Vorsorge bleibt der wichtigste Schutz - Expertenvortrag über Darmpolypen und Magengeschwüre
Darmkrebs ist eine der häufigsten Krebsarten, gleichzeitig aber eine der am besten vermeidbaren. Bei bis zu 97 Prozent der Betroffenen ließe sich die Erkrankung durch rechtzeitige Vorsorge verhindern. Diese Zahlen zeigen deutlich: Die Untersuchung lohnt sich. Im Gespräch erklären Dr. Andrej Wagner, Chefarzt für Innere Medizin und Gastroenterologie, und Dr. T. E. Langwieler, Chefarzt für Allgemein-, Viszeral- und Minimalinvasive Chirurgie an der Kreisklinik Bad Reichenhall, worauf es bei Vorsorge und Warnzeichen ankommt.
Viele schieben eine Darmspiegelung aus Angst hinaus. Ihr Appell?
Wagner: Medizinisch gehört die Koloskopie zu den wenigen Vorsorgeuntersuchungen, deren Nutzen eindeutig belegt ist. Wir finden bei etwa der Hälfte der Menschen Vorstufen oder Polypen und können sie direkt entfernen, bevor sie gefährlich werden. Die eigentliche Spiegelung ist heute dank moderner Sedierung so komfortabel, dass die meisten davon nichts mitbekommen. Die größte Hürde ist also nicht die Medizin, sondern die eigene Überwindung.
Ist ein Darmpolyp grundsätzlich etwas Gefährliches?
Wagner: Größe und Aussehen geben uns schon bei der Spiegelung wichtige Hinweise. Grundsätzlich entfernen wir alles, was sich bösartig entwickeln könnte. Harmlos sind nur bestimmte kleine Polypen im Enddarmbereich. Wenn der Verdacht besteht, dass ein Tumor zu tief in die Darmwand eingewachsen ist, darf man ihn endoskopisch nicht mehr entfernen – dann braucht es unter Umständen eine Operation oder eine weiterführende onkologische Behandlung.
Wann brauchen Sie die Chirurgie, obwohl es (noch) kein Krebs ist?
Langwieler: Das betrifft vor allem flächenhafte Polypen, die sich wie ein Teppich ausbreiten. An manchen Stellen, etwa am Übergang vom Dünn- zum Dickdarm, wo die Darmwand sehr dünn ist, kann eine rein endoskopische Abtragung riskant sein. Dann arbeiten wir kombiniert: Die Kollegen lokalisieren den Befund von innen, wir operieren minimalinvasiv von außen und entfernen das betroffene Darmstück gezielt mit einem Klammernahtgerät. Offen operieren müssen wir eher selten, nur bei stark verwachsenen Voroperationen oder sehr ausgedehnten Befunden.
Wen betrifft Darmkrebs?
Wagner: Das Risiko für Darmkrebs nimmt ab dem 50. Lebensjahr deutlich zu und die Krankenkassen übernehmen die Vorsorge. Entscheidend ist aber nicht nur das eigene Alter, sondern auch die familiäre Vorgeschichte. Wenn bei einem Elternteil bereits Darmpolypen gefunden wurden, sollte man früher mit der Vorsorge beginnen, am besten zehn Jahre vor dem Alter, in dem der Vater oder die Mutter selbst zum ersten Mal eine Darmspiegelung hatte, bei der Polypen gefunden wurden.
Viele Menschen setzen auf „Darmgesundheit“. Kann man sich so schützen?
Wagner: Eine gesunde Lebensweise ist natürlich sinnvoll. Problematisch wird es, wenn daraus extreme oder einseitige Diäten werden. Selbst für Heilfasten ist wissenschaftlich im Hinblick auf Darmkrebsprävention nichts eindeutig belegt. Wer sich bewusster ernährt und sich mehr bewegt, tut seinem Körper sicher etwas Gutes, aber das ersetzt keine Vorsorgeuntersuchung.
Langwieler: Gut belegt ist, dass viszerales Fett, also Fett im Bauchraum um die Organe, das Risiko für Tumore im Magen-Darm-Bereich erhöht. Wenn Heilfasten oder Abnehmen dieses Bauchfett reduziert, kann das ein Vorteil sein. Trotzdem gilt: Vorsorge bleibt der wichtigste Schutz.
Was ist bei Magengeschwüren wichtig zu wissen?
Wagner: Veränderungen im Magen können lange unbemerkt bleiben. Der Stress-Mythos hält sich hartnäckig, oft steckt ein Keim dahinter, der sogenannte Helicobacter. Und oft spielen auch Medikamente eine Rolle, vor allem frei verkäufliche Schmerzmittel, die Entzündungen hemmen. Die sind grundsätzlich wirksam, können aber die Magenschleimhaut angreifen und im schlimmsten Fall ein Geschwür auslösen.
