Faktencheck: die häufigsten Mythen über Brustkrebs
zum Brustkrebsmonat
Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung der Frau, etwa jede neunte Frau in Deutschland erkrankt im Laufe ihres Lebens daran. Die meisten haben schon von dieser Erkrankung gehört, viele kennen sogar jemanden, der bereits daran erkrankt war oder ist. Dennoch kursieren viele Mythen in der Bevölkerung, teilweise auch unter dem Personal des Gesundheitswesens, die zu Verunsicherungen führen und manchmal auch wichtige diagnostische oder Behandlungsschritte verhindern. Zum Abschluss des Brustkrebsmonats Oktober wollen wir diese Mythen aufzeigen und beleuchten.
Woher kommen diese Mythen?
Oberärztin Dr. Juliane Singhartinger, Zentrumskoordinatorin des Brustzentrums am Klinikum Traunstein, erläutert: „Zum einen beruhen sie auf früheren Krankheitstheorien, die inzwischen durch moderne Forschungsmethoden widerlegt wurden, aber damals so viel Aufmerksamkeit erfuhren, dass sie sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. Ihre Widerlegung fand jedoch weniger Beachtung. Zum anderen sind es simple „fake news“ (Falschinformationen), die im Internet kursieren. Hier ist nicht immer klar, ob und welche Lobby hiervon profitiert. Besonders provokant formulierte, groß geschriebene, bunte Artikel beinhalten oft erfundene Inhalte, wohingegen die sachlicher formulierten Artikel oft professioneller recherchiert sind. Dies ist natürlich keine generelle Regel.“
Im Brustzentrum Traunstein unter der Leitung von Prof. Dr. Christian Schindlbeck, Chefarzt der Frauenklinik der Kliniken Südostbayern, werden jährlich mehrere Hundert Brustkrebs-Patientinnen beraten und behandelt. Seit fast 20 Jahren wird das als Brustzentrum jedes Jahr rezertifiziert und gehört damit zu den am längsten bestehenden Brustzentren in Deutschland.
Neben Medizinstudium, Facharztausbildung, zahlreichen Spezialfort-/weiterbildungen, der nahezu täglichen Recherche der aktuellen Literatur- und Studienlage, ist es auch die praktische Erfahrung, die die Expertinnen und Experten des Brustzentrums zu kompetenten Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern für die Patientinnen und Patienten und alle Interessierten zum Thema Brustkrebs macht.
Welche Mythen kursieren?
1) „Brustkrebs können nur Frauen kriegen.“
Falsch. Jede 100. Brustkrebserkrankung betrifft einen Mann. Im Jahr 2022 erkrankten 690 Männer in Deutschland an Brustkrebs. Auch Männer haben Brustdrüsengewebe, welches aber nach der Pubertät meist nicht weiterwächst. Die meisten Tastbefunde in der männlichen Brust sind gutartiger Natur, selten kann aber auch Brustkrebs dahinterstecken. Dies ist nach aktueller Kenntnis nicht immer genetisch bedingt, sondern kann auch spontan entstehen.
2) „Brustkrebs wird immer vererbt.“
Falsch. Etwa 10% der Brustkrebserkrankungen sind erblich bedingt. Hierbei werden sogenannte Hochrisiko-Gene von den Eltern (Vater oder Mutter) mit einem Risiko von jeweils 50% an die Kinder weitergegeben. Damit ist aber noch immer nicht die Erkrankung direkt vererbt worden, wohl aber das Risiko hieran zu erkranken. Mehr als 10 dieser Gene sind bereits bekannt und können bei entsprechender familiärer Häufung von Erkrankungsfällen auch getestet werden. Je nach Genveränderung variiert das Risiko zwischen ca. 20 und 70% im Leben an Brustkrebs zu erkranken. Es gibt Möglichkeiten zur Früherkennung und zur Risikoreduktion.
3) „Mammografien verursachen Brustkrebs und wurden deswegen im Ausland bereits verboten.“
Falsch. Brustkrebs lässt sich häufig nicht durch eine Tastuntersuchung feststellen. Die Früherkennung, bestehend aus Mammografie, ggf. in Kombination mit Brustultraschall, kann auch sehr kleine, nicht tastbare Befunde erkennen. Eine Diagnosestellung in einem frühen Erkrankungsstadium führt häufiger zur Heilung und kann meist schonender behandelt werden. Teilweise kann diese Diagnostik aber auch zur unnötigen Beunruhigung oder Überdiagnostik führen. Innerhalb von 10 Jahren werden von 10.000 Frauen ca. 70 Frauen unnötig beunruhigt und erhalten z. B. eine weitere Bildgebung oder eine Biopsie, um letztendlich eine Frau vor dem möglichen Versterben am Brustkrebs zu bewahren.
