Unsichtbare Strahlen, große Verantwortung
Der Beruf des Medizinphysik-Experten im Zentrum der Strahlentherapie
Ionisierende Strahlen sind unsichtbar. Ihre Wirkung nicht. Wer sie in der Krebs-Medizin und generell in der Medizin nutzt (und dazu gehört bereits ein einfaches Röntgenbild), braucht mehr als Maschinen. Denn zum Betrieb von Röntgenanlagen und insbesondere einer Strahlentherapie braucht man, neben den fachkundigen Ärztinnen und Ärzten, auch Menschen, die die dafür relevante physikalische Fachkunde haben, und zwar rechtlich zwingend: Die Medizinphysik-Experten, kurz MPE. Der Weg dorthin führt zunächst über ein Masterstudium in Physik oder über ähnliche naturwissenschaftliche Studiengänge. Darauf können Interessierte die Weiterbildung zum Medizinphysik-Experten aufsatteln. Da diese Weiterbildung normalerweise nur an Universitätskliniken angeboten wird, sind diese Experten höchst gefragt. Und hier hat das Klinikum Traunstein angesetzt und bietet heute als eines der wenigen nicht-universitären Häuser in Deutschland diese Weiterbildung an.
Ein Vortrag im Gymnasium
Bei Martin Reis war es damals ein Vortrag im Rahmen des Physik-Leistungskurses im Gymnasium. Thomas Staufer, ein Medizinphysik-Experte des Klinikums Traunstein, spricht dort vor Schülern über Strahlung, Verantwortung und Präzision und über das, was seinen Beruf ausmacht. Und er macht eine Führung durch die Abteilung der Strahlentherapie. „Klingt spannend“, denkt sich der Schüler Martin damals. Der Gedanke bleibt haften. Martin Reis studiert Physik an der Technischen Universität München. Theorie, Formeln, Modelle. Doch ein abgeschlossenes Physik-Studium allein macht noch keinen Medizinphysik-Experten. Er beginnt, nach einem mehrwöchigen Praktikum, die Weiterbildung zum Medizinphysik-Experten am Klinikum Traunstein unter der Ägide von: eben jenem Thomas Staufer, dessen Vortrag er schon zu Schulzeiten gelauscht hatte. Zudem absolviert Martin Reis die wissenschaftliche Weiterbildung zur medizinischen Physik an der Universität Heidelberg mit monatlichen Präsenz- und Prüfungsphasen, welche Theorie und Praxis eines MPE vertiefen soll und sich über zwei Jahre erstreckt. Er sagt stolz: „Ich war der Erste, der die Weiterbildung komplett hier im Haus in Traunstein absolviert hat. Sie hat gut drei Jahre gedauert. Entscheidend ist aber, dass alle rechtlichen Anforderungen und alle Punkte eines deutschlandweit vorgeschriebenen Tätigkeitskatalogs erfüllt werden. Dazu zählen unter anderem 200 Bestrahlungspläne. Nicht theoretisch, sondern selbst praktisch erstellt und abgenommen von einem MPE des Bereichs.“ Jeder einzelne Plan bedeutet Verantwortung, Abwägung, Präzision. Hinzu kommen Spezialkurse, etwa in Karlsruhe, Heidelberg oder Kiel. Ohne diese Kurse keine Fachkunde. Erst nachdem alles abgeschlossen ist – Studium, praktische Tätigkeit, Kurse, dokumentierte Pläne – kann die Fachkunde beantragt werden. In 2025 dann bekommt Martin Reis die Fachkunde durch das Landesamt für Umwelt verliehen. Ein formaler Akt – und doch der entscheidende Schritt. Seitdem trägt er die rechtliche Verantwortung eines Medizinphysik-Experten.
Von Anfang an eine Idee
Der Weg von Niklas Auer ist anders – und doch ähnlich konsequent: Er ist aktuell ein MPE in Ausbildung am Klinikum Traunstein. Er entschied sich von Vorneherein für die Verbindung von Technik und Medizin. Sein Studium: Medizinische Ingenieurswissenschaft. Der Fokus ist damit von Anfang an klar gesetzt: „Ich bin seit 2024 im Klinikum in Traunstein, und absolviere hier die vollständige Weiterbildung zum Medizinphysik-Experten in der Strahlentherapie.“ Bald wird auch für Niklas Auer das Prüfverfahren und der Entscheid durch die zuständige Behörde folgen, denn der Abschluss seiner Weiterbildung wird für April dieses Jahres erwartet. Dann ist auch er offiziell Medizinphysik-Experte.
Der Beruf: Viel Verantwortung
Der MPE setzt das Strahlenschutzgesetz um, wacht über Normen und Vorgaben: Sprich, ohne ihn kein Betrieb von Anlagen zur Erzeugung ionisierender Strahlung, da ist das Gesetz streng. Der MPE arbeitet im Hintergrund – und doch im Zentrum. Ein Teil seiner Aufgaben liegen im Qualitätsmanagement, in der Geräteüberwachung und Wartung.
In der Abteilung für Strahlentherapie und Radioonkologie aber macht der MPE vor allem die Bestrahlungsplanung. PD Dr. Matthias Hautmann, Chefarzt der Strahlentherapie, skizziert die Zusammenarbeit: „Am Anfang steht das CT für die Bestrahlungsplanung. Ich konturiere dann das Zielvolumen und die Risikoorgane, lege also fest, was bestrahlt werden soll und was geschont werden muss. Unsere fünf MPE am Klinikum Traunstein suchen dann die beste Lösung für die Patientin oder den Patienten. Dabei arbeiten wir im Team, auch mit den Medizinisch-Technischen Radiologie-Assistentinnen (kurz: MTRA), eng zusammen, denn der MPE erteilt die physikalische Freigabe, das so genannte planning approval, und ich gebe die Behandlung frei – das so genannte treatment approval.“
In der Praxis heißt das: viel interdisziplinäre Arbeit. Im Klinikum Traunstein sind bereits zum allerersten Bestrahlungstermin Arzt, MTRA und MPE gemeinsam bei Patientin oder Patient. Schon die Lagerung wird vor dem ersten CT geplant, als Vorarbeit für eine präzise Therapie, die im Verlauf immer wieder kurzfristig und exakt an die Entwicklung der Tumoren angepasst wird. Organisatorisch ist die Verantwortung klar verteilt, wobei ein MPE bereichsübergreifend in der Strahlentherapie, der Röntgendiagnostik und der Nuklearmedizin tätig sein kann – immer verantwortlich für den Strahlenschutz.
Zwei Lebensläufe. Zwei Studienwege. Ein Ziel: Die Fachkunde. Denn: Medizinphysik-Experte wird man nicht nebenbei. Man wird es Schritt für Schritt, mit Geduld und Disziplin. Und immer im Bewusstsein, dass am Ende nicht nur ein Titel steht, sondern große Verantwortung. Nicht nur für den Strahlenschutz zum Beispiel von OP- und Anästhesie-Personal oder vom Personal des Herzkatheterlabors, sondern auch für den Behandlungserfolg vieler Patientinnen und Patienten, insbesondere Krebspatienten.