Darmkrebsvorsorge - je früher desto besser
„Je früher, desto besser“ - Ein Interview zum Darmkrebsmonat
In Deutschland ist Darmkrebs bei Frauen die zweithäufigste, bei Männern die dritthäufigste Krebserkrankung. Die Gesamtzahlen sinken, doch bei den unter 50-Jährigen steigen sie wieder: ein Alarmzeichen. Der März ist Darmkrebsmonat – ein guter Termin für ein Gespräch über Vorsorge, moderne Therapie und persönliche Begleitung mit Dr. Björn Lewerenz, Chefarzt Gastroenterologie und Leiter des Darmkrebs- und Pankreaszentrums, und Prof. Dr. Christian Jurowich, Chefarzt Allgemein- und Viszeralchirurgie und stellvertretender Leiter des Darmkrebs- und Pankreaszentrums.
Herr Dr. Lewerenz, warum ist der Darmkrebsmonat März so wichtig?
Dr. Lewerenz: Weil Aufklärung Leben rettet. Darmkrebs ist häufig – und oft heilbar, wenn wir ihn früh erkennen. Die Heilungschancen sind umso höher, je früher das Stadium bei der Diagnose ist. Trotzdem kommen manche Patientinnen und Patienten erst spät zu uns. Das möchten wir ändern.
Was sind die Ursachen und worauf sollte man achten?
Dr. Lewerenz: Es gibt Risikofaktoren: familiäre Belastung, Übergewicht, falsche Ernährung, Bewegungsmangel und auch chronisch entzündliche Darmerkrankungen. Aber selbst bei gesundem Lebensstil bleibt ein Restrisiko. Darum ist es so entscheidend, die Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen.
Sofort handeln sollte man bei anhaltenden Beschwerden – etwa ungewolltem Gewichtsverlust, Veränderungen beim Stuhlgang oder Blut im Stuhl. Wer Angehörige mit Darmkrebs hat, sollte besonders aufmerksam sein. Erste Anlaufstelle ist immer die Hausärztin oder der Hausarzt oder eine spezialisierte internistische oder gastroenterologische Praxis.
Und dann?
Dr. Lewerenz: Wenn der Verdacht besteht, kommen die Patientinnen und Patienten zu uns ins Klinikum Traunstein. Bei Blut im Stuhl oder Beschwerden erhalten Sie über Ihren Hausarzt auch direkt einen Termin bei uns zur Abklärung. Wir hier im Zentrum für Darm- und Endarmkrebserkrankungen sind ein Team von Spezialistinnen und Spezialisten. Die Abläufe und die reibungslose Versorgung jeder einzelnen Patientin und jedes einzelnen Patienten wird dabei koordiniert durch Dr. Helen Bauer und Dr. Birgit Reinisch. Wir fangen die Menschen auf, denn jeder Mensch geht anders mit der Diagnose und der Erkrankung um. In unserer Darmkrebssprechstunde betrachten wir jeden Fall ganzheitlich. Die zuweisenden Ärztinnen und Ärzte erfahren sofort, wie es weitergeht. In dringenden Fällen gibt es ein Zuweisertelefon, besetzt vom diensthabenden Oberarzt der Gastroenterologie.
Herr Professor Dr. Jurowich, das Darmkrebszentrum ist zertifiziert. Was bedeutet das für die Betroffenen?
Prof. Dr. Jurowich: Es bedeutet Qualität. Das Klinikum Traunstein ist ein „Zertifiziertes Onkologisches Zentrum der Deutschen Krebsgesellschaft“. Unter diesem Dach arbeitet auch unser Darmkrebszentrum. Und das ist wirklich wichtig, denn Studien zeigen, dass die Heilungsraten in zertifizierten Zentren um Einiges höher sind. Wir sind neben Darmkrebs auch für Pankreaskrebs zertifiziert. Das schafft Struktur, klare Abläufe und hohe Standards. Jeder Fall wird in unserer Tumorkonferenz vorgestellt. Kolleginnen und Kollegen aus Chirurgie, Radiologie, Gastroenterologie, Onkologie und Strahlentherapie beraten gemeinsam, welche Therapie für jeden einzelnen Menschen die individuell Beste und Erfolgversprechendste ist. Und wir arbeiten auf gemeinsamen Stationen. So begleiten wir die Patientinnen und Patienten alle zusammen eng durch diese für sie schwierige Zeit.
Herr Dr. Lewerenz, am Anfang steht die Diagnostik.
Dr. Lewerenz: Richtig. Grundlage jeder Therapie ist eine präzise Diagnostik: Computertomografie, MRT, Endosonografie. Wir klären, ob Metastasen vorliegen. Wir bestimmen exakt die Tumorgröße und prüfen Lymphknoten. Erst dann legen wir ein Therapiekonzept fest – individuell und maßgeschneidert. So vermeiden wir Unter- wie Überbehandlung. Die Therapie wird auf den Menschen angepasst – auch religiöse Bedürfnisse oder persönliche Anforderungen berücksichtigen wir.
