Wenn Eltern mit ihrem Baby an ihre Grenzen kommen
Über Belastungen offen sprechen hilft
Wir alle kennen die Bilder von glücklich strahlenden Eltern mit einem zufriedenen Baby – aber das klappt nicht immer so. Wenn das Kind unaufhörlich schreit, nicht schläft oder sich nur schwer beruhigen lässt, geraten Eltern, Pflegeeltern oder andere nahe Bezugspersonen manchmal an ihre Grenzen.
Die Zeit mit einem Baby kann mehr als erwartet herausfordernd sein. Mitunter erleben Eltern das Leben in der Familie fast nur noch als Belastung oder der Kontakt zum Baby fühlt sich nicht wie erhofft an, macht keine Freude, vielleicht sogar Stress – lauter Dinge, über die Eltern im Alltag oft nicht reden. Die Babyambulanz des Sozialpädiatrischen Zentrums (SPZ) bietet seit über 25 Jahren frühzeitige Unterstützung. Hier dürfen Eltern all das offen aussprechen und erleben dies häufig als große Entlastung.
Im Gespräch erzählen Dr. Anette Hasse-Wittmer, Leiterin des SPZ, und die leitende Psychologin der Babyambulanz, Renate Schlüsselberger über ihre Arbeit, wann Eltern kommen sollten – und warum jede Familie ihre eigenen Bedürfnisse hat.
Frau Dr. Hasse-Wittmer, Frau Schlüsselberger, die Babyambulanz gibt es mittlerweile seit über zwei Jahrzehnten. Wie kam es zu diesem besonderen Angebot?
Dr. Anette Hasse-Wittmer: Die Babyambulanz wurde 1998 gegründet, um Familien in belastenden Situationen rund um die frühe Kindheit gezielt zu unterstützen. Über die Jahre haben wir gesehen, dass es eine immense Erleichterung für Eltern sein kann, aussprechen zu dürfen, dass die Situation mit einem Baby nicht immer einfach ist. Die Gründe, warum Eltern sich an uns wenden, sind vielfältig:
Manche sind unglaublich erschöpft, weil ihr Kind bereits über lange Zeit nur schwer in den Schlaf findet, sehr häufig aufwacht und viele Beruhigungshilfen braucht. Andere Kinder schreien über Stunden hinweg, lassen sich kaum beruhigen und zeigen häufig unzufriedenes Verhalten. Und wieder andere haben Probleme beim Stillen, beim Füttern oder beim Essen.
Neben den Themenbereichen Schreien, Schlafen und Füttern sind wir aber Anlaufstelle für alle Familien, in denen offene Fragen oder Unsicherheiten da sind im Umgang mit dem Kind, mit schwierig erlebtem kindlichem Verhalten, oder wenn ein Kind viele Ängste entwickelt hat oder Aggressionen zeigt und Eltern unsicher sind, wie sie damit umgehen sollen.
Renate Schlüsselberger: Unsere Babyambulanz ist eine Anlaufstelle für Familien aus den umliegenden Landkreisen. Das zeigt: Der Bedarf ist da – und er steigt, gerade in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Unsicherheit, Leistungsdrucks und sozialer Vergleiche. Viele Eltern sind überrascht, dass sie sich in einer Situation wiederfinden, in der es ihnen nicht ausreichend gelingt, ihr Kind zu beruhigen oder zu füttern oder zum Schlafen zu bringen - Dinge, die man vielleicht für selbstverständlich hält. Umso größer sind Verzweiflung und Hilflosigkeit der Eltern. Häufig ist auch ein Gefühl von Scham oder gar Schuld damit verbunden. Quälende Fragen wie „Was machen wir bzw. ich falsch?“ oder „Warum ist es bei den anderen nicht so?“ können auftauchen.
Wann sollten Eltern mit ihrem Kind zu Ihnen kommen?
Schlüsselberger: Sobald Eltern das Gefühl haben: „Es ist zu viel.“ Das bedeutet, das persönliche Erleben von Belastung ist entscheidend. Eltern kommen im besten Fall bereits genau an diesem Punkt zu uns.
