Über Atemnot, Rückschläge und neuen Lebensmut
Eine Patientengeschichte über eine jahrelang verdrängte schwere Lungenkrankheit und die Rückkehr zu einem Stück Normalität nach langer Leidenszeit
Sepp O. sitzt mit Sauerstoff in der Nase am Esstisch seiner geschmackvoll eingerichteten Wohnung. Über eine meterlange Leitung ist er immer mit dem großen Sauerstofftank verbunden, der zwischen Wohn- und Küchenbereich steht. Das ist ausreichend für seinen Bewegungsradius in der Wohnung, für Spaziergänge hat er ein tragbares Gerät. Doch es ist ein langer Weg von den Anfängen seiner Krankheit, über Rückschläge und Krisen, bis er dahin kommen konnte, wo er heute steht.
Seine Krankheit heißt COPD, die chronisch obstruktive Lungenerkrankung, die sowohl in Deutschland als auch weltweit eine häufige Erkrankung darstellt und zu irreversiblen Schäden an den Atemwegen und der Lunge führt. Sepp O. hat das schwerste Stadium 4 – das fortgeschrittenste Stadium, bei dem die Patienten immer unter schwerer Atemnot leiden, auch in Ruhe. Und das ist seine Geschichte:
Verdrängen statt behandeln lassen
Der 64-Jährige ist, oder besser war, von Beruf Fahrerbetreuer bei einer großen Spedition in Rosenheim mit 160 LKWs – er ist dort verantwortlich für die Einstellung und Betreuung von 200 LKW-Fahrern. Er hat einen stressigen Job, raucht ca. 8 – 10 Zigaretten pro Tag und war in den 20 Jahren seiner Betriebszugehörigkeit nie krank. Alles in allem lebt er also ein normales Leben.
2022 geht er zum Arzt, weil er feststellt, dass er nach 500 Metern Gehstrecke anhalten und schnaufen muss. Aber eigentlich will er sich gar nicht näher damit befassen: „Ich habe das Problem verdrängt nach dem Motto is oiwei no guad ganga.“
Ab Januar 2024 wird die Atemnot präsenter, Sepp O. merkt selbst, dass etwas nicht stimmt. Im April geht er deswegen zu seinem Hausarzt: „Ich kam immer noch gut vom Parkplatz ins Büro und war nicht krankgeschrieben.“
Die Atemnot bestimmt das Leben
Kurz danach muss sein Sohn nachts um 2 Uhr den Rettungswagen rufen – Sepp O. schafft es nicht einmal mehr selbst zum Telefon. Er wird daraufhin vom 12. – 19. April 2024 stationär in der Kreisklinik Trostberg behandelt. Er erinnert sich: „Ich bin sehr gut behandelt worden, das möchte ich betonen. Als ich danach wieder Zuhause war, gings mir mit der Zeit immer schlechter. Beim Sitzen, beim Laufen, irgendetwas tragen war nicht mehr möglich. Und ich habe danach 10 kg abgenommen, weil ich entweder schnaufen ODER essen konnte. Krankgeschrieben bin ich seitdem bis heute.“ Am 15.6.24 ruft sein Sohn wieder den Rettungswagen und wieder wird er in der Kreisklinik Trostberg aufgepäppelt. Er bleibt bis zum 18.6. in der Klinik. Zum wiederholten Male muss dann am 12.8.2024 der Rettungswagen gerufen werden, wieder mitten in der Nacht, denn Sepp O. bekommt plötzlich keine Luft mehr.
Im September 2024 geht Sepp O. dann auf Reha, um die Lungenfunktion zu verbessern. Dort kommt am dritten Tag der Zusammenbruch – er mutet sich selbst zu viel Bewegung zu, läuft den ganzen Tag, aber die Lunge macht das nicht mit: „Ich hab gedacht, das geht und ich wollte das auch so, aber dann saß ich plötzlich im Rollstuhl.“
Am 20. November das gleiche Spiel wie vor der Reha: Wieder keine Luft mehr, wieder mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus. Er wird erneut durchgecheckt, alle anderen Organe sind in Ordnung, auch die Blutwerte sind gut. Über seinen Lungenarzt Dr. Koch in Trostberg kommt er zu Prof. Dr. Tobias Lange, Chefarzt der Pneumologie an der Kreisklinik Bad Reichenhall.
