Patienten erzählen

Es reicht für drei Leben

Eine Patientengeschichte, die Frauen mit Brustkrebs Mut machen soll

 BU Bild 2: Cornelia O. zum Gespräch in Traunstein.
BU Bild 2: Cornelia O. zum Gespräch in Traunstein.

Als Cornelia O. 1996 im Alter von 41 Jahren die Diagnose Brustkrebs bekam, hielt sie das damals für ihr Todesurteil. Heute, fast drei Jahrzehnte später, lebt sie mit großer Lebensfreude – trotz Rezidiven, Operationen, Metastasen, Lokaltherapien, Systemtherapien und immer wiederkehrenden Kontrollen. Und mit einem Willen, der sich nicht beugen lässt, denn ihr Lebensmotto ist: „Mich machst Du, Krebs, nicht fertig!“

Der schmale Grat zwischen Stärke und Erschöpfung

Es beginnt bei ihr, wie solche Geschichten oft beginnen: unauffällig, nicht dramatisch und nicht einmal schmerzhaft. Aber gerade das macht Krebs so tückisch. „Das Fatale an dieser Krankheit ist ja, dass man keine Schmerzen in dem Sinne hat“, sagt die gebürtige Frankfurterin. „Und dass in der Regel so ein kleiner Knoten nur bei einer Mammographie, beim Ultraschall oder durch Abtasten entdeckt wird. So war das auch bei mir …“

Das war 1996: das Jahr, in dem bei ihr Brustkrebs festgestellt wird. In einer Zeit, in der Therapie und Diagnostik noch völlig anders waren als heute – und in der ein Wort wie „Brusterhalt“ noch keineswegs selbstverständlich klang. „Das war ein absoluter Schock für mich und meinen Mann“, sagt sie. „Und ich dachte, das war es für mich.“ Der eigentliche Schock aber ist das Danach: Denn nach der Diagnose folgen Untersuchungen, Termine, Gespräche. Und schließlich die Kernfrage: Tumor entfernen – oder die ganze Brust? „Ich musste dann die Entscheidung treffen, nur den Tumor oder gleich die ganze Brust entfernen zu lassen“, erzählt sie. „Ich habe mich für den Brusterhalt entschieden in der Hoffnung, dass es reicht. Die dann folgende Behandlung wurde mit einer damals üblichen Chemo- und Bestrahlungstherapie durchgeführt,“ sagt Cornelia O, „unter der ich leider noch heute leide; die Spätfolgen sind auf meinem Dekolleté sichtbar.“

Wer so etwas sagt, sagt es nicht, um Mitleid zu bekommen. Sie betont das ausdrücklich. Sie erzählt ihre Geschichte, weil sie weiß, wie schmal der Grat zwischen Stärke und Erschöpfung ist. „Ich war damals am Boden zerstört, fühlte mich nicht mehr als vollwertige Frau, hatte weder Kraft noch Energie, und keine Freude mehr am Leben“, sagt sie. Und dann dieser Satz, der im Raum stehen bleibt, weil er so selten ausgesprochen wird: „Ich habe in dieser Zeit öfter mit dem Gedanken gespielt, meinem Leben ein Ende zu setzen.“ Sie sagt das ohne Pathos, konstatiert es fast sachlich. Gerade deshalb trifft es. Denn es zeigt: Krebs ist nicht nur ein Tumor. Krebs ist auch Angst, Verlust, Selbstzweifel. Und das Gefühl, plötzlich nicht mehr man selbst zu sein. Damals und seit dieser Zeit ist es ihr Mann, der sie hält. Nicht mit Ratschlägen, sondern mit Zugewandtheit. Cornelia O. beschreibt seine „immer wieder aufmunternde Unterstützung und Liebe“. Gemeinsam suchen sie eine Haltung, die nicht nur durch die Therapie trägt. Und finden eine, die sich bis heute durch ihr ganzes Leben zu zweit zieht – letztes Jahr war Goldene Hochzeit.

