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Warum Nierenkrebs oft ein Zufallsbefund ist – und was Betroffene wissen müssen

Nierenkrebs ist vergleichsweise selten und wird oft zufällig entdeckt – etwa bei einer Ultraschalluntersuchung aus ganz anderem Anlass. Am Klinikum Traunstein der KSOB wurde ein spezialisiertes Nierenkrebszentrum aufgebaut, das erfolgreich von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziert wurde. Das Nierenkrebszentrum ist eingebunden in das zertifizierte Onkologische Zentrum.

Prof. Dr. Dirk Zaak, Chefarzt der Abteilung für Urologie, der neben dem neuen Nierenkrebszentrum auch die Zentren für Prostata- und Hodenkrebserkrankungen leitet, erklärt Warnzeichen, Diagnose und Behandlung – und was Betroffene vom neuen Nierenkrebszentrum am Klinikum Traunstein erwarten können.

 

Herr Prof. Dr. Zaak, wie häufig ist Nierenkrebs überhaupt?

Prof. Dr. Dirk Zaak: Im Vergleich zu vielen anderen Tumorarten ist Nierenkrebs relativ selten. 2022 erkrankten in Deutschland rund 9.000 Männer und 4.800 Frauen an einem Nierenzellkarzinom, wie Nierenkrebs in der Fachsprache genannt wird. Frauen sind bei der Diagnose im Schnitt etwa 71 Jahre alt, Männer etwa 68. Trotz der relativ geringen Zahlen ist Nierenkrebs für den Einzelnen natürlich eine sehr ernste Diagnose – deshalb braucht es spezialisierte Zentren, die sich gut damit auskennen.

 

Was kann Nierenkrebs auslösen?

Prof. Dr. Dirk Zaak: Bei vielen Betroffenen lässt sich im Nachhinein nicht sagen, warum sie erkrankt sind. Wir kennen aber Risikofaktoren. Dazu gehören vor allem das Rauchen, Übergewicht und Bluthochdruck. Auch eine chronische Nierenschädigung oder ein Nierenversagen steigern das Risiko. Manche Menschen sind durch seltene erbliche Erkrankungen gefährdet. Und wer beruflich mit bestimmten Chemikalien – etwa Lösungsmitteln, wie Trichlorethen – zu tun hat, hat ebenfalls ein erhöhtes Risiko. Zudem spricht vieles dafür, dass Bewegungsmangel das Risiko erhöht. Körperliche Aktivität scheint also zu schützen. Die Rolle der Ernährung hingegen ist nicht endgültig geklärt, klar ist aber: Ein gesunder Lebensstil mit Bewegung und ohne Nikotin hilft gleich gegen mehrere Krankheiten – auch gegen Nierenkrebs.

 

Gibt es eine Vorsorge-Untersuchung für alle, wie beim Darmkrebs?

Prof. Dr. Dirk Zaak: Nein. In Deutschland gibt es derzeit keine allgemeine Früherkennungs-Untersuchung speziell für Nierenkrebs. Die Erkrankung ist relativ selten, eine regelmäßige Untersuchung aller gesunden Menschen wäre sehr aufwendig und hätte für die meisten keinen Nutzen. Anders ist es bei Menschen mit deutlich erhöhtem Risikopotenzial – etwa mit chronischen Nierenschäden oder bei Verdacht auf eine erbliche Belastung. Diese Patientinnen und Patienten überwachen wir gezielt.

 

Woran merke ich, dass ich einen Tumor in meiner Niere habe?

Prof. Dr. Dirk Zaak: Das Tückische ist: Typische frühe Warnzeichen fehlen meistens. Die meisten Nierenzellkarzinome entdecken wir zufällig – zum Beispiel bei einer Ultraschall- oder CT-Untersuchung, die ursprünglich wegen etwas Anderem gemacht wurden. Beschwerden, wie Blut im Urin oder ein tastbarer Tumor treten oft erst bei größeren Tumoren auf.

In solchen Fällen sollte man nicht abwarten, sondern baldmöglichst seine hausärztliche oder fachurologische Praxis aufsuchen. 

 

Wie geht es weiter, wenn der Verdacht im Raum steht?

Prof. Dr. Dirk Zaak: Zuerst sprechen wir mit dem Patienten: Vorerkrankungen, Medikamente, Beschwerden – das gehört alles zum Gesamtbild. Ganz entscheidend sind bildgebende Verfahren: Ultraschall, Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT). Damit erkennen wir Größe, Lage und Ausbreitung des Tumors und können die Therapie individuell planen. Eine Gewebeprobe – die Biopsie – ist meist nicht nötig. Wichtig ist sie aber dann, wenn wir eine Operation vermeiden wollen oder wenn Metastasen da sind und wir das Tumorgewebe genauer charakterisieren müssen.