Zu diesem Zeitpunkt ist seine Alltags-Situation schon dramatisch: „Wenn ich zum Beispiel duschen wollte, musste ich langsam Schritt für Schritt ins Bad gehen, um mir dort alles vorzubereiten. Dann brauchte ich erstmal eine Stunde Pause und musste mich hinlegen. Dann habe ich den Weg ins Bad wieder in Angriff genommen. Dort angekommen, war erstmal Pause angesagt. Das Duschen selbst war so anstrengend für mich, es hat ewig gedauert, bis ich das letzte Schaum-Quäntchen wieder weghatte. Und das Bad aufräumen war dann die nächste Aktion, die Stunden in Anspruch genommen hat.“
Behandlung und Rückschläge
Im April 2025 kommt Sepp O. dann zur Voruntersuchung zu Prof. Dr. Lange nach Bad Reichenhall. Es ist die Reduktion seines Lungenvolumens geplant, die ihm dann das Atmen mit dem gesünderen Teil der Lunge wieder ermöglichen soll. Prof. Dr. Lange erklärt ihm alles ganz genau – und er spricht auch die Risiken an, die dieser Eingriff beinhaltet, nämlich, dass die Lunge zusammenfallen könnte und dann sofort gehandelt werden muss.
Der Eingriff am 2. Juni 2025 findet bei Prof. Dr. Lange in der Kreisklinik Bad Reichenhall statt und bringt ihm dann auch direkt nach der OP Besserung. Doch tatsächlich kommt am dritten Tag die befürchtete Komplikation: Die Lunge fällt zusammen und Sepp O. muss sofort in der Kreisklinik behandelt werden. Es wird eine sogenannte Thoraxdrainage angelegt, ein dünner Schlauch, der zwischen den Rippen hindurch in den Brustkorb eingeführt wird, um die Luft wieder abzusaugen.
„Das Zusammenfallen der Lunge, ein sogenannter Pneumothorax, entsteht durch einen kleinen Riss im Überzug der Lunge, dem „Lungenfell“, ausgelöst durch das Wandern der Lunge entlang der Brustwand nach der Verkleinerung des anderen Lungenlappens“ erklärt Prof. Dr. Lange. „Es stellt eine Komplikation im Rahmen der bronchoskopischen Lungenvolumenreduktion mittels Ventilimplantation dar, kann aber gut beherrscht werden.“
Den Genesungsweg fest im Blick
Nach drei Wochen in der Klinik ist die Krise überstanden, Sepp O. kann nach Hause gehen. Bei einer Nachuntersuchung wird festgestellt, dass er Wasser in der Lunge hat, wieder ein Nackenschlag. Kurz danach fällt die Lunge nach Punktion des Wassers erneut zusammen, doch auch dieses Mal steckt er die Krise weg und kann seinen Genesungsweg fortsetzen. Die Reha im August 2025 gibt ihm ein neues Ziel: „Ich möchte wieder besser leben, dazu will ich wieder meine Muskulatur aufbauen und mich wieder mehr bewegen. Sepp O. resümiert die Zeit: „Trotz der Rückschläge, die jedes Mal wunderbar behandelt wurden, empfinde ich es immer wieder als ein tolles Gefühl, dass die Luft nicht mehr auf dem Weg irgendwo hängen bleibt, so war das vorher immer. Der Unterschied ist unvorstellbar. Ich hätte den Professor Lange am liebsten umarmt. Was mir auch wirklich wichtig ist: Ich möchte dem ganzen Team der Station in der Kreisklinik Bad Reichenhall danken, den Ärztinnen und Ärzten, den Pflegekräften, alle waren so nett und kompetent.“
Eis essen, Freunde treffen: Wieder leben
Er kann keine großen Sprünge machen, wie er es formuliert, aber: „Ich kann wieder zum Eis essen gehen und sogar mal – mit meinem tragbaren Sauerstoffgerät – einen Tagesausflug machen. Vorher bin ich ein Jahr lang nicht aus der Wohnung gekommen, weil ich nicht mal die 500 m zu meinem Arzt gehen konnte. Jetzt macht auch Duschen wieder Spaß.“ Sepp O. ist nachdenklich, aber optimistisch, wenn er über seine Zukunft spricht: „Mein persönliches Ziel ist, ganz normal am Alltagsleben teilzunehmen. Wieder Kontakte pflegen zu können und meine zwei besten Freunde wieder zu treffen. Einfach mal selbst zu denen hinfahren, das geht jetzt wieder mit meinem mobilen Sauerstoff – darüber freue ich mich besonders!“