28.10.2026 - Klinikum Traunstein

Es begann mit Bauchschmerzen

v. li.: Andrea Huber, Pflegefachfrau für Intensivpflege, Dr. Björn Lewerenz, Chefarzt der Gastroenterologie und Leiter des Pankreaszentrums, Dr. Daniel Fitting, Oberarzt der Gastroenterologie, Patientin Ramona W., Dr. Matthias Volz, Oberarzt Intensivmedizin, Kathrin Häusler und Sarah Maschke, Pflegefachfrauen für Intensivpflege
v. li.: Andrea Huber, Pflegefachfrau für Intensivpflege, Dr. Björn Lewerenz, Chefarzt der Gastroenterologie und Leiter des Pankreaszentrums, Dr. Daniel Fitting, Oberarzt der Gastroenterologie, Patientin Ramona W., Dr. Matthias Volz, Oberarzt Intensivmedizin, Kathrin Häusler und Sarah Maschke, Pflegefachfrauen für Intensivpflege

Der Tag, an dem das alte Leben von Ramona W. endete

Mehr als drei Wochen liegt Ramona W. im künstlichen Koma. Als sie wieder zu sich kommt, kann sie weder sprechen noch sich bewegen. Hinter ihr liegen Wochen, in denen ihre Familie mehrfach um ihr Leben fürchten musste. Vor ihr liegt ein langer Weg zurück ins Leben. Die Geschichte einer 45-Jährigen, die nach mehr als 100 Tagen auf der Intensivstation des Klinikums Traunstein und der anschließenden Reha wieder nach Hause zurückgekehrt ist.

Als Ramona W. die Augen öffnet, kann sie nicht sprechen. Sie versucht, sich zu bewegen. Eine Hand. Irgendetwas. Nichts. „Ich konnte keinen Finger mehr bewegen. Ich konnte überhaupt nichts mehr bewegen und auch nicht reden, als ich aus dem Koma aufgewacht bin“, erinnert sich Ramona W. Ihr Körper gehorcht ihr nicht mehr. Und sie kann niemandem sagen, was in ihr vorgeht. „Man liegt da, gefangen in seinen eigenen Gedanken“, sagt Ramona W. im Gespräch leise. „Das war schon schlimm.“ Zum damaligen Zeitpunkt, Mitte Juni, liegt die 45-Jährige auf der Intensivstation des Klinikums Traunstein. Sie hat einen Kampf hinter sich, von dem sie selbst große Teile nicht bewusst erlebt hat.

Begonnen hatte alles ein paar Monate zuvor, am Abend des 8. März. Ramona W. bekommt plötzlich starke Bauchschmerzen. Ein paar Tage lang hatte sie schon kaum gegessen, aber das führt sie auf beruflichen Stress zurück. Dann muss sie sich übergeben und die Schmerzen werden immer heftiger. „Ich bin nicht der Mensch, der sofort zum Arzt geht.“, sagt sie. Aber ihr Mann Ronne wartet nicht länger, er ruft den Rettungsdienst.

Zwei Drittel der Bauchspeicheldrüse sind abgestorben

In der Kreisklinik Bad Reichenhall stellt sich nach eingehenden Untersuchungen heraus, dass Ramona W. an einer nekrotisierenden Pankreatitis leidet. Zwei Drittel ihrer Bauchspeicheldrüse sind betroffen, also bereits abgestorben. Aufgrund des schweren Verlaufs wird sie in das Pankreaszentrum am Klinikum Traunstein auf die medizinische Intensivstation verlegt.

Dort beginnt ein monatelanger Kampf um das Leben von Ramona W., der interdisziplinär durch die Oberärzte Dr. Markus Barth, Dr. Caroline Rupprecht und Dr. Matthias Volz vom Intensivteam im engen Schulterschluss mit Dr. Daniel Fitting und Dr. Nikolas Ostrowitzki, Oberärzte der Gastroenterologie, betreut wird.

„Das Herausfordernde an schweren Formen einer Bauchspeicheldrüsenentzündung ist, dass die Erkrankung hochdynamisch verschiedene Krankheitsphasen durchläuft. Und bei Frau W. hatten wir immer noch ein weiteres Thema, das wir zu behandeln hatten “, erklärt Dr. Fitting. „Die Therapie musste deshalb ständig angepasst werden.“

Ab 10. März versagt Ramona W.s Kreislauf, Flüssigkeit tritt durch undichte Gefäße ins Gewebe und in den Bauchraum aus, der Druck im Bauch steigt an. Lunge und Darm werden beeinträchtigt, es entsteht ein abdominelles Kompartmentsyndrom. Die Ärzte begegnen dieser lebensgefährlichen Situation mit Darmspülungen, Dekompressionsendoskopien, Pleuradrainagen und Periduralkathetern im Rahmen einer komplexen Schmerztherapie. Ab Mitte April infizieren sich abgestorbene Bereiche der Bauchspeicheldrüse sowie umliegend angedautes Gewebe mit verschiedenen Bakterien und Hefepilzen. Die Nieren versagen zeitweise. Die Harnleiter werden durch abgestorbenes Gewebe abgedrückt und müssen geschient werden.