Mit Sport gegen die Angst

Als ihr damaliger Frauenarzt sie nach der ersten Erkrankung mahnt, vorsichtig zu sein, schont sie sich nicht. Er rät: Füße hoch, Selbsthilfegruppe, Austausch mit anderen Betroffenen. Cornelia O. entscheidet sich für das glatte Gegenteil: „Ich wollte mich auf keinen Fall jeden Tag mit meiner Erkrankung beschäftigen, sondern mein Leben wieder lebenswert machen.“ Das war eine ganz persönliche Grundsatzentscheidung. Keine gegen den Weg anderer Frauen, sondern nur für sie selbst: Sie ist berufstätig als Chefsekretärin in verantwortlicher Position: „Ich bin trotz Chemo und Bestrahlungen immer am nächsten Tag ins Büro gegangen.“

Dann kommt der Sport in ihr Leben. Ihr Mann, selbst sehr sportlich, hatte von einem Marathonläufer gelesen, der „seinem Krebs davongelaufen“ war. Cornelia O. mochte Sport eigentlich nicht, aber sie beginnt zu laufen. Erst ein bisschen. Dann mehr. Und irgendwann wird das Laufen zur Strategie gegen das Grübeln und das Gefühl des Ausgeliefert-Seins. Ihrem Krebs, der ja immer mitläuft, gibt sie während dieser Zeit sogar einen Namen: „Begleiter“ oder „Lebensgefährte“ nennt sie ihn mit sarkastischem Unterton. Das Ergebnis ist erstaunlich: „Unendlich viele 10 km-Läufe, mindestens zehn Halbmarathons und schlussendlich sogar fünf Marathons, dazu kleine Triathlons.“ Ihren ersten Marathon läuft sie mit ungefähr 45. „Das war Anfang der 2000er“. Sport gehört dazu, sagt sie. Und man glaubt ihr sofort.

Sie verdrängt die Krankheit so gut es geht und fühlt sich wieder lebendig. „Mir ging es physisch und körperlich immer besser“, sagt sie. „Mir ging es, sorry für die Wortwahl, saugut!“ Und dann kommt der Satz, den viele Krebspatientinnen kennen: die Hoffnung auf Schlussstrich: „Die Ärzte meinten damals, ich sei geheilt, ich hätte den Krebs besiegt.“ Doch Cornelia O. korrigiert sich direkt im Gespräch selbst – mit einer Klarheit, die weh tut, denn nach neun Jahren kommt der Krebs zurück.

Rezidiv. Wieder in die Klinik nach Wiesbaden. Wieder Entscheidungen. Diesmal lautet die Empfehlung: komplette Entfernung der Brust mit anschließender Brustwiederherstellung. „Diese Wiederherstellung hat mir damals körperlich zu einem neuen Lebensgefühl verholfen,“ erinnert sie sich. Sie merkt bis heute, wie sehr diese Rekonstruktion nachwirkt. Sie sagt einen Satz, den man in solcher Deutlichkeit selten hört: „Eine Frau besteht aus mehr als nur Brüsten, aber trotzdem war der Wiederaufbau bei mir gut fürs Selbstwertgefühl.“

Krebsrezidive Nummer drei und vier

2019 zieht das Ehepaar in den Chiemgau.  Eine routinemäßige Mammographie und Sonographie zeigt ein axilläres Lokalrezidiv – wieder auf der Seite der bereits operierten Brust. „Es war gefühlt die dritte Krebserkrankung“, sagt sie. Diesmal folgt die Nachbehandlung ausschließlich antihormonell. An ihrer Lebenseinstellung ändert das nichts. Sie macht weiter Sport, moderater und keinen Marathon mehr, sondern mehr als Genuss in der Natur. Aber die Botschaft bleibt. „Ich habe weiterhin mit der Einstellung gelebt: ‚Mich machst Du, Krebs, nicht fertig!‘“

Ab 2022 ist Cornelia O. in den Kliniken Südostbayern in Behandlung, denn der erneute Befund in der Axilla führt zur nächsten, der vierten, Operation. Sie wird in der Kreisklinik Bad Reichenhall operiert. Was sie noch genau weiß: „Da war damals ein junger Arzt aus der Radiologie, der sich die Bilder ganz genau angeschaut hat. Und er hat die Tumore gottseidank damals entdeckt.“ Aber im Rahmen des CT wird auch etwas entdeckt, was sie erschüttert: Metastasen. „Es wurde zum ersten Mal eine einzelne Knochenmetastase im Kreuzbein festgestellt“, erzählt sie. Ab hier ist sie bei PD Dr. Matthias Hautmann, Chefarzt der Strahlentherapie am Klinikum Traunstein, in Behandlung. Es folgt eine Hochpräzisionsstrahlentherapie. Und es verändert sich etwas: Nicht die Krankheit – sondern das Gefühl, ihr nicht allein ausgeliefert zu sein. „Natürlich bin ich mit Angst und einem sehr mulmigen Gefühl in das Gespräch mit PD Dr. Hautmann gegangen“, sagt Cornelia O. „Aber er machte mir sofort sehr viel Mut und Hoffnung, die ich damals doch fast ganz verloren hatte. Auch das gesamte Team der Strahlentherapie war immer sehr freundlich und hat zu meinem Wohlgefühl beigetragen.“

