Letzte Chance: Hochpräzisions-Strahlentherapie
Die Diagnose: Ein Lungentumor verhindert die Behandlung einer schweren COPD und die eingeschränkte Lungenfunktion aufgrund der COPD verhindert die Behandlung des Tumors – Die Chance: Hochpräzisions-Strahlentherapie als Einzelfallentscheidung trotz höherem Risiko, um den fatalen Kreislauf zu durchbrechen.
Hias B. ist eine drahtige Erscheinung, wenn man ihn sieht. Aber der erste Eindruck täuscht: Der 58-Jährige hat eine lange Leidensgeschichte hinter sich und tut sich schwer, eine weitere Strecke zu gehen, er bleibt immer wieder stehen, stützt sich auf und ringt nach Luft. Aber seine jetzige Verfassung ist auf jeden Fall besser als im Februar 2024, als er zum ersten Mal von Dr. Danijel Jelusic, niedergelassener Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie in Traunstein, untersucht wird, denn da hat er bereits große Beschwerden. Dr. Jelusic beginnt die leitliniengerechte Basistherapie und überweist Hias B. im Verlauf zu Prof. Dr. Tobias Lange, Chefarzt der Pneumologie an der Kreisklinik Bad Reichenhall. Dieser erinnert sich genau: „Die Diagnose war Chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) Stadium 4. In diesem Stadium – der schwersten Form der COPD – führen selbst einfache Tätigkeiten wie Anziehen oder Gehen zu schwerer Atemnot, die plötzliche Verschlechterung der Symptome kommt häufig vor und kann lebensbedrohlich sein.“
Der Plan: Lunge verkleinern, um wieder atmen zu können
Der Behandlungsansatz soll eine bronchoskopische Lungenvolumenreduktion sein, um das Atmen wieder zu verbessern. Hias B. setzt seine Hoffnungen auf diesen Eingriff: „Ich konnte absolut nichts mehr machen, meinen handwerklichen Beruf musste ich an den Nagel hängen, keine Chance. Die Verringerung des Lungenvolumens sollte es wieder richten, dass der gesündere Teil meiner Lunge wieder ordentlich arbeiten kann.“
Doch bei der vorbereitenden CT-Untersuchung im März 2024 wird ein runder Herd in seiner Lunge entdeckt. Zu diesem Zeitpunkt hat der Herd einen Durchmesser von 8 mm, Hias B. hatte davon nichts bemerkt. Da der Herd zu klein ist für eine Biopsie und eine Operation aufgrund der schweren COPD nicht möglich, erfolgen zunächst weitere Kontrollen. Bei der zweiten CT-Untersuchung Mitte 2024 zeigt der Herd schon einen Durchmesser von 13 mm. Daraufhin wird im Oktober 2024 in der Kreisklinik Bad Reichenhall eine Biopsie des Herdes durchgeführt und ein bösartiges Karzinom mit einem Durchmesser von jetzt bereits 20 mm diagnostiziert. Bei dieser Untersuchung wird auch festgestellt, dass die Lunge voraussichtlich für eine Volumenreduktion geeignet ist, sie erfüllt die Vorbedingungen hierfür, also geschlossene Fissuren zwischen den Lungenlappen. Die schlechte Nachricht für Hias B.: Eine Reduktion des Lungenvolumens zur Eindämmung der COPD ist aufgrund des entdeckten Tumors ohnehin ausgeschlossen und eine operative Behandlung des Tumors ist nicht möglich aufgrund der COPD.
Auch eine Hochpräzisionsstrahlentherapie zur Behandlung des Tumors erscheint höchst kritisch, da hierfür eigentlich eine bessere Lungenfunktion unbedingt erforderlich wäre. Prof. Dr. Lange bespricht den Fall von Hias B. eingehend mit Priv.-Doz. Dr. Matthias Hautmann, Chefarzt der Strahlentherapie am Klinikum Traunstein. Nach genauem Abwägen kommen sie zu dem Schluss, dass für diesen Patienten eine spezielle Hochpräzisions-Strahlentherapie Besserung bringen kann – eine absolute Einzelfallentscheidung und durchaus risikobehaftet. Hias B. wird von Prof. Dr. Lange zur Besprechung dieser möglichen Hochpräzisions-Strahlentherapie an Priv.-Doz. Dr. Hautmann nach Traunstein überwiesen.
