14.07.2025 - Klinikum Traunstein

Wenn das Ich verschwindet – Demenz im Visier

zum Welttag des Gehirns

1,8 Millionen Menschen in Deutschland leben mit Demenz, Tendenz steigend. Was ist heute möglich – medizinisch, pharmakologisch? Zum Welttag des Gehirns am 22. Juli werfen wir mit Prof. Dr. Thorleif Etgen, Chefarzt der Neurologie der Kliniken Südostbayern, einen Blick auf eine Krankheit, die sich bislang nicht heilen lässt, aber immer besser verstanden und behandelt werden kann.

Demenz ist Verschwinden auf Raten

Sie kommt leise. Kein Knall, kein Schmerz, nur Verlegenheit: „Wo habe ich nur die Schlüssel hingelegt?“ Ein Name fällt nicht ein, später findet man den Weg nach Hause nicht mehr. Was viele für altersbedingte Schusseligkeit halten, entpuppt sich manchmal als das erste leise Anklopfen der Demenz. Eine Krankheit, die nicht tötet – aber das Ich ausradiert. Prof. Dr. Thorleif Etgen ordnet ein: „Demenz ist ein Oberbegriff. Gemeint sind Krankheitsprozesse, die mit einem zunehmenden Verlust geistiger Fähigkeiten einhergehen – allen voran das Gedächtnis, aber auch Sprache, Orientierung und Urteilsvermögen. Die häufigste Form ist Alzheimer. Es folgen vaskuläre Demenz, Lewy-Körperchen-Demenz und frontotemporale Demenz. Gemeinsam ist ihnen: Nervenzellen sterben, synaptische Verbindungen zerfallen, das Gehirn schrumpft.“ Irreversibel – so das medizinische Urteil bisher.

Diagnose: Bildgebung und Analysen

In der modernen Diagnostik setzt die Medizin neben Anamnese und neuropsychologische Tests auf Labor und bildgebende Verfahren. Prof. Dr. Etgen erklärt: „Wir im Klinikum Traunstein setzen bevorzugt die Kernspintomographie (MRT) ein, die ohne Röntgenstrahlen arbeitet, sondern Magnetfelder und Radiowellen nutzt.  Sie liefert detaillierte Bilder des Gehirns und zeigt besonders gut feine Veränderungen – etwa den Verlust von Hirnsubstanz in bestimmten Regionen (z. B. im Hippocampus bei Alzheimer). Auch Mikroblutungen oder entzündliche Prozesse lassen sich gut erkennen. Neben Blutuntersuchungen erfolgen Analysen des Nervenwassers (Liquor), die inzwischen zusammen mit den anderen Untersuchungen oft in einem frühen Stadium eine Diagnose erlauben.“

Altbewährtes und Neues in der medikamentösen Therapie

Die medikamentöse Therapie ist ein Feld mit Licht und Schatten. Seit zwei Jahrzehnten stehen vier zugelassene Wirkstoffe zur Verfügung: drei Acetylcholinesterase-Hemmer (Donepezil, Rivastigmin, Galantamin) und ein NMDA-Rezeptor-Antagonist (Memantin). Sie wirken nicht heilend, doch sie können in frühen bis mittleren Stadien die Symptome verzögern. Prof. Dr. Etgen berichtet von neuesten Entwicklungen: „Seit April 2025 ist in der EU ein neues Medikament zugelassen: Der Wirkstoff Lecanemab ist für die Behandlung von Alzheimer-Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI) oder frühen Demenzstadien mit nachgewiesener Amyloid-Pathologie bestimmt und wird als intravenöse Infusion alle zwei Wochen verabreicht. Studien zeigen: Lecanemab greift als erstes Medikament in die Pathophysiologie der Alzheimer-Krankheit ein und verlangsamt das Fortschreiten. Allerdings kann diese Therapie mit Nebenwirkungen, wie infusionsbedingten Reaktionen, Kopfschmerzen und Gehirnschwellungen, behaftet sein. Ob und zu welchen Bedingungen die Zulassung in Deutschland erfolgen wird, ist derzeit noch ungeklärt.“ 

Ein Leben lang – beeinflussbare Risikofaktoren

In ihrem aktuellen Update von 2024 identifiziert die „Lancet“ Kommission die 14 folgenden beeinflussbaren Risikofaktoren für Demenz: geringe Ausbildung, Hörstörungen, erhöhtes LDL-Cholesterin, Depression, Schädelhirntrauma, körperliche Inaktivität, Diabetes mellitus, Rauchen, Bluthochdruck, Übergewicht, Alkoholkonsum, soziale Isolierung, Luftverschmutzung und Sehstörungen. Die Kommission empfiehlt eine entsprechende Steuerung und Vorgehensweise, denn durch die Reduzierung dieser Faktoren könnte ggf. die Zahl der Demenzerkrankungen fast halbiert werden. Prof. Dr. Etgen bestätigt: „Auch wir in der Neurologie am Klinikum Traunstein weisen auf die Bedeutung dieser Faktoren hin.“

Nach der Diagnose – lokale Strukturen nutzen!

Er erläutert die Vorgehensweise: „Nach der Diagnose, die unseren Patienten im Idealfall zusammen mit Angehörigen erläutert wird, ist es wichtig, die Weichen für die Zukunft zu stellen. Neben der Optimierung der oben erwähnten Risikofaktoren empfehlen wir die rechtzeitige Kontaktaufnahme mit lokalen Hilfsangeboten (z.B. Pflegestützpunkt, Caritas, DRK, VDK, etc.) und Fachgesellschaften (z.B. Alzheimer Gesellschaft Südostbayern). Wir engagieren uns mit vielen Helfer*innen in der ‚Lokalen Allianz für Menschen mit Demenz im Landkreis Traunstein‘.“ Weitere Themen umfassen die Anregung einer Vorsorgeplanung, Beantragung eines Pflegegrades, häusliche Hilfsmittel, Klärung der Fahrtauglichkeit, etc.  Nicht vergessen werden darf die Unterstützung für Angehörige, um eine Überforderung rechtzeitig durch Entlastungsangebote zu vermeiden.

Forschung: Ein Rennen gegen die Zeit

Weltweit wird intensiv geforscht: Über 140 Wirkstoffe befinden sich derzeit in klinischer Prüfung. Darunter: Immuntherapien, Enzymhemmer, Gentherapieansätze. Doch der Weg von der Petrischale zum Patientenbett ist lang – und gepflastert mit Rückschlägen. Viele Studien scheitern, manche nach Milliardeninvestitionen. Doch der Fortschritt ist da: Die Pathomechanismen werden klarer, die Zielstrukturen präziser. Noch ist Demenz ist nicht heilbar, doch die Therapien werden zielgerichteter. Prof. Dr. Etgen resümiert: „Frühe Diagnostik, symptomlindernde Medikamente und begleitende Maßnahmen bilden ein Dreiklang, der das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen kann. Wer heute mit Demenz lebt, lebt anders als noch vor zwanzig Jahren. Das ist noch kein Triumph über die Krankheit. Aber ein vielversprechender Fortschritt.“