Die Strahlenbelastung durch eine Mammografie ist heute deutlich geringer als früher und liegt bei etwa einem Zehntel der jährlichen durchschnittlichen natürlichen Strahlenbelastung. Meldungen aus 2024, dass z. B. in der Schweiz das Mammografie-Screening verboten worden wäre, sind schlichtweg Falschmeldungen, was auf seriösen Internetseiten nachzulesen ist.
In Deutschland wurde das Mammografie- Screening aufgrund des positiven Risiko-Nutzen-Verhältnisses erst kürzlich erweitert und ist nun für alle Patientinnen zwischen 50 und 75 Jahren vorgesehen.
4) „Bügel-BHs, Tattoos oder Piercings können Brustkrebs auslösen.“
Falsch. Immer wieder kursieren Gerüchte, dass Bügel-BHs oder Tattoos durch das Abdrücken und Verstopfen der Lymphwege den Abtransport von schädlichen Substanzen aus der Brust verhindern und damit Brustkrebs auslösen können. Zwar können in der Tattoo-Farbe krebserregende Stoffe sein und man findet durchaus Ablagerungen der Tattoofarbe in Lymphknoten, jedoch konnte ein direkter Zusammenhang mit Brustkrebs bisher nicht nachgewiesen werden. Dies gilt auch für Piercings. Zur Rolle der Bügel-BHs wurden bereits große Beobachtungsstudien mit mehreren Tausend Frauen durchgeführt, die zeigten, dass Brustkrebs bei den Bügel-BH-Trägerinnen nicht häufiger auftritt.
5) „Die Biopsie weckt den Tumor auf, weil Luft rankommt. Dadurch wird er erst aktiv.“
Falsch. Obwohl sich die Ärzte und Ärztinnen manchmal bereits nach Durchführung einer klinischen und bildgebenden Untersuchung schon sehr sicher sind, dass es sich um eine Brustkrebserkrankung handelt, sollte dies immer erst durch eine Biopsie gesichert werden. Dies dauert ca. 10 Minuten, die Patientin erhält eine örtliche Betäubung und kann gleich danach nach Hause gehen. Dies ist nicht nur wichtig, um die Diagnose zu bestätigen, sondern man kann hieraus bereits ableiten, welche Therapien in welcher Reihenfolge erforderlich sind, um die Erkrankung möglichst zu heilen. Häufig ist es nicht sinnvoll gleich „zum Messer zu greifen“ und zu operieren. Bei vielen Patientinnen würde man sich ohne vorherige Biopsie (wenn man z. B. gleich operiert, dies wird manchmal gewünscht) die Chance auf die bestmögliche Therapie vertun. Die Aktivität des Tumors kann aus dem entnommenen Gewebe beurteilt werden und bestand bereits zum Zeitpunkt der Entnahme. Sollte sich erfreulicherweise ein gutartiger Befund herausstellen, bleibt dies auch nach Biopsie so. Das ist bekannt, weil auch die gutartigen Befunde noch mindestens zwei Jahre nachbeobachtet werden. Der Brustkrebs ist immer als eine Systemerkankung zu verstehen, die manchmal nach vielen Jahren wiederkehrt, obwohl sie früh erkannt und behandelt wurde. Dies liegt nach aktueller Kenntnis an bereits lange vor der Diagnose über das Blut gestreuten Tumorzellen, die oft viele Jahre in einem „Schlummerzustand“ im Körper verbleiben können. Diese komplexe Art der Ausbreitung hängt mit den Tumoreigenschaften, aber nicht mit der Stanzbiopsie zusammen.