Ein Lungentumor verhindert die Behandlung
Priv.-Doz. Dr. Hautmann weiß noch: „Ich habe mit Hias B. die durchaus gegebenen Risiken besprochen, aber wir haben gemeinsam gesehen, dass in der atemgetriggerten, stereotaktischen Strahlentherapie seine einzige Chance besteht, wieder ein Leben ohne diese großen Einschränkungen zu führen. Hias B. war auch sofort bereit dazu, das zu machen, das stand für ihn außer Frage. Er war dann ab Dezember bei acht Sitzungen innerhalb von zwei Wochen bei uns. Aus heutiger Sicht bin ich wirklich sehr froh, dass wir miteinander einen guten Weg gefunden haben. Denn die Ausgangslage, dass eine COPD-Behandlung nicht möglich ist aufgrund einer anderen schwerwiegenden Tumor-Thematik, war schon herausfordernd. Und darum haben wir mit der speziellen Technik der atemgetriggerten Hochpräzisions-Bestrahlung den ersten, entscheidenden Schritt getan, um ihm eine weitere Therapie zu ermöglichen.“
Erfolg: Der Patient ist krebsfrei
Ende Dezember wird die Lungenfunktion getestet, diese ist nach der Strahlentherapie unverändert, was positiv ist. Die nächste CT im Klinikum Traunstein findet im Januar 2025 statt – mit gutem Ergebnis, wie Priv.-Doz. Dr. Hautmann erklärt: „Der Herd hatte sich verkleinert, die Bestrahlung hatte sehr gute Wirkung gezeigt. Der Vorteil für Hias B. war, dass er keinerlei Metastasen des Tumors in der Lunge hatte. Auch beim Kontroll-CT im März 2025 konnten wir feststellen, dass der Tumor sich weiter zusammengezogen hatte und nur noch ein narbiger Rest verblieben war, was für eine sehr positive Tendenz sprach. Wir haben Hias B. engmaschig weiterbetreut, er war aufgrund des hohen Risikos jede Woche zur Überwachung bei uns. Wir waren da auch mit Prof. Dr. Lange in Bad Reichenhall und seinem behandelnden Arzt, Dr. Jelusic, in ganz engem Kontakt. Und bei der letzten CT haben wir dann feststellen können: Der Tumor ist weg, der Patient ist krebsfrei. Das ist ein sehr großer Erfolg.“ Prof. Dr. Lange ergänzt: „Nur seine Hoffnung, dass jetzt gleich die Volumenreduktion durchgeführt werden kann, musste ich leider nach der erneuten Testung der Fissurendichte zwischen den Lungenlappen bremsen.“
Die Lunge spielt nicht mit
Hias B. geht im März 2025 wegen der COPD auf Reha, um auf diesem Wege eine Besserung der Lungenfunktion zu erreichen. Für weitere Untersuchungen dazu besucht er danach nochmals Prof. Dr. Lange in der Pneumologie in der Kreisklinik Bad Reichenhall und hat danach einen gemischten Blick auf seine Situation. Einerseits ist Hias B. sehr froh, dass der Tumor unter Kontrolle ist. Doch die vor einem Jahr noch geschlossenen Fissuren haben sich geöffnet, die Lungenvolumenreduktion kann deswegen nicht durchgeführt werden: „Manchmal kann ich ein oder zwei Kilometer gehen, manchmal schaffe ich es kaum vom Auto zur Haustür. Ich muss immer schauen, wo ich parken kann, damit ich nicht zu weit gehen muss. Ich bräuchte dringend eine neue Wohnung im Erdgeschoss, damit ich keine Treppen mehr laufen muss.“
Hias B. gibt nicht auf: „Ich bleib trotzdem dran und bleibe so gut es geht in Bewegung – weil, ohne wird es nur schlechter. Ich schnappe mir täglich meine Stecken und mach mich auf die Socken, es bleibt mir nichts Anderes übrig. Auf jeden Fall bin ich sehr froh, dass Priv.-Doz. Dr. Hautmann so mutig war und die Bestrahlungen bei mir durchgeführt hat, denn ohne ginge es mir heute viel, viel schlechter.“