Traunstein - 01.04.2026

Diagnose Parkinson – plötzlich sind da 1000 Fragen

Das Team der Neurologie v.r. Stationsleitung Sinanuddin Durakovic, Gesundheits- und Krankenpflegerin (GKP) Tina Dittrich, Ergotherapeutin Sandra Wehner, Ass.Ärztin Austėja Žiuraitė, Physiotherapeutin Cornelia Peterwinkler, GKP Christiane Holzbauer, Ass.Arzt Mihailo Jevtović, Ass.Ärztin Anna Grillmaier, Kardelen Öztoprak Sozialdienst, Stellv. Stationsleitung Nadine Hackl, Chefarzt Prof. Dr. Thorleif Etgen, GKP Klestjan Duka.
Das Team der Neurologie v.r. Stationsleitung Sinanuddin Durakovic, Gesundheits- und Krankenpflegerin (GKP) Tina Dittrich, Ergotherapeutin Sandra Wehner, Ass.Ärztin Austėja Žiuraitė, Physiotherapeutin Cornelia Peterwinkler, GKP Christiane Holzbauer, Ass.Arzt Mihailo Jevtović, Ass.Ärztin Anna Grillmaier, Kardelen Öztoprak Sozialdienst, Stellv. Stationsleitung Nadine Hackl, Chefarzt Prof. Dr. Thorleif Etgen, GKP Klestjan Duka.

Rund 400.000 Menschen in Deutschland leben mit der Diagnose Parkinson, die für Betroffene eine Zäsur im Leben bedeutet. Die Krankheit selbst kommt nicht mit einem Paukenschlag, sie schleicht sich ein. Erst sind es Schlafstörungen, ein nachlassender Geruchssinn. Dann das Zittern, die kleinere Handschrift, die Verlangsamung. Und plötzlich sind da viele Fragen.

Zum Welt-Parkinson-Tag am 11. April 2026 haben wir mit Prof. Dr. Thorleif Etgen, Chefarzt der Neurologie am Klinikum Traunstein, über Ursachen und Symptome gesprochen – und darüber, dass in unserer Region niemand diesen Weg allein gehen muss.

 

Herr Prof. Dr. Etgen, Parkinson gilt als Krankheit des Zitterns. Wer ist betroffen und was passiert im Körper?

Etgen: Die Parkinson-Krankheit ist eine chronische, fortschreitende Erkrankung des Gehirns. Betroffen sind Nervenzellen, die den Botenstoff Dopamin produzieren und die durch die Erkrankung absterben. Dopamin ist aber entscheidend für die Steuerung unserer Bewegungen. Die meisten Erkrankten sind über 60 Jahre alt, aber auch Jüngere können betroffen sein – dann spielen oft genetische Faktoren eine größere Rolle. Grundsätzlich kann Parkinson jeden treffen, Männer etwas häufiger als Frauen. In den letzten Jahren hat sich zudem gezeigt, dass Parkinson nach dem Einsatz von Pestiziden auch als Berufskrankheit auftreten kann.

Woran erkennt man die ersten Anzeichen?

Die Erkrankung beginnt meist schleichend. Frühzeichen sind Schlafstörungen oder ein Verlust des Geruchssinns. Später folgen einseitiges Zittern, eine kleinere Handschrift oder verlangsamte Bewegungen. Auch depressive Verstimmungen können Hinweise sein. Wichtig ist: Wer solche Veränderungen bemerkt, sollte frühzeitig mit seiner Hausärztin oder seinem Hausarzt sprechen.

Wie geht es nach einem Verdacht weiter?

Dann braucht es eine fachärztliche Abklärung, meist durch eine Neurologin oder einen Neurologen. Ist die Diagnose gesichert, beginnt ein Weg, der gut begleitet werden muss. Viele Betroffene leiden zusätzlich unter Depressionen, Ängsten oder sozialem Rückzug. In manchen Fällen ist auch eine stationäre neurologische Abklärung sinnvoll.

