24.09.2025 - Kreisklinik Bad Reichenhall

Moderne Brustkrebstherapien: individuell statt radikal

Vortrag aus der Gesundheit AKTIV-Reihe

Früher bedeutete Brustkrebs oft die Entfernung der ganzen Brust und belastende Standardtherapien. Heute stehen Patientinnen schonendere und individuellere Möglichkeiten offen: von brusterhaltenden Operationen über gezielte Bestrahlung bis hin zu modernen Medikamenten. Prof. Dr. Christian Schindlbeck, Chefarzt der Frauenkliniken Klinikum Traunstein und Bad Reichenhall, erklärt wie diese Fortschritte die Lebensqualität verbessern und warum die Heilungschancen so gut sind wie nie zuvor.

Wenn Sie an die heutigen Brustkrebstherapien denken, was hat sich in den vergangenen 10 bis 15 Jahren am meisten verändert?

Die Behandlung ist insgesamt viel schonender geworden. Früher wurden oft die gesamte Brust und viele Lymphknoten entfernt, mit deutlichen Folgen. Heute stehen uns präzisere Diagnosen, neue Operationsmethoden und moderne Medikamente zur Verfügung. Wichtig ist auch, dass wir Entscheidungen nicht mehr allein treffen, sondern gemeinsam mit den Patientinnen.

Wie oft können Sie heute brusterhaltend operieren – und welche Optionen der Wiederherstellung gibt es, wenn die Brust dennoch entfernt werden muss?

In etwa 80 Prozent der Fälle ist eine brusterhaltende Operation möglich. Durch spezielle Techniken lässt sich die Brust so umformen, dass trotz Tumorentfernung ein harmonisches Ergebnis entsteht. Bei Bedarf gleichen wir die Gegenseite an. Manchmal ist es jedoch sinnvoll, die gesamte Brust zu entfernen, etwa wenn der Tumor sehr groß ist oder bei ausgedehnten Vorstufen. Auch dann gibt es gute Möglichkeiten der Wiederherstellung: Häufig können wir Haut oder sogar die Brustwarze erhalten und die Brust im selben Eingriff mit Implantat oder Eigengewebe aufbauen. Das wird individuell entschieden, die Kosten übernimmt die Krankenkasse.

Warum wird heute seltener die Achsel komplett operiert und was bringt das für die Patientinnen?

Der moderne Standard ist die Wächterlymphknoten-Biopsie: Wir entfernen gezielt die ersten ein bis zwei Lymphknoten, die den Abfluss aus der Brust übernehmen. Das ist viel schonender als früher die komplette Entfernung vieler Knoten und senkt das Risiko für Lymphödem, Taubheitsgefühle und Schmerzen.

Was bedeutet es für die Patientinnen, dass Bestrahlungen kürzer und gezielter geworden sind?

Früher mussten Frauen viele Wochen lang täglich zur Bestrahlung kommen. Heute können wir die Dauer deutlich verkürzen, manchmal auf nur drei bis vier Wochen, in Einzelfällen sogar auf wenige Sitzungen. Zudem bestrahlen wir gezielter: Oft reicht es, nur den Bereich um den ehemaligen Tumor herum zu behandeln. Deswegen erstellen wir vor jeder Therapie mit einer Computertomografie einen exakten Plan. Das schont gesundes Gewebe wie Herz oder Lunge und mindert Nebenwirkungen.

Wie entscheiden Sie heute, ob eine Patientin eine Chemotherapie braucht?
Ziel ist immer, das Risiko einer Streuung abzuschätzen. Wichtige Faktoren sind Alter, Tumorgröße, Lymphknotenbefall und die biologischen Eigenschaften des Tumors. Zusätzlich helfen manchmal genetische Tests am Tumorgewebe: Sie zeigen, ob eine Frau ein hohes oder niedriges Rückfallrisiko hat. Viele können dadurch sicher auf eine Chemotherapie verzichten.

Und wenn eine Chemotherapie notwendig ist, wie sieht sie heute aus?

Heute ist die Chemotherapie individueller und schonender. Manche Präparate wirken wie „Trojanische Pferde“: Sie transportieren den Wirkstoff gezielt in die Krebszelle. Dazu kommen Immuntherapien, die das Abwehrsystem stärken, und Medikamente, die das Wachstum bestimmter Tumorzellen bremsen. Wir können auch viele Nebenwirkungen deutlich besser kontrollieren, zum Beispiel Übelkeit oder allergische Reaktionen. Der Haarausfall bleibt allerdings Thema: Er entsteht, weil Chemotherapie auch gesunde Zellen angreift, die sich schnell teilen, wie Haarwurzeln. Rund 80 Prozent der Patientinnen sind betroffen. Mit Perückenversorgung oder Kühlkappen können wir hier zumindest etwas Entlastung schaffen.

Was geben Sie betroffenen Frauen neben der eigentlichen Therapie mit auf den Weg?

Bei den Kliniken Südostbayern legen wir Wert auf Begleitung, die über die reine Behandlung hinausgeht. Wir arbeiten mit Psycho-Onkologinnen, Sozialdiensten und Ernährungsberaterinnen zusammen und kooperieren eng mit Selbsthilfegruppen wie dem Verein „Gemeinsam gegen den Krebs“. Diese Angebote helfen, auch die psychischen und sozialen Belastungen besser zu bewältigen.

Welche Rolle spielt die Vorsorge?

Je früher ein Brustkrebs erkannt wird, desto schonender und erfolgreicher ist die Behandlung. Leider nimmt nur etwa die Hälfte der Frauen die Mammografie wahr, obwohl sie die zuverlässigste Methode ist, Brustkrebs frühzeitig zu entdecken. Das trägt entscheidend dazu bei, dass die 10-Jahres-Überlebensrate heute bei rund 85 Prozent liegt, vor 20 bis 30 Jahren waren es noch deutlich weniger. Brustkrebs ist also in den meisten Fällen kein Todesurteil mehr.