Üben für die blutige Realität
Das Team der Notaufnahme der Kreisklinik Bad Reichenhall trainierte für einen Massenanfall von Verletzten
Massenkarambolagen auf der Autobahn, Busunfälle oder das Zugunglück vor kurzem in Baden-Württemberg – der so genannte Massenanfall von Verletzten (MANV) stellt medizinische Teams vor außergewöhnliche Herausforderungen. Um im Ernstfall schnell und präzise handeln zu können, sind realitätsnahe Übungen von entscheidender Bedeutung: Ein Blick hinter die Kulissen des MANV-Trainings in der Kreisklinik Bad Reichenhall.
Dr. Verena Kollmann-Fakler, Chefärztin der Zentralen Notaufnahme der Kreisklinik Bad Reichenhall, und Sonja Burkert-Rettenmaier, Ärztin im festen Team der Notaufnahme, geben einen Einblick: „Ein Vorkommnis, bei dem plötzlich viele Verletzte gleichzeitig versorgt werden müssen, ist für jedes Krankenhaus eine Ausnahmesituation. Schwere Unfälle, Zwischenfälle bei Großveranstaltungen oder technische Katastrophen – all diese Szenarien stellen nicht nur die eingesetzten Rettungskräfte auf die Probe, sondern auch uns in den Notaufnahmen der Krankenhäuser, da wir dann sofort einsatzbereit sein müssen. Dann gilt es, so schnell wie möglich viele Patientinnen und Patienten nach Sichtungskategorien, also nach Schwere der Verletzung, bestmöglich zu versorgen.“
Schwerste Verletzungen zu versorgen
Der an sich fordernde Alltag in einer Notaufnahme verlangt selten eine solch extreme Dringlichkeit und gleichzeitige Höchstbelastung, wie sie bei einem MANV auftritt. Die Herausforderungen liegen dann nicht nur in der schieren Anzahl an Verletzten, sondern auch in der Art der Verletzungen, die plötzlich und gehäuft auftreten. Ein Beispiel: Das schnelle Stillen starker Blutungen, das im Klinikalltag eher selten vorkommt, kann im MANV über Leben und Tod entscheiden. Ebenso können schwere Verletzungen der Extremitäten oder der Organe, die normalerweise eher isoliert auftreten, bei solchen Ereignissen plötzlich gehäuft vorkommen.
Maßgeschneidertes Konzept
Um auf solche Extremsituationen vorbereitet zu sein, hat die Kreisklinik Bad Reichenhall, lokales Traumazentrum der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie, ihr Konzept zur Behandlung schwerverletzter Patienten bei einem solchen MANV umfassend weiterentwickelt. Sonja Burkert-Rettenmaier war daran maßgeblich beteiligt: „Als Notärztin und langjährige Trainerin in der Notfallmedizin ist mir wichtig, Konzepte zu erstellen, die in der anspruchsvollen Umgebung der Notaufnahme auch wirklich funktionieren.“ Dieses Konzept orientiert sich an den Empfehlungen des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe und ist passgenau auf die Strukturen und Abläufe vor Ort zugeschnitten. Das Ziel: Auch unter extremem Druck strukturiert und sicher agieren.
Dieser erste MANV-Trainingstag im Juli ging dabei weit über eine bloße Theorieeinheit hinaus. Die Übung fand buchstäblich nicht am Schreibtisch, sondern auf der Behandlungsliege statt. Dabei wurde das Stresslevel bewusst hochgefahren und hochgehalten, sowohl körperlich als auch psychisch. Im Fokus stand dabei, die Teams aus Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften in realitätsnahen Szenarien an ihre Belastungsgrenze heranzuführen, um Abläufe zu festigen und die Zusammenarbeit unter Druck zu trainieren. Das Training war alles andere als harmlos: Mit realistischer Wunddarstellung und Verletztendarstellern wurde der Ernstfall simuliert, das Training wurde dafür durch Schauspieler der Notfalldarstellung Traunstein sowie durch den Trainer Rhys Williams unterstützt, der seine handgefertigten Wundmodelle kostenlos zur Verfügung stellte. Beispielsweise wurden Übungspatienten, überzogen mit Kunstblut, in den Schockraum der Notaufnahme gebracht. Eine nicht alltägliche Erfahrung für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.
Regelmäßige Übungen sind unerlässlich
Dieses besonders intensive Training ist Teil des regelmäßigen Trainings-Programms der Notaufnahme, das wöchentlich von Chefärztin Dr. Verena Kollmann-Fakler und der Ärztin Sonja Burkert-Rettenmaier durchgeführt wird. Diese regelmäßigen Übungen dienen dazu, die Versorgung schwerverletzter Patienten systematisch zu verbessern, klare Entscheidungswege zu festigen und die interdisziplinäre Zusammenarbeit im gesamten Team zu stärken.
„Vorbereitung ist der Schlüssel,“, sagt Sonja Burkert-Rettenmaier, „denn nur so können wir in den KSOB bei einem MANV tatsächlich die höchste medizinische Qualität bieten – auch unter extremen Bedingungen.“ Mit diesem Ansatz setzen die Kliniken Südostbayern ein klares Zeichen: Auch in der Zentralen Notaufnahme der Kreisklinik Trostberg finden solche MANV-Fortbildungen statt und in der Zentralen Notaufnahme am Klinikum Traunstein stehen die nächsten MANV-Fortbildungen bereits im September und Oktober an.