6) „Die Brust abzunehmen ist immer die sicherste Option.“
Falsch. Schon seit vielen Jahren wissen wir, dass die brusterhaltende Operation mit nachfolgender Strahlentherapie eine mindestens genauso sichere Behandlungsoption ist wie die Abnahme der Brust. Die Körperbildveränderung ist aber deutlich weniger gravierend. Inzwischen zeigen die Daten sogar einen immer größeren Überlebensvorteil für Patientinnen, die sich für die brusterhaltende Operation und Strahlentherapie entscheiden. Dieser besteht für alle Tumorstadien (in denen eine brusterhaltende Operation möglich ist) und auch unabhängig davon, ob nach der Brustabnahme noch eine Bestrahlung erfolgte. Sollte eine brusterhaltende Operation nicht sinnvoll möglich sein, z. B. bei vielen Tumorherden in einer Brust, großem oder entzündlichen Tumor) kann eine Rekonstruktion der Brust mit Silikonimplantaten oder Eigengewebe (z.B. vom Bauch oder Oberschenkel) erfolgen.
7) „Man kann Brustkrebs doch auch mit homöopathischen oder pflanzlichen Mitteln heilen.“
Falsch. Obwohl immer wieder einschlägige persönliche Fallberichte oder Bücher auf dem Markt erscheinen, die das Gegenteil behaupten, kann eine Heilung bei nachgewiesener Brustkrebserkrankung mit den o.g. Therapien allein nicht erreicht werden. Teilweise kommt es sogar zu gefährlichen Therapieverzögerungen, weil Patientinnen „es erstmal so versuchen wollen“. Wenn die nun deutlich verzögerte „schulmedizinische“ Therapie dann nicht die erhoffte Heilung bringt, fühlen sich die Patientinnen manchmal sogar bestätigt.
Dennoch strebt man immer ein ganzheitliches Behandlungskonzept an, das auch z. B. pflanzliche Therapien oder die Traditionelle Chinesische Medizin mit einbezieht. Vor allem zur Reduktion von Nebenwirkungen finden hier z. B. Akupunktur oder Yoga Anwendung. Es existiert bereits eine eigene Leitlinie zur Komplementärmedizin bei onkologischen Patientinnen und Patienten. Wichtig ist hierbei aber auch immer die Abstimmung mit dem behandelnden Onkologen, da sich diese Therapien unter Umständen auch negativ auswirken können. So kann z. B. eine Hochdosis-Vitamin-C-Therapie sogar die Wirksamkeit einer Chemotherapie herabsetzen. Für sportliche Aktivität konnte hingegen sogar eine signifikante, also erhebliche, Senkung des Rezidivrisikos (Risiko des Wiederauftretens von Brustkrebs) nachgewiesen werden.
8) „Brustkrebs kommt immer irgendwann wieder und letztendlich stirbt man doch dran.“
Falsch. Die Heilungsraten beim Brustkrebs sind generell hoch, aber individuell vom Erkrankungsstadium bei Diagnose und der Tumorbiologie abhängig. Bei nicht metastasierten Tumoren liegen sie bei ca. 80 % für die nächsten 10 Jahre. Bei einem Teil der Patientinnen (ca. 20 %) kommt es irgendwann im Leben zum Wiederauftreten der Brustkrebserkrankung, in höheren Stadien passiert dieses noch öfter. Auch hier kann größtenteils wieder eine dauerhafte Heilung erreicht werden. Diese inzwischen beeindruckend hohen Heilungsraten sind vor allem durch die frühe Erkennung wie auch durch die modernen individualisierten Therapiemöglichkeiten bedingt. Somit sollten diese der Patientin auch angeboten und diese durch die Patientin auch wahrgenommen werden. Ohne Therapie bleibt Brustkrebs eine zumeist tödlich verlaufende Erkrankung.
Inzwischen kann selbst bei metastasierter Erkrankung häufig über viele Jahre eine stabile Krankheits- und Lebenssituation erreicht werden.
Dr. Singhartinger fasst zusammen: „Dies ist nur eine exemplarische Darstellung von Fragen und Aussagen, die uns im Klinikalltag begegnen. Letztendlich lässt sich, wie häufig in der Medizin und im Umgang mit Menschen, kaum eine Aussage verallgemeinern. Es gilt, immer jede Patientin/jeder Patient sowie deren/dessen Erkrankung und Bedürfnisse individuell wahrzunehmen und auch Fragen und Ängsten gegenüber offen zu sein. Das schafft Vertrauen. Nur so kann man gemeinsam den individuell optimalen Weg gehen – mit einer guten Prognose in Aussicht.“