Wenn Magen-Darm-Probleme lange kaum Beschwerden machen: Welche Warnzeichen sollte man ernst nehmen?
Langwieler: Es gibt Alarmsymptome, die auch ohne starke Schmerzen auftreten können, zum Beispiel Blutarmut. Wenn jemand dauerhaft müde ist und im Blutbild ein niedriger Hämoglobinwert auffällt, kann dahinter eine chronische, unbemerkte Blutung im Magen-Darm-Trakt stecken. Auch Blut im Stuhl, ungeklärter Gewichtsverlust oder anhaltende Schmerzen gehören abgeklärt.
Wie oft muss man eine Darmspiegelung machen?
Wagner: Wenn ein oder mehrere kleine Polypen entfernt wurden, wird eine Kontrolle nach etwa drei Jahren empfohlen. War die Untersuchung unauffällig, reicht meist ein Intervall von zehn Jahren. Entscheidend ist die Qualität der Koloskopie: Sie dauert in der Regel mindestens eine halbe Stunde, und vor allem beim Rückzug wird mit entfalteter Schleimhaut besonders genau geschaut. Moderne Hilfsmittel verbessern die Sicht zusätzlich, so finden wir bei etwa 50 Prozent der Menschen Polypen oder Vorstufen.
Wie geht es weiter, wenn bei einer Magenspiegelung auffälliges entdeckt wird?
Wagner: In bestimmten Fällen können wir Vorstufen oder sehr frühe Tumoren auch im Magen endoskopisch entfernen. Entscheidend ist, wie tief die Veränderung in die Magenwand reicht, manchmal entscheiden Millimeter.
Langwieler: Wenn es endoskopisch nicht mehr möglich ist, klären wir zuerst genau, wie weit die Erkrankung fortgeschritten ist, ob Lymphknoten oder andere Organe betroffen sind, auch mit einer Bauchspiegelung. Je nach Befund beginnt die Therapie oft zunächst mit einer Chemotherapie, nicht selten sogar vor einer Operation. Studien zeigen: Das verbessert häufig die Ergebnisse.
Gastroenterologie und Chirurgie arbeiten in der Kreisklinik Bad Reichenhall eng zusammen, was bedeutet das konkret für die Patienten?
Wagner: Wenn wir bei einer Darmspiegelung oder einem anderen Eingriff eine auffällige Stelle sehen, bei der die Chirurgie gefragt sein könnte, hole ich Dr. Langwieler direkt dazu. Wir entscheiden noch im selben Moment gemeinsam, wie wir weiter vorgehen. Das spart Zeit und verhindert, dass Patienten zwischen Abteilungen hin- und hergeschickt werden.
Langwieler: Zusätzlich besprechen wir einmal pro Woche komplexe Fälle interdisziplinär. Bei Tumorerkrankungen passiert das im Tumorboard, gemeinsam mit Chirurgen, Onkologen und weiteren Spezialisten. So legen wir auf Grundlage klarer Leitlinien fest, welche Therapie sinnvoll ist.
Wagner: Wichtig ist: Es wird nichts überstürzt. Wenn ein Befund nicht eindeutig ist oder mehrere Optionen infrage kommen, wägen wir sorgfältig ab. Der Patient muss nicht selbst verschiedene Fachärzte koordinieren, das übernehmen wir intern.
Also am Ende heißt das: Die Vorsorge wirklich ernst nehmen?
Wagner: Absolut. Die Vorsorge ist das A und O. Trotzdem geht nur etwa ein Fünftel der 50- bis 60-Jährigen zur Darmkrebsvorsorge. Das ist viel zu wenig und daran hat sich trotz vieler Kampagnen kaum etwas geändert. Dabei ist die Darmspiegelung eindeutig: Sie kann jährlich deutschlandweit über 100.000 Darmkrebsfälle verhindern. Diese Chance sollte man nicht ungenutzt lassen.
Veranstaltungshinweis - GesundheitAKTIV-Vortrag
Der Vortrag „Darmpolypen und Magengeschwüre“ soll unter anderem einen Eindruck vermitteln, welche Beschwerden hervorgerufen werden können und bei welchen Symptomen man in jedem Fall eine weitere Abklärung vornehmen lassen sollte. Er wird gemeinsam von Dr. Andrej Wagner, Chefarzt für Innere Medizin, Gastroenterologie und Dr. T.E. Langwieler, Chefarzt für Allgemein-, Viszeral- und Minimal-Invasive Chirurgie an der Kreisklinik Bad Reichenhall gehalten. Die Veranstaltung findet am Donnerstag, 05. März, von 16 bis 17.30 Uhr im dortigen Großen Seminarraum statt. Der Eintritt ist frei. Im Anschluss besteht die Möglichkeit für Fragen.