Die Ärzte kämpfen um ihr Leben

Mehr als 30-mal wird Ramona W. endoskopisch behandelt, um abgestorbenes Gewebe zu entfernen. Sie braucht Drainagen, zeitweise eine Dialyse und wird mehr als zwei Monate beatmet. Ramona W. wird interdisziplinär betreut: interventionelle Gastrologen, Intensivmediziner, interventionelle Radiologen, Chirurgen, Anästhesisten und auch Infektiologen werden hinzugezogen. „Gerade bei einem so schweren und langen Krankheitsverlauf entscheidet nicht eine einzelne Behandlung über den Erfolg. Jede Fachrichtung bringt ihre besondere Expertise ein. Entscheidend ist aber, dass daraus eine gemeinsame Behandlung wird“, wissen die Ärztinnen und Ärzte aus den behandelnden Teams. Bei Ramona W. bedeutet das: Während die einen die Antibiotika- und Pilztherapie steuern, kümmern sich andere um Atmung, Kreislauf, Nieren, Infektionen oder um interventionell notwendige Eingriffe. Gerade weil sich ihr Zustand immer wieder verändert, müssen alle Spezialisten ihre nächsten Schritte stets eng aufeinander abstimmen.

„Bei schwerer Pankreatitis mit Organversagen ist die Behandlung in einem spezialisierten Zentrum wie hier am Klinikum Traunstein von großer Bedeutung“, sagt Dr. Björn Lewerenz, Chefarzt der Gastroenterologie und Leiter des zertifizierten Pankreaszentrums, der den Fall übergreifend betreut hat. Das Klinikum Traunstein verfügt über ein DKG-zertifiziertes Pankreaszentrum mit operativer und endosonographischer Expertise. „Ein solcher Verlauf zeigt, wie wichtig das Zusammenspiel der vielen Spezialistinnen und Spezialisten hier im Klinikum ist.“

Der Ehemann ist jeden Tag bei ihr

Zwischen dem 15. April und dem 15. Juni wird sie immer wieder ins künstliche Koma gelegt. Während Ramona W. selbst nichts mitbekommt, sitzt ihr Mann Ronne an ihrem Bett. Jeden Tag. Er hält ihre Hand und erzählt ihr von draußen. Von ihrem gemeinsamen Sohn Noah. Von Dingen, die Vater und Sohn gemeinsam erlebt haben. Auch Noah darf seine Mutter besuchen. Der damals Neunjährige wird durch die Psychologin der Intensivstation, Gisela Otrzonsek, und durch eine Kinderpsychologin auf das vorbereitet, was ihn erwartet. Malsachen stehen bereit. Sie helfen ihm auch dabei, das Erlebte aufzuarbeiten. Noah hält die Hand seiner Mutter und streichelt sie, auch wenn er nicht weiß, ob seine Mutter das spürt oder nicht.

Ronne weiß auch nicht, ob seine Frau hört, was er ihr erzählt. Und er weiß nicht, ob er am nächsten Tag wieder an diesem Bett sitzen wird, denn die Ärzte haben ihm gesagt, dass seine Frau möglicherweise nicht überleben wird. Die Vorsorgevollmacht ist unterschrieben. Entscheidungen müssen getroffen werden. „Ich habe jeden Tag gefürchtet, dass man mich anruft und mir sagt, dass sie nicht mehr ist“, erzählt Ronne. „Ich wollte deswegen unbedingt jeden Tag für sie da sein.“ Anfang Juni bekommt er endlich die Nachricht, nach der er sich monatelang gesehnt hat: Ramona ist über den Berg. Ihr Zustand ist nicht mehr lebensbedrohlich.

Sie ist über den Berg

Ramona W. weiß nicht, wie oft es bis zu diesem Zeitpunkt schon kritisch für sie wurde. Dr. Fitting und die anderen Kolleginnen und Kollegen des Intensivteams und der Gastroenterologie schon. „Es gab einige Situationen, in denen wir dachten, wir hätten sie verloren.“ Mitte Juni wacht Ramona W. dann auf. Und nun beginnt ein anderer Kampf. Einer, den sie bewusst erlebt: Nicht sprechen zu können. Sich nicht bewegen zu können. Vollständig abhängig zu sein von anderen. Angst zu haben und gleichzeitig begreifen zu müssen, was geschehen ist. Die Menschen um sie herum helfen ihr dabei, ihr Mann, die Pflegekräfte, die Ärztinnen und Ärzte, der Physiotherapeut, die Psychoonkologin des Psychologischen Dienstes der Intensivstation, Gisela Otrzonsek, und auch die Seelsorgerin Angelina Sitzberger. Sie hatte Ramona schon vor dem Koma besucht und kommt auch danach immer wieder. „Sie war wirklich toll“, weiß Ramona W. „Sie hat viele Sorgen auffangen können.“