Herr Prof. Jurowich, wann muss operiert werden und welche Möglichkeiten gibt es?
Prof. Dr. Jurowich: Wenn es medizinisch geboten ist. Dann verfügen wir über modernste Technik und große Erfahrung. Neben mir operieren mit Dr. Birgit Reinisch und Dr. Andre Prock zwei weitere zertifizierte Darmkrebs-Operateure. Hohe Fallzahlen bedeuten Routine – und Routine senkt Komplikationen. Das zeigt sich in niedrigen Komplikationsraten und in der Zufriedenheit unserer Patientinnen und Patienten. Wir führen viele minimalinvasive, roboterassistierte Operationen durch, was nicht nur bei tiefen Karzinomen große Vorteile bietet. Der daVinci-Roboterassistent erlaubt absolute Präzision und schont Gewebe. Generell liegt die Fünf-Jahres-Überlebensrate bei Darmkrebspatientinnen und -patienten bei etwa 65 Prozent. Unser Ziel ist, diese Quote weiter zu verbessern.
Herr Dr. Lewerenz, nicht jeder Tumor wird operiert, oder?
Dr. Lewerenz: Das stimmt. Frühe Krebsformen können noch endoskopisch abgetragen werden. Die dafür eingesetzte Technik der endoskopischen Submucosadissektion (ESD) wird am Klinikum Traunstein mit großer Erfahrung eingesetzt. Geht dies nicht muss, immer noch nicht unbedingt operiert werden. Mit einer Radiochemotherapie – also Chemotherapie kombiniert mit Strahlentherapie – erzielen wir teilweise eine völlige Heilung ohne Operation. In der Langzeitbeobachtung kehrt der Krebs bei dieser Methode seltener zurück. Deshalb gehört sie inzwischen zum leitliniengerechten Standard in zertifizierten Darmkrebszentren. Außerdem ergänzen wir die Radiochemotherapie in geeigneten Fällen um eine zusätzliche präoperative Systemchemotherapie. Diese Kombination trägt den Namen Totale Neoadjuvante Therapie (TNT). Unsere Ergebnisse aus dieser Therapieform sind überzeugend: Bei etwa 30 Prozent der Patientinnen und Patienten verschwindet das Karzinom vollständig – ohne Operation. Besonders bei lokal fortgeschrittenem Rektumkarzinom bevorzugen wir diese neue Option. Für die Weiterentwicklung dieser und weiterer neuen Therapieformen nehmen wir an Studien im Verbund der Krebsarbeitsgemeinschaft Internistischer Gastroenterologen teil. So fließen aktuelle Forschungsergebnisse direkt in unsere Arbeit ein.
Wie geht es nach der Therapie weiter?
Dr. Lewerenz: Wir lassen die Patientinnen und Patienten nicht allein, auch nicht nach ihrem Aufenthalt bei uns. Sie kommen im dreimonatigen Intervall zur Kontrolle, damit wir eine engmaschige Überwachung gewährleisten. Möglich ist das nur durch die enge Kooperation in der Region: Die Klinik, niedergelassene Praxen, Selbsthilfegruppen wie der Verein „Gemeinsam gegen den Krebs“ – alle ziehen an einem Strang. Neben der medizinischen Therapie bieten wir psychoonkologische Betreuung und sozialdienstliche Unterstützung an, denn es geht immer um den Menschen, nicht nur um den Tumor.
Ihr beider Appell zum Darmkrebsmonat März?
Dr. Lewerenz: Hören Sie auf Ihren Körper. Bewegen Sie sich. Essen Sie ausgewogen – wenig rotes Fleisch, mehr Ballaststoffe, Obst und Gemüse. Vermeiden Sie Alkohol, Rauchen und Übergewicht. Und: Nehmen Sie die Vorsorge wahr, denn ab 50 Jahren besteht Anspruch auf Früherkennung – entweder per Stuhltest auf verstecktes Blut oder direkt per Darmspiegelung. Dabei können Polypen, mögliche Vorstufen von Krebs, sofort entfernt werden. Am besten ist, dem Krebs keine Chance zu geben.
Prof. Dr. Jurowich: Informieren Sie sich! Am 18. März laden wir von 12.00 bis 15.30 Uhr zum Darmkrebstag ins Kulturforum Klosterkirche in Traunstein ein. Dort erfahren Sie viel Wissenswertes zu Prävention, Früherkennung und Therapie. Wir erklären dort auch, wie eine zu Unrecht gefürchtete Darmspiegelung abläuft. Und wir stehen für alle Ihre Fragen bereit – wir freuen uns auf Sie!