Dr. Hasse-Wittmer: Das subjektive Erleben von Überforderung oder Unsicherheit reicht aus. Wenn Eltern merken, dass das Schreien sie emotional auslaugt, wenn sie sich fragen, ob sie etwas falsch machen oder einfach niemand da ist, der hilft – dann sollten sie zu uns kommen. Aus unserer Sicht gibt es kein „zu früh“, kein „nicht schlimm genug“.
Wie läuft der Erstkontakt ab und wie geht es weiter?
Schlüsselberger: Der erste Ansprechpartner auf dem Weg in die Babyambulanz ist die Kinderärztin bzw. der Kinderarzt des Kindes. In der Praxis wird der Bedarf für eine Überweisung ans SPZ in unsere Babyambulanz besprochen. Wir richten uns an Eltern von Kindern von 0 bis 3 Jahren. Für die Eltern bieten wir täglich eine Telefonsprechstunde von 8.30 – 9.00 Uhr an. Hier können sie ihr Anliegen schildern und gegebenenfalls findet bereits eine erste Beratung statt. Wir bemühen uns, möglichst rasch einen gemeinsamen Termin zu vereinbaren.
Im Erstgespräch nehmen wir uns ausreichend Zeit, um die individuelle Situation einer Familie möglichst gut zu erfassen. So können wir die unterschiedlichen Aspekte, die in einer schwierigen Situation wirken, gemeinsam analysieren und überlegen, welche Ansatzpunkte sinnvoll sind.
Je nach Situation bitten wir die Eltern, einen Fragebogen auszufüllen oder ein Verhaltenstagebuch zu einer bestimmten Fragestellung zu führen. Manchmal ist nämlich die genaue Beobachtung von bestimmten Situationen und Verhaltensweisen aufschlussreich und es gelingt uns leichter, eine für die Familie passende Interventionsmöglichkeit zu finden.
Die Behandlungsdauer ist sehr unterschiedlich. Manchmal reichen wenige Sitzungen aus, um zu einer wesentlichen familiären Entlastung und Veränderung der Situation beizutragen, manchmal braucht es einen längeren Behandlungszeitraum.
Unserer Erfahrung nach erfordern sowohl die Vielfalt der Kinder ebenso wie die Vielfalt der Eltern einen individuellen Zugang. Nichtsdestotrotz haben sich bestimmte Vorgehensweisen bei vielen Kindern als erfolgreicher als andere erwiesen und dieses Erfahrungswissen bieten wir natürlich allen Eltern an.
Welche Symptome sehen Sie am häufigsten in der Babyambulanz?
Dr. Hasse-Wittmer: Das Spektrum reicht von exzessivem Schreien über Einschlafprobleme bis zu sogenannten „schlechten Essern“. Eine gründliche Abklärung möglicher körperlicher Ursachen ist wichtig, um die richtigen Weichen hinsichtlich der Behandlung zu stellen.
Die Kinder, die bei uns vorgestellt werden, können sich oft nur schwer regulieren. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von Regulationsschwierigkeiten oder Anpassungsschwierigkeiten des Kindes. Studien zeigen, dass jedes 4. - 5. gesund geborene Kind Probleme in einem dieser Bereiche hat. Da es also doch relativ viele Kinder und ihre Familien betrifft, sehen wir uns in der Region als wichtiges therapeutisches Angebot für Eltern in schwierigen Situationen mit sehr jungen Kindern und als Ergänzung zu anderen Angeboten, die z.B. auf die Nachsorge bei risiko- oder frühgeborenen Kindern fokussieren.
Die Babysprechstunde ist ein wichtiges präventives Angebot, denn je früher eine Unterstützung erfolgt, desto eher besteht die Chance, dauerhaft ungünstige Entwicklungen von Kindern zu verhindern und eine positive Veränderung zu bewirken.