Es kommen kleine Erfolge

Auch an Dr. Fitting erinnert sie sich besonders. Er führt viele ihrer endoskopischen Behandlungen durch, kommt auf Station und erklärt ihr, wie es weitergeht. „Ein ganz toller Arzt“, sagt sie. Irgendwann kommen kleine Erfolge. Ende Juni kann Ramona W. mit Hilfe an der Bettkante sitzen. Später übt sie mit der Physiotherapie am hohen Gehwagen. Sie lernt wieder zu stehen, zu gehen, sich selbst zu waschen, wenn auch anfangs nur mit Hilfe des Physiotherapeuten oder der Pflege. Dinge, über die sie früher nie nachgedacht hätte. Nach vier Monaten Intensivstation geht sie direkt in die Reha.

Heute ist Ramona W. wieder zu Hause, aber die lange Erkrankung hat Spuren hinterlassen. Sie hat eine Polyneuropathie in den Füßen und Schmerzen in den Gelenken entwickelt. Weil ein großer Teil ihrer Bauchspeicheldrüse verloren gegangen ist, lebt sie nun mit einem Diabetes Typ 3.

Physiotherapie, Ergotherapie und Sport gehören weiter zu ihrem Alltag. Auch über eine Rückkehr in ihren Beruf denkt sie nach, ihr Chef hat schon bei ihr nachgefragt. Aber noch braucht ihr Körper Zeit, sie war schließlich mehr als 100 Tage auf der Intensivstation. Trotz allem geht es ihr vergleichsweise gut, sie kann sich wieder selbstständig versorgen, sie kann laufen und ihren Alltag soweit bewältigen. „Die Ärztinnen und Ärzte und auch die Pflegekräfte auf der Intensivstation haben sich aber auch wirklich wahnsinnig gut um mich gekümmert“, sagt Ramona W.

Was diese Monate mit ihr gemacht haben, lässt sich schwerer messen als Blutwerte oder Organfunktionen. Da sind die Erinnerungen an die Machtlosigkeit. An das Aufwachen. An einen Körper, der sich nicht bewegen ließ. Und an die Angst. Ramona W. trägt noch schwer daran, im Gespräch fließen Tränen.

Aber da sind auch andere Erinnerungen: an eine Hand, die die ihre hielt, an ihren Mann, der täglich an ihrem Bett saß. An Menschen, die sich immer um sie gekümmert haben. An die ersten Minuten auf der Bettkante. An den ersten Schritt. Ramona W. ist noch nicht am Ende ihres Weges. Aber sie geht ihn wieder selbst auf ihren eigenen zwei Beinen.

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Das Pankreaszentrum am Klinikum Traunstein

Nach wie vor gilt die nekrotisierende Pankreatitis als intensivmedizinisches Krankheitsbild mit hoher Sterblichkeit. Für die leitliniengerechte Behandlung ist, wie im Klinikum Traunstein, ein hochspezialisiertes Zentrum mit erfahrenen Intensivmedizinern, interventionell versierten Endoskopikern und Radiologen sowie Chirurgen mit Expertise in minimal-invasiver und invasiver Pankreaschirurgie notwendig. Schonende operative Techniken mittels Robotik erlauben eine raschere Genesung der Patientinnen und Patienten.

Das Pankreaszentrum am Klinikum Traunstein ist zertifiziert durch die Deutsche Krebsgesellschaft e.V. (DKG) OnkoZert. Die Zertifizierungsstelle der DKG bescheinigt, dass das Pankreaskrebszentrum Chiemgau am Klinikum Traunstein, vertreten durch Chefarzt Dr. med. Björn Lewerenz, die in den durch die Deutsche Krebsgesellschaft festgelegten „Fachlichen Anforderungen an das Modul Pankreas im Viszeralonkologischen Zentrum“ definierten Qualitätskriterien erfüllt. Durch lange Erfahrungen und Zertifizierung als Pankreaszentrum der DKG wurde diese Infrastruktur im Klinikum Traunstein durch den Zentrumsleiter Dr. Björn Lewerenz und seinen Stellvertreter Prof. Dr. Christian Jurowich aufgebaut. Koordinator Chirurgie ist der Leitende Oberarzt Dr. André Prock, Koordinator Gastroenterologie ist Dr. Daniel Fitting.