Unsere Klinik in Traunstein bietet neben der eingehenden Diagnostik auch individuell angepasste Therapien – für frühe wie für fortgeschrittene Stadien. Dazu gehört die sorgfältige Anpassung der Medikation, gegebenenfalls auch mit Pumpentherapie. Ergänzt wird dies durch ein spezialisiertes Therapeutenteam aus Physio-, Ergo- und Logotherapie. Hinzu kommen Sozialberatung und psychiatrische Unterstützung. Unser Ansatz ist explizit ganzheitlich: Wir behandeln nicht nur Symptome, sondern den ganzen Menschen.

Welche Rolle spielt die Ernährung?

Eine bewusste Ernährung kann das Wohlbefinden steigern und den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen. Besonders vorteilhaft scheint nach aktuellem Stand der Wissenschaft die mediterrane Küche zu sein: viel Gemüse, Obst und Ballaststoffe fördern die Darmtätigkeit, hochwertige Öle liefern gesunde Fettsäuren, Fisch und Hülsenfrüchte dienen als gute Proteinquellen, während rotes Fleisch reduziert werden sollte. Ernährung kann helfen, Symptome zu lindern und die Wirkung von Medikamenten zu optimieren.

Sie haben ein Parkinson-Netzwerk aufgebaut. Warum?

Gerade bei einer komplexen Erkrankung wie Parkinson ist die enge Zusammenarbeit aller Akteure entscheidend. Die ursprüngliche Idee stammt aus den Niederlanden, wo solche Netzwerke bereits flächendeckend etabliert sind. In Deutschland gibt es inzwischen 21, in Bayern waren wir das erste. Und wir sind jetzt bereits seit zwei Jahren aktiv.

Unser Ziel ist es, die Versorgung in der Region Traunstein, im Berchtesgadener Land und darüber hinaus nachhaltig zu verbessern. Beteiligt sind Ärztinnen und Ärzte verschiedener Fachrichtungen, Reha-Einrichtungen, Pflegekräfte, Therapeutinnen und Therapeuten, Apotheken, Sanitätshäuser und auch das Landratsamt. Wir schaffen ein Netz, das Patientinnen und Patienten auffängt und gemeinsam betreut.

Gibt es Hoffnung auf Heilung?

Eine Heilung im klassischen Sinne gibt es bisher leider noch nicht. Aber die Forschung macht Fortschritte, etwa bei medikamentösen Therapien oder anderen Herangehensweisen. Wichtig ist: Parkinson ist behandelbar. Und niemand muss diesen Weg allein gehen.

Eine ganz wichtige Frage für Betroffene: Wer versteht meine Situation, an wen kann ich mich wenden?

Neben der medizinischen Versorgung spielt der Austausch mit anderen Betroffenen eine zentrale Rolle – und genau hier setzt die Selbsthilfe an.

Im Rahmen des Parkinson-Netzwerks Südostbayern hat sich eine Selbsthilfegruppe etabliert, die seit einem Jahr aktiv ist. Sie ist Teil des gewachsenen Netzwerks, das auf Vernetzung und Kommunikation auf Augenhöhe setzt.

Der Gedanke dahinter ist einfach: Betroffene verstehen Betroffene. Der Austausch kann entlasten, Orientierung geben und helfen, mit der Diagnose umzugehen. Gerade weil viele Patientinnen und Patienten mit Ängsten, Depressionen oder sozialem Rückzug kämpfen, wird dieser Raum des Gesprächs besonders wichtig.

Die Erfahrungen der vergangenen beiden Jahre zeigen: Das Netzwerk funktioniert – und mit ihm auch die Selbsthilfe. Sie ist ein Baustein in einem größeren Gefüge, das trägt. Ein Netz, das auffängt. Informationen zur Selbsthilfegruppe und allen Angeboten erhalten Betroffene im AWO Selbsthilfezentrum. Ansprechpartnerin ist Frau Brigitte Stief, Tel. 08684-9690089 E-Mail: .