 

Wie behandeln Sie einen lokal begrenzten Nierentumor?

Prof. Dr. Dirk Zaak: Wenn der Tumor auf die Niere begrenzt ist und keine Metastasen vorliegen, ist eine Operation der Standard, denn dann haben wir eine gute Chance auf Heilung. Unser Ziel ist immer, so viel gesundes Nierengewebe wie möglich zu erhalten. Wenn es technisch möglich ist, entfernen wir nur den Tumor, nicht das ganze Organ. Operiert werden kann klassisch-offen über einen Schnitt oder minimal-invasiv – robotisch assistiert.

Die verschiedenen Verfahren sind von den Ergebnissen her vergleichbar. Wichtig für die Entscheidung ist, welche Methode zur Lokalisation des Tumors passt, ob Voroperationen oder Vorerkrankungen bestehen. Im Klinikum Traunstein ist die robotische Vorgehensweise ein zentrales Qualitätsmerkmal, das wir in geeigneten Fällen auch entsprechend einsetzen.

 

Gibt es Alternativen zur Operation? 

Prof. Dr. Dirk Zaak: Ja, aber nur für wenige Fälle. Bei sehr kleinen Tumoren und hohem Operationsrisiko kann auch ein anderes Vorgehen sinnvoll sein: Wir beobachten den Tumor engmaschig – „aktive Überwachung“ heißt das Verfahren. Zu Beginn entnehmen wir dafür meist eine Gewebeprobe. Dieses Vorgehen birgt aber auch Risiken, deshalb muss es sehr sorgfältig abgewogen werden.

In ganz spezifischen Fällen, z. B. wenn eine Operation wegen schwerer Begleiterkrankungen zu riskant wäre, können Tumore manchmal auch mit hochenergetischen Röntgenstrahlen, der sogenannten Cyberknife-Technik, behandelt werden, ein Verfahren, das aber keinen Standard darstellt. 

 

Und wenn der Krebs schon gestreut hat?

Prof. Dr. Dirk Zaak: Wenn sich Metastasen gebildet haben, reicht eine Operation meist nicht mehr aus oder ist gar nicht möglich. Dann behandeln wir in der Regel mit Medikamenten – man spricht von systemischer Therapie, weil die Behandlung dann im ganzen Körper wirkt.

Heute setzen wir vor allem auf zwei Säulen: zum einen sind das so genannte zielgerichtete Medikamente, die sich gegen bestimmte Eigenschaften der Tumorzellen richten. Zum anderen gibt es die Immuntherapie mit sogenannten Immun-Checkpoint-Hemmern, die das eigene Immunsystem gegen den Krebs mobilisieren. Oft kombinieren wir diese Verfahren. Das hängt wiederum von diversen Kriterien ab und wird von uns grundsätzlich in der interdisziplinären Tumorkonferenz mit allen Experten und in Abstimmung mit den zuweisenden niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen festgelegt.

Die klassische Chemotherapie, wie wir sie von vielen anderen Tumorarten kennen, hilft beim Nierenzellkarzinom kaum. Und die Strahlentherapie setzen wir vor allem zur Linderung von Beschwerden ein, etwa bei Metastasen in Knochen oder Gehirn.

 

Was dürfen die Patientinnen und Patienten vom neuen Nierenkrebszentrum am Klinikum Traunstein erwarten?

Prof. Dr. Dirk Zaak: Wir heben die Versorgung von Nierenkrebspatienten in der Region sicherlich nochmals auf ein höheres Niveau. Das neue Nierenkrebszentrum ist fest in das zertifizierte Onkologische Zentrum am Klinikum Traunstein eingebunden und ergänzt die bestehenden spezialisierten Organzentren. Wichtige Qualitätsmerkmale – so wurde es bei der Zertifizierung unseres Nierenkrebszentrums durch die Prüfer hervorgehoben – sind die hohe Expertise in der offenen und robotischen Chirurgie, die strukturierte interdisziplinäre Tumorkonferenz und die schnelle Information der zuweisenden Ärztinnen und Ärzte. Positiv bewertet wurde übrigens auch der Verein „Gemeinsam gegen Krebs e.V.“, der unsere Patientinnen und Patienten, sowie deren Angehörige zusätzlich psychoonkologisch unterstützt. Kurz gesagt: Wer in unserer Region an Nierenkrebs erkrankt, ist hier sehr gut versorgt.