Kleine Steine, große Schmerzen
GesundheitAKTIV-Vortrag zum Thema Gallensteine
Etwa jeder Fünfte in Deutschland trägt Gallensteine, oft ohne es zu bemerken. Nur ein Viertel der Betroffenen entwickelt Beschwerden, von krampfartigen Schmerzen bis hin zu schweren Entzündungen. Dank moderner Diagnostik und minimal-invasiver Operationstechniken lassen sich Gallensteine heute sicher und schonend behandeln, wie Anne Muth, Assistenzärztin der Abteilung Allgemein-, Viszeral- und Minimalinvasiven Chirurgie an der Kreisklinik Bad Reichenhall erklärt.
„Es gibt verschiedene Risikofaktoren für Gallensteine. Zum einen spielen Genetik, Geschlecht und Alter eine Rolle, aber auch Ernährung und Bewegungsmangel“, erklärt Medizinerin Anne Muth. Weitere Risikofaktoren seien Schwangerschaften oder die Einnahme hormoneller Verhütungsmittel wie der Pille. Auch Darmerkrankungen, Diabetes oder ein schneller, starker Gewichtsverlust könnten zur Bildung von Gallensteinen führen. All das erkläre die hohe Häufigkeit – und die Tendenz sei sogar steigend.
Häufig, aber oft unbemerkt
Die Galle ist eine grünlich-gelbe Flüssigkeit, die in der Leber gebildet und in der Gallenblase gespeichert wird. Sie hilft bei der Verdauung von Fetten, indem sie diese in winzige Tröpfchen zerlegt, ähnlich wie Spülmittel Fett von einem Teller löst. Normalerweise entleert sich die Gallenblase regelmäßig, vor allem nach dem Essen. Geschieht das jedoch selten oder nur unvollständig, bleibt Galle länger stehen und wird zähflüssig. Zusammen mit Veränderungen in der Zusammensetzung der Gallenflüssigkeit können sich kleine Kristalle bilden, die mit der Zeit zu Gallensteinen heranwachsen.
Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer, vor allem über 40-Jährige. Übergewicht erhöht das Risiko zusätzlich. Die meisten Betroffenen spüren davon jedoch lange nichts: „Einige Gallensteine werden zufällig im Ultraschall entdeckt“, berichtet Chirurgin Anne Muth. Beschwerden entstehen oft erst, wenn Steine wandern und Gallengänge blockieren. Typisch sind krampfartige Schmerzen im rechten Oberbauch, manchmal in Rücken oder Schulter ausstrahlend, häufig nach dem Essen und gelegentlich begleitet von Übelkeit oder Erbrechen. „Gallenkoliken sind sehr schmerzhaft, wer das einmal erlebt hat, sucht freiwillig einen Arzt auf“, weiß die Medizinerin. Gefährlich wird es, wenn Entzündungen der Gallenblase, Bauchspeicheldrüsenentzündungen oder Infektionen der Gallenwege auftreten.
Behandlung und Vorbeugung
Die Diagnose erfolgt über Anamnese, körperliche Untersuchung, Laborwerte und eine Ultraschalluntersuchung, die Gallensteine in mehr als 95 Prozent der Fälle sichtbar macht. Sitzt ein Stein im Gallengang und blockiert den Abfluss der Galle, kann er in einem speziellen endoskopischen Verfahren (ERCP) entfernt werden. Dabei wird ein flexibles Endoskop über den Mund bis in den Zwölffingerdarm vorgeschoben, und von dort aus kann der Stein mit feinen Instrumenten aus dem Hauptgallengang entfernt werden. Bei akuten Gallenkoliken helfen Medikamente, die krampflösend wirken und die Schmerzen lindern. „Was es leider nicht gibt, ist ein Medikament, das Gallensteine auflöst“, sagt Muth.
Wenn Beschwerden immer wiederkehren oder eine Entzündung vorliegt, kann eine Operation notwendig werden. „Nur weil man einmal eine Gallenkolik hatte, muss nicht sofort operiert werden“, betont die Chirurgin. „Es gibt aber klare Indikationen, etwa eine akute Entzündung.“ In solchen Fällen wird die gesamte Gallenblase entfernt, nicht nur der Stein, damit sich keine neuen bilden können. In der Kreisklinik Bad Reichenhall erfolgt dieser Eingriff meist minimal-invasiv über drei bis vier kleine Schnitte, was eine schnelle Erholung ermöglicht. „Die Patienten sind schnell wieder fit, müssen in der Regel nicht lange im Krankenhaus bleiben und brauchen keine spezielle Diät“, ergänzt Muth. „Außerdem verwenden wir inzwischen selbstauflösendes Nahtmaterial, sodass kein Fädenziehen mehr nötig ist.“
Neben der Behandlung spielt auch die Vorbeugung von Gallensteinen eine wichtige Rolle. „Empfohlen werden mehrere kleine Mahlzeiten statt weniger großer. Nüchternphasen sollten nicht zu lang sein“, sagt Muth. Ideal sei eine ballaststoffreiche Ernährung mit pflanzlichen Fetten, ergänzt durch regelmäßige Bewegung und ein gesundes Körpergewicht. „Manchmal entwickeln aber auch Menschen, die sich sehr gesund ernähren, Gallensteine. Ernährung ist nur ein Faktor von mehreren.“ Intervallfasten oder lange Essenspausen seien dagegen bei Menschen mit kleinen Steinen eher ungünstig, so die Medizinerin.