Eine Sekunde, ein Fehler – und nichts ist mehr wie vorher
Über den schmalen Grat zwischen der Freiheit auf zwei Rädern und einer lebensverändernden Katastrophe
Wirbelsäulenverletzungen nach Motorradunfällen gehören zu den dramatischsten Herausforderungen der Unfallchirurgie. Im Interview spricht Prof. Dr. Kolja Gelse, Chefarzt der Unfallchirurgie und Orthopädischen Chirurgie am Klinikum Traunstein, über schwerstverletzte Patienten, Sekundenentscheidungen im OP und die erneute Zertifizierung als Wirbelsäulenspezialzentrum. Ein Gespräch über Präzision, Teamgeist und Verantwortung.
Herr Prof. Dr. Gelse, was ist das besondere Risiko bei Motorradunfällen für die Wirbelsäule?
Motorradfahrer sind im Vergleich zu Autofahrern schlichtweg ungeschützt. Selbst bei niedrigen Geschwindigkeiten wirken enorme Kräfte auf den Körper – insbesondere auf die Wirbelsäule. Ein Sturz über den Lenker, ein Aufprall mit Verwindung oder ein Schleudern über den Asphalt kann zu Kompressions- und Distraktionsverletzungen führen. Das Resultat: Brüche der Wirbelkörper, Zerreißung der stabilisierenden Bandstrukturen, oder in schweren Fällen die Gefahr kompletter Querschnittslähmungen. Und dann zählt nur eines: binnen Sekunden müssen Entscheidungen getroffen werden. Zum Beispiel kann eine Fraktur der Halswirbelsäule – etwa nach einem Hochrasanztrauma – zu irreversiblen Schäden führen, und nur eine in kürzester Zeit eingeleitete hochpräzise Therapiemaßnahme kann mitunter schwere bleibende Schäden abwenden oder mindern.
Wie häufig sehen Sie solche Fälle im Klinikum Traunstein?
Motorradunfälle sind im Chiemgau leider keine Seltenheit, nicht zuletzt durch die reizvollen Landstraßen und das hohe Verkehrsaufkommen während der Sommersaison. Unsere Lage im Voralpenland, nahe der Deutschen Alpenstraße, zieht viele Motorradfahrer an. Entsprechend hoch ist die Zahl der Unfälle, viele davon sind Polytraumata, also Mehrfachverletzungen, bei denen die Wirbelsäule eine zentrale Rolle spielt – und wir von der unfallchirurgischen Abteilung am Klinikum sind rund um die Uhr darauf vorbereitet. Als Standort des Rettungshubschraubers „Christoph 14“ sind wir im südostbayerischen Raum die primäre Anlaufstelle. Wir sind keine Universitätsklinik – aber wir bieten eine entsprechende Qualität mit höchstem medizinischem Standard. Wir vereinen die Schlagkraft und Expertise eines Maximalversorgers mit der Nähe eines örtlichen Krankenhauses. Für Patienten bedeutet das: kurze Wege, unkomplizierte Kommunikation und Versorgung auf höchstem Niveau.
Das Wirbelsäulenspezialzentrum des Klinikums wurde im ersten Quartal erneut zertifiziert. Was bedeutet das konkret?
Neben der seit Jahren bestehenden Zertifizierung als Überregionales Traumazentrum der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie für die Versorgung schwerstverletzter Patienten, haben wir im März zusammen mit der Abteilung für Neurochirurgie erneut die Rezertifizierung als „Wirbelsäulenspezialzentrum“ der Deutschen Wirbelsäulengesellschaft erfolgreich abgeschlossen. Dieser Qualitätsnachweis bestätigt unsere 24/7-Verfügbarkeit spezialisierter Expertise auf dem Gebiet der Wirbelsäulenchirurgie, hochmoderne Ausstattung und klar definierte Prozesse. Unsere Patienten profitieren natürlich auch von der Interdisziplinarität, d. h. der Verfügbarkeit von Neurochirurgen, Anästhesisten, Radiologen, Intensivmedizinern und natürlich auch speziell geschultem Pflegepersonal rund um die Uhr.
Was passiert, wenn ein Patient mit akuten Unfallverletzungen bei Ihnen eintrifft?
Wir haben klare, standardisierte Abläufe: Ein Schwerstverletzter mit Verdacht auf Wirbelsäulenverletzung durchläuft ein definiertes Polytrauma-Management – inklusive CT, neurologischer Untersuchung und entsprechender Lagerung. Ist eine Operation notwendig, halten wir stets einen Notfall-OP inklusive Team bereit. Dort führen wir je nach Situation z. B. minimalinvasive Stabilisationen mit Schrauben-Stab-Systemen durch oder – bei komplexeren Verletzungen – auch offene Eingriffe mit Entlastung des Rückenmarks. Durch 3-D-Bildgebung, intraoperative Navigation und moderne Implantat-Systeme sind heute viele Eingriffe möglich, die vor ein paar Jahren noch nicht denkbar waren. Aber Technik allein rettet niemanden. Es ist oft ein enges Zusammenspiel mit anderen Abteilungen, wie zum Beispiel mit meinem Kollegen Priv.-Doz Dr. Jens Rachinger, dem Chefarzt der Neurochirurgie. Anschließend übernimmt unsere Intensivstation die lückenlose Überwachung, da sind besonders auch die Pflegekräfte zu nennen, die selbst nachts um drei hellwach und für den Patienten da sind. Im weiteren Verlauf beginnen wir frühzeitig mit der Mobilisation durch unsere Physiotherapeuten. Parallel dazu kümmert sich unser Sozialdienst um die weiteren Rehabilitationsmaßnahmen. Unser Anspruch ist es, nicht nur zu retten, sondern auch Perspektiven zu geben und Lebensqualität zu erhalten.
Zum Schluss: Würden Sie sagen, Motorradfahrer sollten sich besser schützen – oder gar verzichten?
Ich möchte kein Moralapostel sein. Motorradfahren hat seine Faszination, das verstehe ich. Aber ich appelliere an die Vernunft: angepasste Geschwindigkeit, hochwertige Schutzkleidung, Training, kein Alkohol, keine Selbstüberschätzung. Und: stets das Bewusstsein, dass selbst die kleinste Unkonzentriertheit und der kleinste Fehler enorme Folgen haben kann.