfältige Symptome verursacht – und wann eine Operation nötig wird.

Was passiert bei einem Zwerchfellbruch?

Dr. Langwieler: Kurz gesagt: Normalerweise verläuft die Speiseröhre durch das Zwerchfell in den Magen. Bei einer sogenannten Zwerchfellhernie, also einem Bruch des Zwerchfells, verlagert sich der untere Teil der Speiseröhre und manchmal auch der obere Teil des Magens in den Brustkorb. Das kann zu Sodbrennen, Schmerzen hinter dem Brustbein, Heiserkeit oder Aufstoßen führen. In schweren Fällen drücken Luftansammlungen im Magen sogar auf das Herz. Die Beschwerden sind vielfältig und reichen von saurem Aufstoßen bis zum Gefühl, dass Speisen wieder hochlaufen.

Wie – oder warum – passiert so etwas? Und wem passiert das hauptsächlich?

Ein Zwerchfellbruch kann durch genetische Veranlagung oder starkes Übergewicht entstehen, es sind aber auch schlanke Menschen betroffen. Entscheidend ist der dauerhafte Druck auf den Durchtritt der Speiseröhre durch das Zwerchfell – ein Bereich, der sich bei jedem Atemzug bewegt. Je stärker die Bauchdecke arbeitet, desto größer ist die Belastung.

Viele kennen das Gefühl von Sodbrennen. Gibt es einen Punkt, an dem man unbedingt zum Arzt gehen sollte?

Wer regelmäßig unter Sodbrennen leidet, sollte das ärztlich abklären lassen, es gibt dafür klare medizinische Leitlinien. Man führt dann eine Magenspiegelung durch, die erste Behandlung erfolgt meist mit Säureblockern (kurz PPI) über sechs bis acht Wochen. Viele Patienten sind danach beschwerdefrei, andere brauchen die Medikamente dauerhaft. Das ist jedoch nicht unproblematisch, da die Magensäure auch Keime abtötet, die wir über Nahrung aufnehmen – ihr Fehlen kann das Infektionsrisiko erhöhen.

Wie wird ein Zwerchfellbruch behandelt?

Zunächst ist eine aussagekräftige Spiegelung von Speiseröhre, Magen und Zwölffingerdarm wichtig. Dabei beurteilt der Endoskopiker zum Beispiel, ob es im unteren Bereich der Speiseröhre Reizungen oder Entzündungen gibt – sogenannte Refluxzonen, oder ob eine Zwerchfellhernie vorliegt. In schwereren Fällen können sich sogenannte Barrett-Zungen bilden, wenn die Speiseröhre dauerhaft mit Magensäure in Kontakt kommt. Diese müssen regelmäßig überwacht werden, da sie langfristig entarten und ein Barrett-Karzinom, eine Form von Speiseröhrenkrebs, entstehen kann. Wenn sich diese Veränderungen einmal gebildet haben, bilden sie sich in der Regel nicht vollständig zurück – auch nicht nach einer Refluxoperation. Sie müssen weiter beobachtet werden.

Was folgt nach der Endoskopie?

Es folgt eine Druckmessung der Speiseröhre (Ösophagus-Manometrie), um deren Beweglichkeit und die Funktion des Schließmuskels zu prüfen. Ist dieser dauerhaft geöffnet, fließt Säure zurück. Dazu erfolgt die pH-Metrie, die Aussagen darüber erlaubt, ob es sich um sauren oder galligen Reflux handelt und wie oft es in 24 Stunden zu Refluxepisoden kommt. Bei nachgewiesenem Reflux wird der Zwerchfell-Durchtritt operativ verengt und eine Magenmanschette um die Speiseröhre gelegt, um den Rückfluss zu stoppen.

Das heißt, an einer Operation führt kein Weg vorbei?

Es gab Versuche endoskopisch zu behandeln, aber die Ergebnisse waren nicht zufriedenstellend. Bei größeren Zwerchfellhernien, bei denen weite Teile des Magens in den Brustkorb verlagert sind, ist die Operation oft unausweichlich. Patienten, die zu uns kommen, haben meist eine lange Leidensgeschichte und haben auch bereits alles versucht: keine Mahlzeiten nach 18 Uhr, Verzicht auf Alkohol oder Schokolade und weil sie nachts sonst starke Beschwerden haben, schlafen sie mit erhöhtem Oberkörper. Trotzdem kommen sie nicht ohne hochdosierte Säureblocker zurecht.

Wie aufwendig ist die Operation für den Patienten?

Der Eingriff dauert etwa 45 bis 60 Minuten und erfolgt über fünf kleine Schnitte. Nach der OP kommen die Patienten auf die Normalstation und erhalten zunächst nur Flüssignahrung. Sie müssen auch ihr Essverhalten ändern – kleinere Mahlzeiten, fünf bis sieben Mal täglich. Wir beraten die Patienten diesbezüglich intensiv. Je nach Größe der Zwerchfelllücke setzen wir auch ein bioresorbierbares Netz ein, um das Gewebe zu stärken und ein Wiederauftreten zu vermeiden.

Das kann also wiederkommen?

Ja, natürlich. Das Zwerchfell ist ein Muskel und ständig in Bewegung. Wenn es sich nicht mehr bewegt, kommt es zu einer Einschränkung in der Atmung unter anderem mit Atemnot. Das muss man bedenken.

Kann man dem Ganzen auch vorbeugen?

Einem Zwerchfellbruch kann man genauso wenig vorbeugen wie einem Leistenbruch. Man sollte aber versuchen, ein normales Körpergewicht zu halten. Es gibt physiotherapeutische Übungen, die angeblich helfen sollen, aber ich kann nichts zur Wirksamkeit sagen.

 


Die Kreisklinik Bad Reichenhall ist zertifiziertes Kompetenzzentrum der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie sowie der Deutschen Herniengesellschaft. Dr. Thomas E. Langwieler gehört seit vier Jahren in Folge laut „FOCUS Gesundheit“ zu den Top-Medizinern Deutschlands für Hernien- und Refluxerkrankungen.