Schlüsselberger: Häufig sehen wir zudem eine hohe psychische Belastung der Eltern. Über die Zeit hinweg können sich recht ungünstige Gewohnheiten und Dynamiken innerhalb einer Familie etablieren. Oft entwickelt sich über lange Zeiträume ein immer größer werdendes Schlafdefizit mit zunehmender Hilflosigkeit.
D. h. die Eltern, die zu uns kommen, erleben in der Regel eine hohe Belastung und einen hohen Druck. Sie haben meist schon Vieles ohne Erfolg ausprobiert. Hinzu kommen noch gut gemeinte Tipps von Großeltern, Freunden aber auch sozialen Medien. Jedes Mal, wenn was ausprobiert worden ist und nicht klappt, kommt eine neue Frustration hinzu.
Was ist in Ihren Augen „normal“ – und wo beginnt das Problem?
Schlüsselberger: Diese Frage beschäftigt viele Eltern, auch weil der Vergleich heute allgegenwärtig ist – durch soziale Medien, Ratgeberliteratur, Eltern-Kind-Gruppen. Auch die Frage, warum bekomme ich das nicht hin, rührt von den immer sonnigen Bildern, die in den Medien vermittelt werden. Die Realität ist häufig anders. Nicht jedes Kind schläft durch. Nicht jedes Stillen klappt problemlos. Ist die persönliche bzw. familiäre Belastungsgrenze erreicht, fängt es an, problematisch zu werden und der Leidensdruck nimmt zu.
Wie helfen Sie konkret?
Schlüsselberger: Zum einen durch Gespräche. Wir nehmen uns Zeit, hören zu, erklären, was hinter den Verhaltensweisen stecken kann – und entlasten dadurch. Zu Beginn geht es bei deutlicher elterlicher Erschöpfung darum, körperliche und psychische Entlastung zu finden, das bedeutet konkret, wie kann das eigene Schlafdefizit reduziert werden und wer kann in der Zwischenzeit für das Kind da sein. Entwicklungspsychologische Beratung unterstützt die Eltern, ihr Kind in seiner individuellen Entwicklung besser zu verstehen. Hier geht es darum, darüber zu beraten, was zu einem bestimmten Entwicklungsstand des Kindes zu erwarten ist, wo Eltern ihr Kind möglicherweise überfordern oder was eine Weiterentwicklung des Kindes erschwert, weil sie ihrem Kind etwas nicht zutrauen und es unterfordern.
Darüber hinaus setzen wir auch videobasierte Therapie ein: Wir filmen kurze Sequenzen aus dem Alltag, schauen sie gemeinsam mit den Eltern an. So lassen sich Dynamiken sichtbar machen und auch erkennen, wie Kind und Elternteil aufeinander reagieren. Das gemeinsame Ansehen von Videosequenzen bietet den Eltern die Möglichkeit, ihr Kind mit Abstand und aus anderer Perspektive zu beobachten. Das unterstützt sie dabei, die Signale ihres Babys zu lesen. Umgekehrt können wir das Kind in der vertrauten Interaktion mit den Eltern beobachten und besser kennenlernen.
Weiter bieten wir psychotherapeutische Gespräche für die Eltern an und helfen bei Bedarf, ein geeignetes erwachsenentherapeutisches Angebot zu finden.
Häufig schleichen sich während der Schwangerschaft oder rund um die Geburt depressive Entwicklungen ein, diese erschweren die Eltern-Kind-Interaktion und belasten häufig die Paarbeziehung. Auch hier unterstützen wir mit Blick auf das Kind.
Wir haben kein Patentrezept, sondern suchen zusammen mit den Eltern hilfreiche Wege bzw. passende Schritte für Eltern und Kind, die eine Veränderung ermöglichen. Wichtig ist uns, dass die Eltern das gemeinsam erarbeitete Vorgehen mittragen und sich dabei wohl fühlen.
Was raten Sie Eltern zum Schluss?
Schlüsselberger: Vertrauen Sie Ihrem Gefühl – und holen Sie sich früh (!) Hilfe.