Vollkommenes Vertrauen und das beste Weihnachtsgeschenk

PD Dr. Hautmann spricht mit ihr über gezielte Bestrahlungen isolierter Knochenmetastasen und über Erfolge. Cornelia O. erlebt ihn als freundlich, einfühlsam, kompetent: „Ich fühle mich bei ihm gut aufgehoben“, sagt sie. PD Dr. Hautmann betont derweil die Möglichkeiten, die moderne Strahlentherapie bietet – präzise, mit dem Ziel, Metastasen kontrollierbar zu machen und Lebensqualität zu erhalten. Cornelia O. sagt es im Gespräch ohne Umweg: „„Ich vertraue Herrn Dr. Hautmann vollkommen.“

PD Dr. Hautmann beschreibt die Situation: „Bei Frau O. handelt es sich um eine Erkrankung mit immer wiederkehrender, so genannter Oligometastasierung. Das bedeutet, dass in diesem Fall der Tumor nur an einzelnen Stellen wiederkehrt, wodurch eine Lokaltherapie, wie die Strahlentherapie, an Bedeutung gewinnt. In einem solchen Fall bestrahlt man die Knochenmetastasen auch leicht dosiseskaliert, um die lokale Kontrolle zu verbessern. Die Knochenmetastasen sind bei Frau O. nach 2022 noch zwei weitere Mal wiedergekehrt, zwei Metastasen in 2024 und eine dann Anfang 2025. Wir konnten alle zielgerichtet und dosiseskaliert bestrahlen, auch wenn die einzelnen Metastasen relativ nah aneinander lagen. Insgesamt darf ich zum jetzigen Zeitpunkt sagen, dass der Tumor sehr gut kontrolliert ist.“

Die größte Belastung für Cornelia O. sind die vierteljährlichen Untersuchungen. CT, Mammographie, Sonographie. In der Zeit bis zum Ergebnis dominiert die Angst. „Das belastet jedes Mal meine Psyche enorm“, sagt sie. Mit Blick auf ihre jüngste Kontrolle im Dezember 2025 wird sie fast emotional: „Ich bin sehr dankbar, dass in Bezug auf die Knochenmetastasen Erfolge verbucht werden konnten und, das Allerwichtigste, dass im Moment keine weiteren Metastasen zu erkennen sind. Herr Dr. Hautmann hat mir damit das schönste Weihnachtsgeschenk ever gemacht!“

Der Ablauf der Bestrahlung selbst ist für sie fast schon erstaunlich unspektakulär – und gerade das ist eine Erleichterung nach den früheren Therapien. „Die Strahlentherapie verursacht keine Schmerzen und Übelkeit.“, sagt sie. „Nichts tut weh, man spürt überhaupt nichts und nach 10 Minuten ist die Bestrahlung zu Ende.“ Sie fährt jedes Mal allein mit dem Auto nach Traunstein, rund 30 Minuten pro Strecke. Nur eine Nebenwirkung bleibt: Müdigkeit, Fatigue. „Ich bin immer sehr müde und schlapp, sodass ich mich daheim dann oft ausruhen muss, besonders im Winter“, erzählt sie.

Neben den Bestrahlungen wird sie von einer Onkologin in Rosenheim betreut. Sie bekommt eine Langzeit-Chemotherapie in Tablettenform. Dazu einmal im Monat eine Infusion für den Knochenaufbau. Heute lebt Cornelia O. mit der Realität, dass Kontrolle und vermutlich auch Therapien ständige Begleiter sind und weiterhin sein werden. Doch sie will nicht, dass ihre Krankheit ihr tägliches Denken bestimmt. Sie will nicht bemitleidet werden. Sie will keinen Sonderstatus, sondern sie will etwas Anderes: dass Frauen sehen, was möglich ist, auch wenn nichts mehr sicher scheint. Das ist auch der Grund, warum sie ihre Geschichte auf Anfrage der Klinik erzählt hat. „Bei mir reicht es für drei Leben“, sagt sie. „Aber ich möchte Mut machen: Frauen können viel!“